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Zuerst die Farce, dann die Tragödie?

USA in der Krise - drei Bücher auf Ursachensuche jenseits von Donald Trump

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Die hier angezeigten drei Sachbücher entstanden während Trumps Präsidentschaft. Aber sie verlieren mit seinem Abgang nicht an Wert. Dieses Kompliment verdient sich in erster Linie »Amerika im kalten Bürgerkrieg« von Torben Lütjen, der den Großteil von Trumps Amtszeit vor Ort an einer Universität und im Alltag in Tennessee miterlebte. Sein Blick auf die Ursachen für die Krise der wunden Weltmacht geht weit zurück und relevanten Fragen nach: Wie Amerikas Ära der Polarisierung begann. Wie eine Nation sich auseinanderlebt. Wie, schon vor Trump, die populistische Entfesselung begann. Wie sich die Linken, teils ihren rechten Feind imitierend, radikalisieren. Und: Was das für die Demokratie bedeutet.

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Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert. WBG/Theiss, 224 S., geb., 20 €.

Kai Buchholz: Der Amerikanische Traum. Eine kritische Bilanz. WBG Academic, 192 S., geb., 30 €.

James Comey: Nichts als die Wahrheit. Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung der US-Justiz. Droemer, 285 S., geb., 20 €. •

Dass der Politikwissenschaftler so breite Fragen verständlich und unterhaltsam in einem schmalen Band bewältigt, weist ihn als souveränen Beobachter aus. Lütjen sieht eine Hauptursache der Spaltung in den Entwicklungen der frühen 60er bis 80er Jahre des 20. Jahrhunderts: als der faule Kompromiss zwischen den politischen Eliten gegenüber der hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg noch immer fortdauernden Diskriminierung der Schwarzen im Süden aufzubrechen begann. Als die Demokraten unter Präsident Johnson den Kurs der Rassentrennung verließen, damit aber nicht nur die rechten Südstaaten-Demokraten gegen sich aufbrachten, sondern den Süden den Republikanern auslieferten. Die Jahre der Liberalisierung wiederum provozierten einen Rückstoß. Darin fanden Nixons »schweigende Mehrheit« und rechte Evangelikale zusammen. Sie machten Front gegen neue Rechte für Minderheiten, Frauen und Schwule oder gegen das Grundrecht auf Schwangerschaftsunterbrechung.

Lütjen erinnert daran, wie urbane Räume an den Küsten von der Globalisierung profitierten, das ländliche Amerika darunter aber litt, wie dies extreme Reaktionen auf beiden Seiten und die Abneigung der Parteilager befeuerte - und Trump nach oben spülte. Die Betrachtung des erstarkten linken Flügels der Demokraten gehört zu den besonders lesenswerten Kapiteln. Wiewohl nicht Parteimitglied, werden zu Recht Rolle und Verdienst von Senator Bernie Sanders herausgearbeitet und sein - laut Lütjen - bis heute spürbares Handeln »in Kategorien von Klasse und sozialer Ungleichheit«. Mit seiner Betonung der sozialen Frage habe er sich nicht »im wunderlichen Labyrinth der identity politics verloren«, betont der Autor.

Das Buch wurde vor der Wahl abgeschlossen, doch Lütjens Überlegungen, was geschehen könnte, falls Biden statt Trump gewinnt, erwiesen sich als tragfähig. Das dürfte auch für die Prognose zutreffen, dass Trump wohl »gar nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang von etwas« war. Vielleicht komme bei den Republikanern »nach ihm jemand mit der gleichen Skrupellosigkeit und Brutalität, den gleichen populistischen Instinkten - der aber viel disziplinierter ist, viel ideologischer agiert und strategischer vorgeht«. Vielleicht, so Lütjens Pointe, habe Marx ja unrecht: »Vielleicht kommt zuerst die Farce - und dann erst die Tragödie.«

Auch »Der Amerikanische Traum« von Kai Buchholz geht der Krise nach, aber viel flüchtiger und allgemeiner. Der Verfasser dieser Zeilen empfand es wie einen kleinen Reiseführer vor allem für Jugendliche, die wenig Vorkenntnisse mitbringen und nicht mit zu vielen Details beschwert werden wollen. Für derartig Neugierige ist das Buch eine Einführung. Die Bedrohungen für den sprichwörtlichen amerikanischen Traum macht Buchholz hauptsächlich an den unter Trump erstarkten Hassgruppen fest. Deren Gedankengut gibt er großzügig wieder, während die kritische Auseinandersetzung damit spärlich ausfällt. Ein Gewinn sind die Grafiken und Landkarten zu Gründungs- und Aktivitätszentren rechtsextremer Gruppierungen sowie zu rassistischen und neonazistischen Gewalttaten im Lande.

Schließlich das neue Buch des früheren FBI-Direktors James Comey. »Nichts als die Wahrheit« widmet sich nicht nur der Abrechnung mit Präsident Trump, der ihn 2017 fristlos entlassen hatte. Auch diese Autobiografie des Juristen, der lange als Bundesstaatsanwalt arbeitete, 2003 zum Vizejustizminister und zehn Jahre später zum Direktor des FBI berufen wurde, kann nach seinem Bestseller »Größer als das Amt« von 2018 an Trump nicht vorbei. Sie geht jedoch tiefer, untersucht den offenen Missbrauch des Justizsystems durch den Präsidenten und seinen Justizminister und befindet: Trump und Handlanger William Barr haben politisch kriminell die Rechtsordnung so verändert, dass fortan »Justitia keine Augenbinde mehr tragen« wird. Comey erzählt kurzweilig und gibt anhand zahlreicher spektakulärer bis haarsträubender Fälle Einblicke in das verzweigte und verzwickte US-Rechtswesen und seine Besonderheiten.

So erfährt der Leser, dass Bigamie zwar in allen 50 Teilstaaten verboten, es in 19 von ihnen aber zulässig ist, wenn »Sie Ihren Cousin oder Ihre Cousine heiraten«. Zu seinen Fällen gehörte auch Bill Clintons Nationaler Sicherheitsberater Sandy Berger. Der hatte im Nationalarchiv wie ein gewöhnlicher Krimineller geheime Dokumente gestohlen, um Clinton nach dessen Amtszeit vor Ermittlungen zu schützen. Manche von Comeys Ideen für eine gerechte Justiz wirken angesichts allgegenwärtiger Missbrauchsanfälligkeit naiv. Doch die Erfahrungen des Insiders nicht zuletzt mit dem FBI, das unter seinem ewigen Direktor Hoover (von 1924 bis 1972) regelmäßig das Recht mit Wildwestmethoden umging, führen Comey zuletzt zu einem ehrenwerten Vorschlag: Ein klarer Bruch mit der Vergangenheit wäre es, »indem J. Edgar Hoovers Name vom FBI-Hauptgebäude entfernt und es nach der Bürgerrechtsikone John Lewis umbenannt würde«.

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