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Radau im Überbau

Kulturkampf bei der »New York Times«? Konservative Redakteure und Kolumnisten fühlen sich als Opfer einer jungen, progressiven Generation von Journalisten.

  • Von Johannes Simon
  • Lesedauer: 7 Min.
Schauplatz von politischen und Generationenkämpfen: Ein Bürogebäude der »New York Times«.
Schauplatz von politischen und Generationenkämpfen: Ein Bürogebäude der »New York Times«.

Die Geschichte begann vor zwei Jahren, 2019 in Peru. Seit einigen Jahren bietet die »New York Times« Studienreisen für Schüler an. Die Reisegruppen werden dabei von Journalisten der renommierten Zeitung mit Sitz in New York City begleitet, die Vorträge halten und verpflichtet sind, anregenden Umgang mit den Teenagern zu pflegen. Deren Eltern zahlen dafür mehr als 5000 US-Dollar - das Angebot richtete sich dementsprechend vor allem an die Sprösslinge der karrierebewussten Elite. 2019 ging die Reise nach Peru und wurde, wie im Jahr zuvor, vom 67-jährigen »NYT«-Veteran Donald McNeil begleitet. Als Journalist ist McNeil auf Gesundheitsthemen spezialisiert und hat ein Buch über das Zika-Virus geschrieben.

Einige der Schüler beschwerten sich anschließend bei der Zeitung, McNeil habe »verschiedene rassistische Kommentare« gemacht und »gesagt, weiße Vorherrschaft existiere nicht«. Sogar das »N-Wort« habe McNeil verwendet - die schlimmste rassistische Beleidigung in der englischen Sprache. »Ich denke, es wäre sogar angemessen, ihn zu feuern«, schrieb einer der Teenager. In der darauffolgenden Untersuchung durch die »New York Times« stellte sich heraus, dass McNeil lediglich das Wort wiederholt hatte, weil er von einer Schülerin danach gefragt worden war.

Sie brachte einen Fall an ihrer Schule auf, in dem es um ein Video ging, in dem Klassenkameraden das Wort verwendeten, McNeil erkundigte sich nach dem Zusammenhang. Auch die weiteren Anschuldigungen gegen McNeil waren vage und diffus. Ist es wirklich verwerflich, gegen das Konzept der »kulturellen Aneignung« zu argumentieren, wie McNeil vorgeworfen wurde?

McNeil selbst sagt, er habe die Existenz von strukturellem Rassismus niemals in Frage gestellt, sondern habe lediglich betont, dass man nicht alles nur darauf reduzieren könne. Inzwischen beschreibt McNeil die Reise als einen Culture Clash zwischen sich und den politisierten Teenagern. Immer wieder habe es hitzige Diskussionen gegeben, bei denen manche Jugendliche postkolonial geprägte Ansichten im Stil der Identitätspolitik vertreten hätten. Er dagegen habe auf der Basis seiner Lebenserfahrung, die er unter anderem durch jahrelange journalistische Arbeit in Afrika gesammelt hatte, die aus seiner Sicht naiven Ansichten der Jugendlichen in Frage gestellt.

Die »New York Times« beließ es damals bei einer Verwarnung. Außerhalb der Zeitung nahm niemand Notiz von dem Vorgang. Im vergangenen Jahr wurde McNeil, der seit Jahren auf Seuchen spezialisiert ist, zu einem der prominentesten Journalisten des Blatts. Anfang des Jahres nominierte ihn die Zeitung noch für den Pulitzer-Preis. Doch kurz darauf berichtete die Nachrichtenseite »Daily Beast« von den Ereignissen in Peru - und nur eine Woche später verließ McNeil die »New York Times«. Seine über 40-jährige Karriere bei der Zeitung war beendet.

Wie kam es dazu, dass Vorgänge, die vor zwei Jahren nur ein kleines Vergehen darstellten, plötzlich viel gravierender eingeschätzt wurden? In einem nachträglichen Blogpost beschreibt McNeil, wie seine Vorgesetzten reagierten, als die »Daily Beast« um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen bat. Er wurde dazu gedrängt, eine ausgiebige und reuevolle Entschuldigung zu unterschreiben, die das Management schon formuliert hatte. Einen unguten Beigeschmack erhält der Vorgang dadurch, dass sich McNeil im Zuge gewerkschaftlicher Arbeitskämpfe oft sehr exponiert mit dem Management angelegt hatte. Nun sah er sich zum Teil genau jenen Führungskräften gegenüber, mit denen er in Konflikt geraten war.

Man könnte die Geschichte also folgendermaßen beschreiben: Ein Milliardenkonzern fürchtete Imageschäden und ließ deshalb ohne groß zu zögern einen Mitarbeiter über die Klinge springen, der beim Management sowieso nicht gerade beliebt war. Doch wäre das nur die halbe Wahrheit. Denn das Management hatte sich eigentlich mit einer Entschuldigung zufriedengeben. McNeils Bemerkungen seien zwar »beleidigend« gewesen, aber nicht absichtlich »hasserfüllt oder bösartig«.

150 Mitarbeitern der »New York Times« ging das jedoch nicht weit genug. In einem offenen Brief forderten sie weitere Konsequenzen. »Unsere Community ist empört und schmerzerfüllt«, schrieben sie. Ob McNeil beabsichtigt hätte, sich rassistisch zu äußern oder nicht, spiele keine Rolle, es zähle nur, »wie eine Handlung das Opfer fühlen lässt«. Bei den »Opfern« von McNeil handelte es sich freilich um äußerst privilegierte weiße Jugendliche; afro-amerikanische Kinder hatten an der Reise nicht teilgenommen. Doch der Brief tat seine Wirkung, wenige Tage später musste McNeil gehen. Hinter seinem Namen steht nun für immer: gefeuert wegen Rassismus. Deutliche Kritik am Verhalten der »New York Times« kam von dem Autorenverband PEN America. Besonders die Tatsache, dass die Zeitung ihre Entscheidung aufgrund öffentlichen Drucks revidierte, sende ein »besorgniserregendes Signal.«

Man muss diese Affäre im Kontext einer Reihe gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen sehen, die zuletzt auch immer wieder die »New York Times« betrafen. Die Zeitung sieht sich traditionell als »newspaper of record«, also als ein nationales Leitmedium, das keinem politischen Lager zuzuordnen sei. Doch mit der zunehmenden politischen Polarisierung gelingt das immer schlechter. Spätestens seit Trumps Aufstieg ist die Zeitung in ökonomischen und außenpolitischen Belangen zwar nach wie vor staatstragend, aber in gesellschaftspolitischen Fragen immer progressiver geworden. Das führt zu Konflikten, insbesondere seit den antirassistischen Protesten im vergangenen Jahr.

Zu einer großen Kontroverse kam es, als die Zeitung einen Meinungstext des republikanischen Senators Tom Cotton veröffentlichte, in dem dieser forderte, die Armee einzusetzen, um gegen Gewalt im Zuge der Proteste vorzugehen und diese also niederzuschlagen. Der verantwortliche Redakteur musste gehen. Einige Zeit später verließ die konservative Journalistin Bari Weiss die Zeitung, und klagte in einem offenen Brief, wegen ihrer Ansichten gemobbt worden zu sein. Es gebe einen Generationenkonflikt bei der »New York Times«, schrieb Weiss, zwischen älteren, eher moderaten Journalisten und einer jüngeren Generation, die nicht nur diverser, sondern auch viel progressiver sei.

Fraglich ist, ob Weiss’ Klagen über den linken Gesinnungsdruck wirklich ernst zu nehmen sind. Schließlich beschäftigt die Zeitung auch heute noch äußerst konservative Kolumnisten. Es ist eine beliebte Taktik Konservativer, die angeblich bedrohte Meinungsfreiheit zu thematisieren, um die eigenen Ansichten gegen Kritik zu immunisieren. Weiss zum Beispiel warnt in ihren Essays, die seit ihrem effektvollen Abgang bei der »New York Times« auch von der deutschen Tageszeitung »Die Welt« gedruckt werden, vor einer »eifernden Clique« linker Ideologen, die »fast alle Institutionen, die das amerikanische kulturelle und intellektuelle Leben bestimmen«, kontrolliere. Das hat selbst Anklänge an McCarthy und »Hexenjagd«.

In Deutschland verlaufen diese Art Konflikte inzwischen nach ähnlichen Mustern. So wurde auch bei der Auseinandersetzung um Hengameh Yaghoobifarahs »Polizeikolumne« von »Taz«-Redakteur Christian Jakob ein Generationenkonflikt innerhalb der Zeitung diagnostiziert. Der Chefredakteur der »Zeit«, Giovanni di Lorenzo, nutzte den Fall McNeil, um klarzustellen, dass ihm eine solche »Diffamierung von Andersdenkenden« und ein solcher »Konformitätsdruck« nicht ins Haus kommen. Unweigerlich denkt man da an die berüchtigte »Soll man es lassen?«-Kolumne, in der eine »Zeit«-Autorin diese menschenverachtende Frage bezüglich der Seenotrettung im Mittelmeer stellte.

Aber man macht sich etwas vor, wenn man so tut, als seien die Dinge immer so eindeutig wie im Falle jener Kolumne. Politische Auseinandersetzung besteht nicht nur aus dem Kampf gegen klare rechte Bedrohungen oder eindeutigen Rassismus. Manche Linksliberale neigen zu einem unpolitischen und moralistischen Denken, ihnen geht das Bewusstsein dafür verloren, dass politische Gegensätze etwas ganz Normales sind - dazu gehören auch politische Gegner, die deshalb nicht gleich Menschenfeinde sein müssen. Wenn sich zum Beispiel die »Tagesspiegel«-Journalistin Fatina Keilani in einer Glosse über zeitgenössische antirassistische Diskurse lustig macht, wird das von Mohamed Amjahid in der »Taz« nicht etwa als verantwortungslos oder ignorant kritisiert, sondern gleich als »menschenverachtende Kontroverse« bezeichnet, die »rassistische Bilder« bediene.

Uns stehen noch viele Episoden im Kulturkampf bevor. Dabei sollte man nicht vergessen, dass der Kampf gegen Diskriminierung zwar richtig und wichtig ist. Aber wie der Fall Donald McNeils zeigt, können auch Menschen, die sich gegen Rassismus einsetzen, über die Stränge schlagen, sich irren oder sich strategisch unklug und auch menschlich fragwürdig verhalten. Man muss über jeden Fall individuell urteilen.

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