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Es lebe das Buch - und seine Tüte!

Man trägt wieder Buch, am besten im Laden: Im Lehmstedt-Verlag ist eine erste Sammlung von Buchtaschen erschienen

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

Vorsicht: In dieser Tüte stecken Intrigen, Leidenschaften und Abenteuer!«, wirbt der Aufbau-Verlag. Das hofft man doch sehr. Denn in der Tüte ist ein Buch - und in einem Buch ist Freiheit. Oder Wahnsinn. Oder krauses Zeug. Es gibt die Buchtüten (Papier), die Buchtaschen (Plastik oder Papier) und die Buchbeutel (Jute). Mark Lehmstedt, der Chef des Leipziger Lehmstedt-Verlags, hat sie alle gesammelt, 3000 Stück in den letzten 20 Jahren - 550 davon zeigt er nun in dem Band »Buchtüten«.

Es ist keine Kulturgeschichte geworden, sondern ein schnucklig geratener »Überblick über die verblüffende Vielfalt der Motive und Gestaltungen, manche von wunderbarer Qualität, andere von unfreiwilliger Komik«, schreibt Lehmstedt im Vorwort. Alles begann bei ihm mit dem »simplen Nicht-Wegwerfen«, und mittlerweile sind alle diese Taschen und Tüten in den Bestand des Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig übergegangen.

Mit einer Auswahl daraus haben wir diese Literaturbeilage illustriert. Nur das Bild auf dieser Seite ist dort nicht zu finden; es zeigt eine Berliner Buchhandlung und Bücher und einen Menschen. Bei Lehmstedt gibt es nur die reinen Tüten zu sehen. In dieser Beilage gibt es Bücher, logisch. Denn »Ein Buch ist treu«, wie der Atlantik-Verlag auf seiner Tüte wirbt. Zu sehen ist darauf aber kein Buch, sondern ein Hund, der angeblich treueste Freund des Menschen. Allerdings sieht seine Schnauze aus wie ein Buch, und heraus hängt keine Zunge, sondern ein Lesezeichen.

Es gibt auch eine Katze, auf einer Tüte vom Schöffling-Verlag, die dem Betrachter die Zunge entgegenstreckt. »Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Karten und Kalender«, steht da. Ist lustig, aber keine Anspielung: Katzenkalender werden Sie in dieser Beilage nicht finden. Wir halten es lieber mit dem Tüten-Spruch des früheren Christoph-Links-Verlags: »Über unsere Bücher lässt sich streiten!« - mit einer Ergänzung: »Alles Liebe drin!« von der Verlagsgruppe Oettinger. Und einem hübschen Spruch von Eulenspiegel: »Man trägt wieder Buch«.

Fakt ist: Wer eine Büchertasche hat, der hat sie nicht von Amazon. Der kauft im stationären Handel, da ist es schöner. »Sagen Sie Ihrem Buchhändler, dass Ihr Leben ohne ihn keinen Sinn hat«, schreibt Diogenes auf eine Tüte. Und sagen Sie ihm oder ihr wie der Karl Marx auf der Eulenspiegel-Tüte: »Grüß Gott, da bin ich wieder!« Geworben wurde da übrigens für einen Karikaturenband von Rolf Hecker. »Lesen macht sexy«, behauptet Penguin, und der Börsenverein des deutschen Buchhandels verspricht: »Wer liest, steckt alle in die Tasche«. Schon wieder so ein Taschenwitz. Auf der Tasche des Alexander-Verlags rast dagegen ein Skifahrer über die Piste eines Gehirns.

Der Volksbuchhandel der DDR warb einst mit der Parole »Alle lesen, alle lesen, alle lesen, alle lesen« - das ergab ein Viereck, darin das Symbol: zwei Bücher aufeinander und drüber die rote Fahne. Immer wieder bemerkenswert: die Nichtwerbung der DDR-Werbung, »ihr beinahe archaischer Charakter, kombiniert mit einer ostentativen Verweigerung einer werblichen Funktion«, wie Lehmstedt schreibt. Aber auch das ist irgendwie sozialistisches Form-folgt-der-Funktion-Denken, im realen Kapitalismus - die Tatsache, dass die allermeisten Schöpfer dieser Tütenkunst anonym bleiben, hinter die Sache zurücktreten: »Auf den Inhalt kommt es an« (Kiepenheuer & Witsch), denn »Lesen gefährdet die Dummheit« (Fischer). Zwei Worte müssten eigentlich reichen: »Besser lesen« (dtv). Oder etwa nicht?

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Mark Lehmstedt: Buchtüten. Werbung für das Buch.
Lehmstedt, 120 S., br., 20 €.

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