Erneuerbare brauchen einen letzten Schub

Für das Ende der nuklearen Energiegewinnung muss die Nutzung Erneuerbarer Energien massiv ausgebaut werden - doch vor allem bei der Windkraft stockt es

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit 2011 läuft die deutsche Atomkraft aus - genauer gesagt: die Erzeugung von Strom mit Hilfe per Kernspaltung erzeugter Wärme. »Moderne« Kernenergie funktioniert im Grunde genauso simpel wie fossile Stromerzeuger - der Unterschied ist nur die Wärmequelle. Die ist bei Atomkraftwerken zwar klimapolitisch nicht so bedenklich, dafür aber viel zu riskant und mit hunderttausend Jahre andauernden Altlasten behaftet. Strom kann man umweltverträglicher und preiswerter haben.

In sonnenreichen Gegenden erzeugt Photovoltaik Strom schon für zwei Cent je Kilowattstunde. Damit kann auch kein AKW-Strom mithalten. Müsste Atomstrom zudem alle gesellschaftlichen Kosten tragen, würde die Kilowattstunde ab Kraftwerk 25 bis 39 Cent kosten, errechnete das Forum Sozial-Ökologische Marktwirtschaft in einer Studie.

Erneuerbare und Atomkraft hängen jedoch enger zusammen, als man gemeinhin annimmt. Als Deutschland den Ausstiegsbeschluss fasste, erlebten Wind- und Sonnenstrom gerade ihre beste Zeit: Von 2010 bis 2012 kamen jährlich 9000 bis 10 000 Megawatt Windkraft und Photovoltaik hinzu. Nahezu folgerichtig plante die damalige schwarz-gelbe Regierung, als Ersatz für die abzuschaltenden Atomkraftwerke den Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung zu verdoppeln - von damals 17 auf 35 Prozent um 2020. Heute decken Erneuerbare sogar schon 45 Prozent des Stromverbrauchs ab. Der Atomausstieg wurde also bisher deutlich überkompensiert: Seit 2010 sank die Erzeugung aus Atomkraftwerken um 76 Terawattstunden (TWh), zugleich kamen aber 150 TWh Ökostrom dazu.

Der hinausgezögerte Kohleausstieg sorgte parallel für ein enormes Stromüberangebot. Zeitweise exportierte Deutschland jede zehnte erzeugte Kilowattstunde. 2019, vor dem Corona-Einbruch, lag der Stromüberschuss noch bei gut 30 TWh. Daraus könnte wegfallender Atomstrom ersetzt werden, aber nur zum Teil. Denn im Vor-Pandemie-Jahr 2019 kamen aus den AKW noch rund 75 TWh Strom. Um das zu ersetzen, reicht das Abschmelzen des Exports nicht. Aus Klimaschutzgründen wäre es zudem am besten, wenn Atomstrom eins zu eins durch Ökostrom ersetzt würde.

Das Problem dabei: AKW erzeugen im Jahr rund 7000 Stunden Strom, Photovoltaik kommt hierzulande auf 1000 und Windkraft an Land auf gut 2000 Jahresbetriebsstunden. Um die 8500 Megawatt wegfallenden Atomstrom zu ersetzen, ist also ein Mehrfaches an Erneuerbaren-Kapazität nötig. Der Ausbau der Windkraft auf See fällt für 2021 und 2022 aber weitgehend weg: Schon jetzt ist klar, dass offshore nicht viel neue Windkraftwerke in Betrieb gehen.

Denkfabriken wie Agora Energiewende verlangen - vor allem wegen des Klimaschutzes - so ziemlich ab sofort einen Zubau von 10 000 Megawatt Photovoltaik und 5000 bis 6000 Megawatt Windkraft an Land, und das jedes Jahr. Damit könnten - grob gerechnet - um die 20 TWh Strom erzeugt werden, in den beiden Atomabschaltjahren 2021 und 2022 addiert also 40 TWh - zusammen mit dem sinkenden Stromexport ließe sich der Atomstrom rechnerisch also in etwa ersetzen.

Auch für Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, muss in den kommenden Monaten der Ausbau neuer Wind- und Solaranlagen »massiv beschleunigt« werden, um die wegfallenden Atomstrommengen durch Erneuerbare zu kompensieren, wie der Thinktank im Vorfeld des Fukushima-Jubiläums mitteilte. Diese Ausbauziele werden allerdings in den kommenden beiden Jahren nie und nimmer erreicht. Dazu sind vor allem die Hemmnisse für Windkraft an Land zu groß - und die sind so schnell auch nicht beiseite zu räumen.

Verschärft wird das durch den steigenden Bedarf an Ökostrom: durch E-Mobilität, die Herstellung »grünen« Wasserstoffs und andere Dekarbonisierungstechnologien. Das Energieberatungsunternehmen EUPD Research sagt in einer von der Solarbranche unterstützten Studie voraus, dass von 2018 bis 2030 der Stromverbrauch in Deutschland jährlich um 1,5 Prozent ansteigt. Für 2023 rechnet EUPD schon mit einer Lücke von 46 TWh.

Der Atomausstieg droht so die ohnehin entstehende Lücke beim Ökostrom noch zu vergrößern. Vor einem »Blackout« oder einem Strommangel braucht man sich allerdings nicht zu fürchten. Auch Graichen meint, um die Versorgungssicherheit müssten wir uns keine Sorgen machen.

Der Grund: Landauf, landab steht eine Vielzahl wenig ausgelasteter Gas- und Kohlekraftwerke bereit, die nur allzu gern in die Stromlücke springen. Insgeheim rechnen vor allem die Kohleverstromer damit, dass der Atomausstieg ihnen einen, wenn auch letzten Aufschwung beschert.

Mit der Folge allerdings, dass der Klimaschutz Schaden erleidet. Graichen geht von kurzfristig steigenden CO2-Emissionen aus, wenn der Ausbau bei Wind und Sonne weiter so unter den Klimavorgaben bleibt.

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