Mama, wo bist du?

Wer schweigt, stimmt zu - auch der eigenen Depression: »Der Name seiner Mutter« von Roberto Camurri

Meistens sind es die Männer, die Frau und Kinder verlassen. In Roberto Camurris Roman »Der Name seiner Mutter« ist es eine Frau. Ihren Namen erfährt man nicht. Auch ihr Sohn Pietro kennt ihn nicht. Er war noch ein Säugling, als sie verschwindet, und kann sich nicht an sie erinnern. Danach redet niemand mehr über sie, weder sein Vater Ettore noch seine Großeltern, die Eltern seiner Mutter. Erst am Ende des Romans, als Pietro selbst Vater wird, erfährt er ihren Namen.

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter.
A. d. Ital. v. Maja Pflug. Kunstmann, 192 S., geb., 20 €. •

Der Roman beginnt in der Zeit, als Ettore noch mit Pietros Mutter allein ist. Zusammen leben sie in Fabricco, einer kleinen Stadt in der Po-Ebene. Ettores Liebe zu seiner Frau ist still, aber bedingungslos. Nie verliert er die Geduld, auch wenn er ständig auf sie warten muss und sie für alles eine Ausrede hat. »Ab und zu überfiel ihn der Gedanke, dass er sie nie wirklich hatte lachen hören, das machte ihn befangen und verunsicherte ihn. Er hatte Angst, dass sie ihn nicht liebte.« Als dann Pietro zur Welt kommt, ist sie mit ihm überfordert. Der Arzt empfiehlt für das ständig hustende Kind ein paar Wochen in der guten Luft der Berge. Um seine Frau zu entlasten, fährt Ettore mit dem Säugling allein. Als er zurückkommt, ist sie verschwunden.

Die elegische Schreibweise, die Camurri für die Geschichte aus der zwischen Ettore und Pietro wechselnden Perspektive gewählt hat, zieht den Leser schnell in den Text. Sie macht auch die Leerstelle deutlich, die das Leben von Vater und Sohn prägt: Die poetischen Beschreibungen von Fabricco sind dabei Ausdruck des Innenlebens von Camurris Protagonisten. Die verschwundene Frau und Mutter geistert so überall als Schatten der verlorenen Geliebten und der abwesenden Mutter durch das Leben der beiden.

Dass seine Mutter weg ist, wird Pietro schnell bewusst. Aber das Schweigen, das sie umgibt, ergreift auch ihn: Er wagt nicht, nach ihr zu fragen. In der Grundschule versteckt er sich einmal, verschwindet, wie seine Mutter verschwunden ist. Panisch beginnt zunächst seine Lehrerin, dann die ganze Schule nach ihm zu suchen. Erst als Ettore kommt, den die Lehrerin angerufen hatte, taucht er wieder aus seinem Versteck auf. »Tu das nie wieder!«, sagt Ettore zu ihm. Mittags, beim Essen, fragt er: »Sagst du mir, was heute früh passiert ist?« Doch Pietro schweigt. »Das Schweigen umgibt sie, als Pietro seinem Vater nach draußen folgt, als sie die Straße entlanggehen, Pietro hinter seinem Vater, der sich nie umdreht, um zu sehen, ob er noch da ist … es begleitet sie bis nach Hause, das Schweigen, eine beinahe körperliche Präsenz, beinahe greifbar, wenn er den Mut hätte, die Hand auszustrecken.«

In der Pubertät spitzt sich die Situation zu, Vater und Sohn reden kaum noch miteinander. Als Pietro zum Studieren mit seiner Freundin nach Parma zieht, meldet er sich monatelang nicht mehr bei Ettore. Dabei würde ihn Pietro gerne nach der Mutter fragen, »warum er ihm nie von ihr erzählt hat, warum er ihr nicht nachgerannt ist, warum er sie nicht eiligst nach Hause zurückgeholt hat«. Doch er tut es nicht.

Es ist die Trauerarbeit, die nie stattgefunden hat, die durch die Melancholie der Erzählung ausgedrückt wird. Dabei ist das Schweigen ganz zentral - die Weigerung Ettores, aber auch der Eltern seiner Frau, über Pietros Mutter zu sprechen. Das Sprechen über sie hätte allen Gelegenheit gegeben, zu trauern, ihren Verlust als Tatsache zu realisieren und damit für neue emotionale Bindungen bereit zu sein. Stattdessen mauern sich Vater und Sohn in ihrem Innenleben ein.

Die Probleme, die sich daraus ergeben, betreffen nicht nur die Beziehung zwischen ihnen, sondern auch die von Pietro zu seiner Freundin. Erst am Ende, als Pietro endlich Spuren der Existenz seiner Mutter in Händen hält, löst sich der Knoten.

Roberto Camurri hat einen beeindruckenden Roman über den Verlust der Mutter geschrieben. Kaum anders wäre es allerdings beim Verlust des Vaters gewesen. Ein Buch, das die Tragik des Schweigens beschreibt, den Weg in die Sackgasse, die in anderen Fällen nicht selten in Gewalt endet. Ein Buch, über das man noch lange nachdenkt.

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