Fukushima will grün werden

Noch immer leidet die Präfektur unter dem Imageverlust. Politik und Wirtschaft orientieren sich längst um

  • Von Felix Lill, Fukushima
  • Lesedauer: 7 Min.

Hätte die Heimat von Tetsuzo Yamaguchi schon im März 2011 keinen Atomstrom produziert, wären ihm einige Probleme erspart geblieben. »Ich wusste wirklich nicht mehr weiter«, sagt der 68-Jährige, als er über sein Betriebsgelände tapst. »Da hinten wird Nihonshu hergestellt, der traditionelle Reiswein. Im Trakt davor destillieren wir Shochu, einen Schnaps auf Roggen- oder Süßkartoffelbasis.« Bevor der kurzgewachsene Herr mit schütterem Haar das Bürogebäude betritt, blickt er noch betreten gen Himmel. »Aber all das wurde unwichtig.«

Der 11. März 2011 brachte plötzlich ganz andere Probleme. Für Yamaguchi, der in zehnter Generation die mehr als 250 Jahre alte Destillerie Sasanokawa leitet, verlief die Geschichte so: »Am Nachmittag bebte die Erde ganz gewaltig. Wir hatten ungeheure Angst ... Sehen Sie den Schornstein auf dem Foto da drüben?« Er deutet auf ein altes Schwarz-Weiß-Bild an der Wand. »Durch das Erdbeben brach der zusammen.« Auch die moderneren Boiler wurden beschädigt. »Dann waren alle Lieferketten unterbrochen. Wir konnten erst mal dichtmachen.«

Mehr als 70 Kilometer westlich war ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen worden. Kurz darauf schwappte ein Tsunami mit über 20 Meter hohen Wellen auf diverse Küstenorte herein. Und als wäre das nicht genug, havarierte dadurch auch noch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Durch Erdbeben und Tsunami verloren 470 000 Menschen ihr Zuhause. An die 20 000 starben.

In Tetsuzo Yamaguchis Heimatstadt Koriyama merkte man vom Atomunglück zunächst wenig. Zwar war die Strahlung auch hier erhöht, evakuiert wurde die 330 000-Einwohner-Stadt aber nicht. Direkt neben der Destillerie eröffnete sogar eine Notunterkunft. »Wir machten wieder auf. Aber nur, um auf die Schnelle Getränke für die Leute zu mischen«, erinnert sich der Sakebrauer. »Im Nachhinein muss man froh sein, dass sie es zu schätzen wussten. Wertschätzung wurde danach nämlich zur Seltenheit.«

Die landesweit bekannte Destillerie Sasanokawa ereilte ein Schicksal, das noch heute unzählige Unternehmen aus der Gegend betrifft. Produkte »Made in Fukushima« wollte keiner mehr haben. Auch für Fischer, Reisbauern und andere verhängten die wichtigen Exportmärkte China, Taiwan, Südkorea und auch die EU Importstopps. »Aber unser Wasser ist sauber«, klagt Yamaguchi. »Das lässt sich beweisen!« Bis heute versteht der ältere Mann, dessen Sakes jahrelang ausgezeichnet wurden, die Welt nicht mehr.

Eine gute Zugstunde nördlich soll aus der Not eine Tugend werden. In einem mit Zetteln, Ordnern und Kartons überhäuften Großraumbüro in Fukushima-City, Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, sitzt Masashi Takeuchi. Der Chef der Energieabteilung der Regionalregierung versprüht Zuversicht: »In Fukushima wird kein Atomstrom mehr hergestellt«, erklärt der Mann im kurzärmligen Hemd. »Bis 2040 werden wir die grünste aller 47 Präfekturen Japans sein.«

Konkret heißt das: In knapp 20 Jahren will Fukushima den Energiebedarf zu 100 Prozent aus Erneuerbaren decken. Derzeit liegt der Anteil noch bei rund einem Drittel. Dafür investiert die Präfektur seit einigen Jahren in Solarpanels, die auf verstrahltem Brachland installiert werden, in Windparks vor der Küste, in Wasserkraftwerke und Anlagen für Geothermie. Stolz reicht Takeuchi eine bunte Broschüre über den Tisch, die die vielen nachhaltigen Energieprojekte in der Region anpreist. »Mittlerweile kommen Vertreter anderer Präfekturen her, um von uns über grüne Energien zu lernen.« Man habe auch eine Partnerschaft mit Nordrhein-Westfalen. »Dort haben sie ja ebenfalls einen Strukturwandel hinter sich.«

Mit dem Umstieg auf Erneuerbare hat es Fukushima deutlich eiliger als Japan insgesamt. »Unsere Regierung hat Ende letzten Jahres beschlossen, dass Japan bis 2050 CO2-neutral wird«, erklärt Masaaki Komatsu, Mitarbeiter der Energieabteilung des Wirtschaftsministeriums in Tokio am Telefon. Was er nicht sagt: Der Schritt kam auf Druck von außen zustande. Zuvor hatte die EU Selbiges verkündet. Im Dezember war China nachgezogen, mit einem um zehn Jahre längeren Zeithorizont. Daraufhin sah sich Japans Premier Yoshihide Suga, der zuvor wenig Interesse an diesen Themen offenbart hatte, zu einer Kehrtwende gedrängt.

Allerdings erklärt Ministeriumsmitarbeiter Komatsu: »Ohne Atomkraft wird dieser Wandel kaum zu schaffen sein. Denn wir sind ein rohstoffarmes Land und sind, anders als die Länder der EU, nicht an ein kontinentales Stromnetz angeschlossen.« Vor dem GAU in Fukushima hatte man in Japan die Atomkraft sogar als beste Lösung gesehen. Im März 2011 lag der Anteil am Energiemix bei einem Drittel, sollte schrittweise auf 40 Prozent erhöht werden. Als die Regierung nach den Katastrophentagen die 54 Atomreaktoren im Land abschaltete, schnellten wegen der erhöhten Öl- und Gasimporte die CO2-Emissionen hoch. Die müssen aus Klimaschutzgründen aber gesenkt werden, weshalb sich Japans Regierung, anders als etwa die in Deutschland, nicht für einen Atomausstieg entschlossen hat. Unter strengeren Bedingungen sind mittlerweile neun Reaktoren wieder am Netz, die sechs Prozent der Stromversorgung liefern. Weitere befinden sich im Prüfverfahren. »Bis 2030 sollen wieder gut 20 Prozent im Energiemix aus Atomstrom kommen«, sagt Masaaki Komatsu.

Dabei ist dieses Vorhaben im Land umstritten. Laut einer aktuellen Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK wünschen sich zwei von drei Japanern entweder eine Reduktion der Atomabhängigkeit oder einen Komplettausstieg. Die landesweite Ablehnung liegt übrigens nur unwesentlich unter der im leiderprobten Fukushima.

In Minamisoma, einer Küstenstadt 25 Kilometer südlich der AKW-Ruine, stapft Jin Baba durch feinen Sand. »Achteineinhalb Jahre durften wir den Strand nicht öffnen«, erinnert sich der Rathaus-Mitarbeiter. Seinerzeit musste er den Ort mit seinen Kindern verlassen, kehrte aber bald zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. »Wir haben den Sand immer wieder abgetragen und Geigerzähler installiert. Wir wurden oft geprüft. Allmählich kommen die Badegäste wieder.«

Es ist ein schöner Strand. Und Jin Baba ist anzusehen, dass er das auch so sieht. Aber der lockere Typ in Shorts und T-Shirt sagt auch: »Unsere Region hat durch die Katas-trophe einen riesigen Imageverlust erlitten.« Die Erklärung der Regionalpolitiker, dass hier kein AKW mehr ans Netz gehen wird, ist für ihn ein wichtiger Schritt nach vorne.

Aber wie weit kommt man damit? Die Orte rund um das havarierte Atomkraftwerk bleiben bis heute evakuiert. Und die Gefahren, die von den noch immer glühenden Reaktoren ausgehen, werden noch lange Zeit dem Ruf der Präfektur Fukushima schaden. Und wenn man wie geplant das radioaktiv belastete Kühlwasser ins Meer leitet, wird das nicht helfen. »Dem Strand von Minamisoma ganz bestimmt nicht«, sagt Jin Baba und zuckt resigniert mit den Schultern.

Eine Stunde landeinwärts mag Brauer Tetsuzo Yamaguchi an all das, was er nicht beeinflussen kann, gar nicht mehr denken. »Nihonshu und Shochu exportieren wir praktisch nicht mehr«, sagt er, geht zur Tür, raus auf den Hof. »Dafür haben wir nach dem Atom-GAU angefangen, Whisky zu brennen. Japanischer Whisky ist in den letzten Jahren ja sehr beliebt geworden, vor allem in westlichen Ländern.« Yamaguchi huscht ein Lächeln übers Gesicht, als er die Produktionshalle zeigt. »Hier lagern unsere neuen Fässer. Die Destillation machen wir da drüben.« 2014 begann er schottische Whiskysorten zu importieren und hier zu blenden. »Aber mittlerweile stellen wir auch unseren ganz eigenen Single Malt her, der zu 100 Prozent aus der Region stammt. Er heißt Yamazakura.«

Whisky made in Fukushima - klingt abenteuerlich? Doch es funktioniert. Das Umsatzniveau vor 2011 hatte Sasanokawa bei Ausbruch der Coronakrise schon leicht überschritten. Allerdings glaubt Yamaguchi nicht, dass die Verkaufserfolge durch einen Imagegewinn seiner Heimatregion begründet sind. »Wahrscheinlich reiten wir einfach auf der Beliebtheitswelle für Whisky aus Japan mit.«

Eine Statistik spricht für die Vermutung: Die für Fukushima wichtige Fischereibranche brachte es bei Ausbruch der Pandemie nur auf gut zehn Prozent der Umsätze von früher. Am Strand von Minamisoma, wo einst viele Fischer in See stachen, sagt Jin Baba noch: »Damit sich Fukushima erholen kann, bräuchten wir einen Atomausstieg in ganz Japan.« Erst dann könne man seine Nachbarn und die Welt davon überzeugen, dass man aus der Krise gelernt habe.

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