«Uns hat die Macht noch nicht korrumpiert»

Louise Michels zeitgenössischer Bericht über die zwei Monate der Pariser Kommune liegt in neuer Übersetzung vor

Man hat versucht, aus den Frauen eine Kaste zu machen. Die Auslese fand unter den zermalmenden Kräften im Lauf der Geschichte statt. Man hat uns nicht gefragt, wie wir das finden, und wir brauchen niemanden zu fragen.« Schon gar nicht die Männer, fand Louise Michel. Ihnen wollte die in die Hauptstadt gezogene Lehrerin aus Vroncourt im Departement Haute-Marne und militante Streiterin für die Pariser Kommune auf keinen Fall auch noch die Geschichtsschreibung überlassen.

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Louise Michel: Die Pariser Commune.
A. d. Franz. u. m. einem Vorwort v. Veronika Berger. Mandelbaum, 416 S., geb., 28 €. •

Was dabei herausgekommen wäre, ist bei einem ihrer Mitkämpfer zu lesen, der als Erster jene Ereignisse im Pariser Frühling 1871 zu Papier brachte: »Die Lehrerin aus dem XVII. Bezirk, die so sanft und geduldig zu den Kindern war und von ihnen angebetet wurde«, fabulierte der Journalist Hippolyte Lissagaray, »war für die Sache des Volkes zur Löwin geworden. Sie hatte ein Korps von Helferinnen gebildet, die auf dem Schlachtfeld den Verwundeten die erste Hilfe brachten und in den Hospitälern die Pflege der Genossen übernahmen.«

Ein solches Narrativ entsprang eher der mit Klischees von liebenden und dienenden Frauen behafteten Männerfantasie als der Realität. Vor allem tat sich Michel als politische Aktivistin und mitreißende Rednerin hervor, der es um Sein und Bewusstsein der unterprivilegierten Schichten gelegen war. Die Ziele der Kommunarden - Überwindung der Klassengegensätze, Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Trennung von Kirche und Staat, radikale Umstrukturierung von Justiz, Bank und Steuerwesen, Verbesserung des Bildungssystems - verknüpfte sie mit der noch ungelösten Frauenfrage. Zwar wurde die Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter von der Linken offiziell anerkannt, doch schlossen die angestrebten allgemeinen Menschenrechte nicht implizit die Rechte der Frauen ein. Der Zugang zu höchsten Ämtern etwa blieb ihnen auch in der Pariser Kommune verwehrt. Alle 80 Delegierten, die ihre Ämter in der Gemeindeversammlung oder im Zentralkomitee ausübten, waren Männer.

Wie konnte es eine Regierung aller durch alle geben, vertreten durch die Kommune, fragte sich Michel, ohne den Frauen ihren Anteil zuzugestehen? Für die Zukunft hatte sie dennoch Hoffnung: »Die neue Welt wird uns mit einer freien Menschheit vereinen, in der jedes Wesen seinen Platz hat.« Auf dem Weg dorthin durfte dieser Platz auch mal auf einer Barrikade sein, hinter einer Kanone oder mit einem Gewehr im Anschlag. »Vielleicht stimmt es, dass Frauen den Aufstand lieben. Wir sind nicht besser als die Männer«, räumte Michel ein, »aber uns hat die Macht noch nicht korrumpiert.«

In der letzten Maiwoche, als die Regierungstruppen aus Versailles auf die abtrünnige Hauptstadt vorrückten, um die alte Ordnung wiederherzustellen, kommandierte Michel ein Frauenbataillon, das sich militärisch in nichts von einem Männerbataillon unterschied. Ihre Kompetenz und Renitenz ließen die Befehlshaberin noch zu Lebzeiten zu einem Widerstandssymbol avancieren - wenn auch nicht zu einer nationalen Ikone wie posthum Jeanne d’Arc. Denn der Humanistin und Atheistin ging ganz bewusst der religiöse Impetus des tiefgläubigen Bauernmädchens ab, das nur 30 Kilometer von Michels Vroncourt entfernt aufgewachsen war, wenn auch in einer anderen Zeit. »Was die Religion anbelangt«, lautete die Maxime der Kommunardin, »fordere ich die radikale Abschaffung des Kirchenwesens und an seiner Stelle die strengste Moral, gewährleistet durch das Bewusstsein, das zur Anleitung zum Handeln für alle werden muss.«

Michel wurde wegen ihrer Beteiligung an der Kommune zu lebenslänglicher Deportation auf der östlich von Australien gelegenen, zu Frankreich gehörenden Pazifikinsel Neukaledonien verurteilt und später begnadigt. Sie durfte wieder nach Paris zurückkehren. Inzwischen hatte sie sich der anarchistischen Bewegung angeschlossen. Im libertären Sozialismus würden, so ihre Überzeugung, alle Herrschaftsbeziehungen aufgelöst, alle sozialen Unterschiede aufgehoben und die Emanzipation der Frau in einer klassenlosen Gesellschaft verwirklicht werden.

Louise Michels Texte zur Pariser Kommune und ihr Selbstzeugnis über ihre Tätigkeit sind jetzt in einer neuen deutschen Fassung herausgekommen. Keine leichte Aufgabe für die Übersetzerin, zumal Michel alles zwar mit fast einem Vierteljahrhundert Abstand, aber doch für ein Publikum geschrieben hat, dem die meisten Namen im Buch noch ein Begriff waren. Veronika Berger behilft sich mit einem umfangreichen Glossar, das auch einer nicht vorgebildeten Leserschaft den Zugang zu Ereignissen und Akteuren ermöglicht.

Die Behutsamkeit der Übersetzerin und der lebhafte Reportagestil der Protagonistin, frisch und authentisch wiedergegeben, ermöglichen das Eintauchen in eine Zeit, die zwar anderthalb Jahrhunderte zurückliegt, aber so verschieden von der heutigen auch nicht scheint: »Es war alles bereits da«, schreibt Berger in ihrem Vorwort, »man wusste, was Kapitalismus bedeutete, man wusste, wozu er fähig war und wovor man sich schützen sollte.«

Louise Michels Blick zurück auf die Pariser Kommune, gleichzeitig aber auch mit ungebrochenem Mut nach vorn lässt uns, verspricht Veronika Berger und hält Wort, »daran freuen, dass es hier, wenn auch für so kurze Zeit, möglich war, Strukturen der Gleichberechtigung zu verwirklichen«.

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