Zeit des Aufbruchs und der Enttäuschung

Ein historischer Rückblick auf das Frühjahr 1919 in Deutschland und Europa und nachfolgende revolutionäre Abwehrkämpfe

  • Von Ronald Friedmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor gut 100 Jahren, im März 1919, war der Berliner Bezirk Lichtenberg, damals noch eine selbstständige Stadtgemeinde am Rande der deutschen Hauptstadt, Schauplatz eines blutigen Krieges gegen die örtliche Bevölkerung. Schwere Artillerie und sogar Bombenflugzeuge wurden eingesetzt, um einen spontanen Protest niederzuwerfen.

• Buch im nd-Shop bestellen
Axel Weipert/Stefan Bollinger /Dietmar Lange/ Robert Schmieder (Hg.): Eine zweite Revolution? Das Frühjahr 1919 in Deutschland und Europa.
Die Buchmacherei, 289 S., br., 12 €. •

Nur wenige Monate nach der Novemberrevolution und dem Sturz der Monarchie, während die Mitglieder der Nationalversammlung - auf der Flucht vor der Revolution - im beschaulichen Weimar über eine Verfassung der jungen Republik debattierten, waren Streikende in ganz Deutschland, mit Schwerpunkt Berlin, auf die Straße gegangen, um nachdrücklich die Sozialisierung der Großindustrien und die Verankerung des Rätesystems in der Verfassung zu fordern. Viele Arbeiter bewaffneten sich, Barrikaden wurden errichtet. Am 4. März 1919 marschierten Freikorpstruppen unter dem Befehl des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske in Berlin ein und begannen mit der militärischen Niederschlagung des Generalstreiks. Am 8. März 1919 wurde der Streik ergebnislos abgebrochen. Am 12. März 1919 musste die letzte Barrikade an der heutigen Frankfurter Alle, Ecke Möllendorfstraße, aufgegeben werden. Dem weißen Terror, der noch mehrere Tage andauerte, fielen etwa 2000 Menschen zum Opfer.

Die Erinnerung an diese Ereignisse war Anlass, nur wenige Dutzend Meter vom Ort der letzten Barrikade entfernt, im Rathaus Lichtenberg, eine hochkarätig besetzte wissenschaftliche Konferenz durchzuführen, die einen Rückblick auf das Frühjahr 1919 in Deutschland und Europa geben sollte. Nachzulesen sind die Beiträge nunmehr in einem Band mit dem Titel »Eine zweite Revolution?«.

Auch und gerade weil weitere vergangene und anstehende 100. Jahrestage, so des Kapp-Putsches 2020 und in diesem Jahr der mitteldeutschen Märzkämpfe, die Aufmerksamkeit der historisch interessierten Öffentlichkeit auf sich ziehen, sollte die hier vorzustellende Publikation unbedingt die verdiente Beachtung finden. Denn die Autorinnen und Autoren beschränken sich nicht auf eine bloße Darstellung der Ereignisse im Frühjahr 1919, sie ordnen die Geschehnisse in den Prozess der revolutionären Umbrüche von 1914 bis 1923 ein und geben diesen - besonders hervorzuheben - eine über Deutschland hinausreichende europäische Perspektive.

Regionalgeschichtliche Untersuchungen beschäftigen sich mit den Ereignissen des Frühjahrs 1919 im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland und in Bayern. Ein eigenes Kapitel ist dem Thema »Frauen und Revolution« gewidmet. Bemerkenswert auch, dass sich die Autorinnen und Autoren nicht auf die Sicht der Anhänger der Revolution beschränken, sondern auch das Denken und Handeln der Gegner und Feinde zum Gegenstand der Betrachtung machen.

Kurz und gut, der Band hält, was der Verlag auf dem Rücktitel verspricht: Er macht auf lesenswerte Weise »deutlich, dass das Frühjahr 1919 eine Zeit politischen Aufbruchs, dramatischer wie enttäuschter Hoffnungen« war.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung