Enkeltrick-Mafia im großen Stil

Gerhard Schick zeigt auf, wie der Finanzmarkt die Gesellschaft vergiftet

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 5 Min.

Es ist höchste Zeit für eine Finanzwende, sagt der Finanzexperte (und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen) Gerhard Schick. »Die Bank gewinnt immer«, lautet der Titel seiner so aufregenden wie empörenden Bestandsaufnahme zum weitgehend unkontrollierten Finanzmarkt. Im Untertitel benennt Schick die politische und gesellschaftliche Gefahr: »Wie der Finanzmarkt die Gesellschaft vergiftet«. Neue Regeln und Maßnahmen müssen her, um den nächsten Finanzcrash zu vermeiden und kriminelle Akteure dingfest zu machen. Eine bürgerfreundliche Finanzwelt sei durchaus möglich, behauptet Schick.

Wer aber kennt nicht Erzählungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, wie Freunde und Bekannte von ihren Freunden und Bekannten über den Tisch gezogen wurden und sie auf einmal unnötige und miserable Finanzprodukte am Hals hatten, die sie eine Menge Geld kosteten? Freundschaften gehen für den Raubzug im Auftrag von Versicherungen oder Banken in die Brüche, egal: Hauptsache, Kasse gemacht. Und wer kennt nicht Geschichten von Oma oder Opa, die noch an den guten alten Bankberater glaubten und der rüden Wirklichkeit trickreicher Verkäufer in den Bankfilialen (oder auch beim Hausbesuch) ahnungslos gegenüber standen. Tochter oder Enkel staunten dann, wenn Oma oder Opa um ihre Ersparnisse gebracht waren, die sie für irgendeinen Fonds oder eine Privatversicherung hergegeben hatten, eine Konstruktion, die sich erst dann halbwegs amortisiert hätte, wenn Oma oder Opa 120 Jahre alt geworden wären.

Lang ist die Liste, die Gerhard Schick in seinem Buch zum ganz gewöhnlichen Bankwesen entfaltet: Gefälschte Bilanzen, Steuerbetrug, Geldwäsche für Drogenkartelle, Deutschland als Paradies für Geldwäsche, Manipulation von Zinssätzen durch Banken, Insiderhandel, offshore. Schick bezeichnet die Bankenbranche als Erwerbszweig, der »zu großen Teilen nicht wesentlich anders operiert als die Enkeltrick-Mafia«; das vorherrschende System in den Vertriebsgesprächen sogenannter Bankberater entlarvt er in anschaulichen Vergleichen: »Beratung auf Provisionsbasis«, schreibt Schick, »das ist in etwa so, als würde man sich von einem Anwalt vertreten lassen, der bei der Gegenseite angestellt ist. Oder einem Arzt vertrauen, der bei einem Pharmaunternehmen angestellt ist.« Am Beispiel der CumEx-Geschäfte als »Form organisierter Kriminalität« benennt der Autor ausführlich Teilhaber und Teilnehmer in diesen kriminellen Netzwerken.

Der 48-Jährige ist tatsächlich eine Ausnahme. Dreizehn Jahre lang war er Bundestagsabgeordneter für die Grünen, dann gab er sein Mandat mitten in der Legislaturperiode, Ende 2018, auf. Als unabhängiger Finanzexperte glaubt er nun, wirksamer sein zu können. Denn der Bundestag vertrete nicht die Interessen der Bürger, sagt Schick, sondern die Interessen von Banken. Wir lebten nicht in einer Marktwirtschaft, sagt er, sondern in einer Machtwirtschaft. »Gewaltenverschränkung«, nennt es der Diplom-Volkswirt, nicht Gewaltenteilung, wie vorgegeben. Damit meint er die Zusammensetzung des Bundestags. 709 Abgeordnete gibt es in der aktuellen 19. Legislaturperiode im Bundestag, es herrscht die Große Koalition aus CDU und SPD mit zusammen 398 Abgeordneten. Das heißt, die meisten Mitglieder der Regierung sind zugleich Abgeordnete, selbst die Kanzlerin. »Formal wird die Regierung von den Parlamentariern kontrolliert«, urteilte eine Journalistin der Wochenzeitung »Die Zeit«, »faktisch aber kontrolliert sie sich selbst«. Stillstand also, keine Debattenkultur, die Macht ist aufseiten der Regierung, nicht aufseiten des Parlaments. Über diese Zustände hat Schick bereits 2014 ein Buch verfasst: »Machtwirtschaft - nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient«.

»Wenn wir das Finanzsystem vom Kopf wieder auf die Füße stellen wollen«, schreibt Schick in seinem neuen Buch, »geht das nur gemeinsam, mit einer starken zivilgesellschaftlichen Organisation, bei der viele Bürgerinnen und Bürger mitmachen.« Genau das versuche er mit seiner »Bürgerbewegung: Finanzwende« jetzt hinzubekommen. Immer wieder empörend, wie staatliche Organe, Aufsichtsbehörden, Staatsanwaltschaften, verantwortliche Politiker alles dafür tun (oder unterlassen), um Betrüger aus vermögenden Kreisen straffrei davonkommen zu lassen. Hinzu kommt, dass jene, die Licht in das Dunkel bringen, mit juristischer und körperlicher Gewalt bedroht werden, eingeschüchtert, mundtot gemacht.

Und die sogenannte Aufsichtsbehörde, die BaFin, ist Teil des Problems, sagt Schick, denn sie untersteht dem Finanzminister. Der Finanzminister ist an einem funktionsfähigen Finanzsystem interessiert - auch auf Kosten von Kunden. Und »die BaFin«, schreibt der Autor, »genehmigt deshalb leider immer wieder Maßnahmen zu Lasten der Verbraucherinnen, um etwa die Gewinne und damit auch die Kapitalausstattung von Versicherungen zu erhöhen«.

Schick will das nicht länger hinnehmen und stemmt sich mit seiner »Bürgerbewegung Finanzwende« gegen diese Machtverhältnisse. Ein aberwitziges Unternehmen? Kamikaze? Don Quichote? In einem Interview hat er jüngst nüchtern darauf hingewiesen, dass zum Beispiel der Dieselskandal von der Deutschen Umwelthilfe aufgedeckt worden sei, einem Verein, der 500 Mitglieder hat. Schicks Organisation hat bereits vier Mal so viele Mitglieder.

Unter der Überschrift »Da geht noch was« listet der Autor am Ende jedes Kapitels Lösungsvorschläge auf und gibt Beispiele aus anderen Ländern, in denen deutsche Probleme weniger gravierend sind. Bei der Altersvorsorge nennt er Schweden mit seinem Bürgerfonds, beim Wohnen Österreich mit seinen vielen gemeinnützigen Wohnungen. Und für den Deutschen Bundestag fordert er ein »Lobby- und Transparenzregister«, das es in der EU beispielsweise längst gibt.

Gerhard Schick hat ein herausforderndes Buch verfasst, es ist schaurig und abgründig und alarmierend, klar gegliedert, stringent argumentierend, Fakten gesättigt und in klarer, zumeist sachlicher und nüchterner Sprache geschrieben. Das ist Aufklärung im besten Sinne, atemberaubend und beängstigend zugleich. Denn dass das Finanzsystem weiterhin auf sehr wackligem Fundament steht, verdeutlicht er am Ende auch.

Gerhard Schick: Die Bank gewinnt immer. Wie der Finanzmarkt die Gesellschaft vergiftet. Campus, 256 S., geb., 22 €.

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