Im Archiv der wohlstandsverwöhnten Wehmütigkeit

Abitur 1985: Frank Goosen über das Jahr, in dem er 19 wurde - und darüber, was vorher war und danach kam

Wir sind nur ein paar alte Knacker, die sich erinnern«, lässt Frank Goosen seine Romanfigur Fränge den Inhalt seines 80er-Jahre-Buches »Sweet Dreams. Rücksturz in die Achtziger« zusammenfassen. Und die belesene Romanfigur Förster ergänzt Fränges Feststellung mit einem Zitat des Romantikers Jean Paul: »Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.«

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Frank Goosen: Sweet Dreams. Rücksturz in die Achtziger. Kiepenheuer & Witsch, 240 S., br., 11 €. •

Derart könnte man fast jedes Buch von Frank Goosen zusammenfassen. Angefangen bei seinem sehr erfolgreichen Debüt »Liegen lernen« aus dem Jahr 2000 über seine Geschichtensammlungen wie »Radio Heimat« oder »Mein Ich und sein Leben« bis hin zu den wunderbaren Romanen »So viel Zeit«, »Kein Wunder« und »Förster, mein Förster«. Man fragt sich schon, ob es jetzt wirklich noch mal ein Buch braucht, das genau die alten Knacker als Zielgruppe hat, von denen es erzählt? Gibt es überhaupt noch irgendetwas Neues, das uns Frank Goosen über seine 80er Jahre erzählen kann?

Nein, gibt es nicht. Ehrlich gesagt hat man als treue Goosen-Leser*in ziemlich viele Déjà-vus. Doch jetzt kommt das große Aber: Goosens Geschichten sind im Laufe der Jahre so etwas wie eine literarische Stammkneipe geworden. Man kommt rein und trifft ständig die gleichen Gesichter. Aber genau darum fühlt man sich in der Stammkneipe ja wohl, oder? Goosen ist ein Popliterat. Er arbeitet sich in immer neuen Varianten an seiner Biografie ab. Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz meint, Pop sei für alle, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts aufgewachsen sind, ein Zuhause, in dem Gefühle und Erinnerungen gespeichert seien. Pop stelle »Agency« beim »Sinn- und Identitätsbasteln« zur Verfügung.

Genau das exerzieren Goosens Bücher immer und immer wieder durch. Es geht um Popmusik, die Schneider-Kompaktanlage, den Sony-Walkman, TDK-Kassetten und Karottenjeans. Es geht um Fußball und das Fernsehprogramm. Es geht um Nicole und Claudia. Es geht um Liebe und Bochum. Es geht um Freunde. Es geht um individualästhetisch und lebensstilorientierten Konsum als Subjektivierungspraxis, wie es vielleicht der Soziologe Andreas Reckwitz sagen würde. Es geht um People, Things, Places and Affections, um es mit den Schlüsselwörtern aus John Lennons altem Lied »In My Life« zu sagen.

Goosens Geschichten werden von Selbstironie getragen und laufen immer auf eine Pointe zu. Auch wenn es ernst wird, geht es immer irgendwie weiter. Politik kommt darin lediglich als historischer Marker vor, ähnlich wie Mode oder die Charts. Was am Ende zählt, sind eigentlich eher die persönlichen Beziehungen.

Die Geschichten im Buch sind chronologisch angeordnet. Es beginnt 1980 mit Nicole und dem Album »McCartney II«. Es endet Ende der 10er Jahre bei einem Klassentreffen. Auf dem Buchumschlag ist der berühmte Sony-Walkman abgebildet. Die Kapitel sind in fünf Mixtape-Kassetten eingeteilt. Die Geschichten sind die einzelnen Songs. Meistens drehen sie sich um den autobiografischen Ich-Erzähler Goosen und seine Kumpels Spüli, Pommes und Mücke. Ab und zu ist eine Geschichte über den Schriftsteller Förster, den Lehrer Brocki und den Kneipenwirt Fränge eingestreut.

Im Mittelpunkt steht das Jahr 1985. »Das Jahr, in dem wir neunzehn wurden« ist dieses Mixtape betitelt. In zwölf Tracks begleiten wir dann Goosens Protagonisten durch ihr Abi-Jahr. Mit dem nächsten Tape »Zimmer mit Aussicht« geht es von 1987 bis 1989 weiter.

Das letzte Tape versammelt drei Geschichten, die allesamt in der Gegenwart der alten Knacker spielen. Und hier entpuppt sich Goosen auch noch als postmoderner Erzählfuchs. Denn in der letzten Geschichte unterhält sich die fiktive Romanfigur Förster mit einer Frau aus dem autobiografischen Geschichtenuniversum über den realen Frank Goosen. Und damit legt er nachträglich einen weiteren roten Faden quer durch alle Mixtapes.

Klar, das alles sind Geschichten aus der guten, alten Zeit des noch älteren weißen Mannes. Ein Archiv der wohlstandsverwöhnten Wehmütigkeit. Nick Hornby, von dem Goosen viel gelernt hat, hat irgendwann die Kurve gekriegt. Meist sind jetzt mutige Frauen die Heldinnen seiner Bücher. Und in seinem jüngsten Werk »Just like you« sind es eine 40-jährige Frau und ein junger Schwarzer aus der Unterschicht. Goosen hätte auch das Talent, Neues zu wagen. Er müsste es nur tun.

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