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Der Narr der Kunst

Dringend gesucht: Hoffnungsfunken, die uralte Menschheitsträume in sich tragen. Vor 20 Jahren hatte »Leuchte, mein Stern, leuchte« einen gesamtdeutschen Filmstart.

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
In »Leuchte, mein Stern, leuchte« begibt sich Iskremas (Oleg Tabakow) für sein Theater in Gefahr.
In »Leuchte, mein Stern, leuchte« begibt sich Iskremas (Oleg Tabakow) für sein Theater in Gefahr.

Manchmal verändert die Kunst das Leben. Das ist dann ihr schönster Existenzbeweis. Denn sie weckt Wünsche in uns, von denen wir bis eben selbst nichts wussten. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, wo Kunst ein Fremdwort aus versunkenen Zeiten zu werden droht, warten wir auf jemanden, der uns von anderem Dingen berichtet als den täglichen Infektionszahlen und dem Filmangebot bei Netflix oder Amazon Prime. Jemand, der etwas ausstrahlt: Hoffnungsfunken, in denen uralte Menschheitsträume zu leuchten beginnen.

So jemand wie Iskremas aus Alexander Mittas »Leuchte, mein Stern, leuchte«, der vor 50 Jahren in der Sowjetunion entstand und nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Denn dies ist eine Variation auf Cervantes’ »Don Quichotte«. Der Narr inmitten von lauter allzu vernünftigen Leuten, die alle mit Zahlen hantieren können. Mehr allerdings auch nicht.

Von Jan Josef Liefers war kürzlich Erstaunliches zu hören: »Nach dem Film ›Leuchte, mein Stern, leuchte‹ von Alexander Mitta beschloss ich im Dunkel des Zuschauerraums, Schauspieler zu werden.« Dieser Mosfilm mit Oleg Tabakow in der Hauptrolle wurde zur Parabel über die Kunst in dürftiger Zeit. Denn für die einfachen Wahrheiten des Lebens ist gerade kein Platz, man hat offenbar Wichtigeres zu tun.

Anfang der 1920er Jahre, als der Film spielt, herrscht Bürgerkrieg in Russland. Die Roten kämpfen gegen die Weißen (die Bolschewiki gegen die Reste der zaristischen Truppen), dazwischen marodieren die Grünen (eine Bezeichnung für Banden in eigenem Auftrag). Theater wird von allen beteiligten Bürgerkriegsparteien als Freizeitbeschäftigung abgetan, die nicht in diese ernsten Zeiten passe. Kirchen und Parteien spielen natürlich weiter ihre Rolle, gewiss, aber die Kunst heben wir uns für später auf!

Politiker und Banditen teilen hier gleichermaßen die Vorstellung von der Mußestundenkunst älterer Damen, vom wechselnden Unterhaltungsangebot für jene Augenblicke, da die hochwichtigen Dinge des Lebens getan sind. Die Kunst dem Feierabend! Das Wort Wellness für die Seele gibt es in dieser Zeit noch nicht, aber so ungefähr ist es gemeint. Die Entspannung für Geist und Sinne wird zur großen bunten Leere. Das ist dann die Kehrseite des Slogans »Kunst ist Waffe«, mit der sich politische Agitatoren aufrüsten. Aber davon handelt diese Parabel nicht, in ihr geht es um etwas Elementares: die Magie der Verwandlung im Spiel - nicht bloß in etwas anderes, sondern auch in sich selbst.

Mit diesem Film, der 1972 in die DDR-Kinos kam (aber erst 2001 einen gesamtdeutschen Filmstart hatte), wuchs meine Generation auf. Ein Arsenal der Sehnsüchte, der Utopien auch. Ob Liefers, inzwischen auf die Fernsehfigur des hybriden Professor Boerne im Münsteraner »Tatort« festgelegt, noch ab und zu an Iskremas und den legendären Oleg Tabakow vom Moskauer Sowremennik-Theater denkt? Als er 1987 am Deutschen Theater, dem Olymp der ostdeutschen Bühnen anfing, gewiss. Liefers heiratete Tabakows Tochter Alexandra, und so ist Polina Liefers die Enkelin Tabakows. Ostdeutsch-russische Familienbande. Hier gibt die Bühne Raum für Traumgefechte aller Art.

Iskremas ist Kürzel und revolutionärer Kampfname zugleich, so wie auch Lenin (»Der vom Flusse Lena Stammende«) oder Stalin (»Der Stählerne«) und bedeutet: Die Kunst der Revolution den Massen der Revolution. Klar wird, dies meint einen Narren, aber nicht bei Hofe, sondern in eigener Sache.

So zieht Iskremas mit seiner Ein-Mann-Wanderbühne über Land. Im Dorf Kapriwnitzy macht er Station und kündigt die Vorstellung von Shakespeares Königsmorddrama »Julius Cäsar« an. Gleich in einer der ersten Einstellungen des Films sehen wir, dass es Iskemas bitterernst ist mit seiner Mission. Denn während der Karren dieses sowjetischen Don Quichotte, der mitten durch umkämpftes Gebiet rollt, von einer dazu wenig motivierten Rosinante gezogen wird, erleben wir Iskremas ganz in seine Lektüre versunken. Wer da gerade um ihn herum aus welchen Beweggründen auf wen schießt, was geht es ihn an! Er lacht und weint abwechselnd beim Lesen. Dieser Iskremas bewohnt eine Welt, die er selbst imaginiert.

Kapriwnitzy besetzen in kurzen Abständen hintereinander die Roten, die Weißen und die Grünen. Der revolutionäre Dorfmaler wird von den Weißen ermordet, denn die mögen keine roten Sterne auf Gemälden. Zeitgleich mit Iskremas ist auch Pasa im Dorf eingetroffen, samt seinem fahrenden Kino. Das ist für die Bauern eine Sensation: ein immer gleiches Liebespaar am Meer, das so mit sich beschäftigt ist, dass ihre unbeaufsichtigte kleine Tochter in den Wellen ertrinkt. Je nach politischem Kontext kommentiert Pasa die Bilder - mal sind es gewissenlose Bourgeois, die ihr Kind über dem Amüsement vergessen, mal herzlose Politkommissare, für die Menschenopfer nicht zählen. Man kann die immer gleiche billige Bilderfolge auf tausenderlei Weise kommentieren.

Das »revolutionäre Experimentalvolkstheater« hat gegen die Konkurrenz der Kinosensationen keine Chance. Iskremas hält dieses Kinoprogramm für »banales, primitives, verlogenes Zeug«, doch Pasa kontert: »Das Volk liebt mich. Ich gebe ihm Spiele, und es gibt mir Brot.« Ein Konflikt, den Umberto Eco in »Apokalyptiker und Integrierte« beschrieb, einer Schrift über Avantgarde und Massenkultur. Schlussendlich, so lautete Eco’s Befund, müsse die Avantgarde lernen, unterhaltsam zu sein, und die Massenkultur brauche einen geistigen Anspruch. Ist das bloße Illusion oder utopischer Anspruch, den es einzulösen gilt?

Iskremas, der Prophet einer künftigen Kunst, die avantgardistisch und jahrmarktstauglich zugleich sein soll, formuliert sein Ideal der Kunst als radikale Absage an das Kino: »Niemals wird dein Zappelkerl die Plastizität des menschlichen Körpers ersetzen, die Magie des geistigen Kontaktes, die Nabelschnur, verstehst du? Die direkte Verbindung mit dem Zuschauer - das ist Theater!« Dadurch jedoch, dass diese Fundamentalkritik mittels Kinofilm zu uns kommt, wird der innere Widerspruch seiner Rede deutlich. Der Geist vermag eine neue Technik zu humanisieren, die Geistlosigkeit jedoch potenziert deren Zerstörungskraft.

Was anderes als der Geistfunke der Utopie leuchtet hier? Die Sehnsucht nach einem anderen, einem erfüllteren Leben! Am Ende des Films wird Iskremas beim Verlassen des Dorfs von einem grünen Heckenschützen ermordet. Finis Utopia? Seine Botschaft bleibt in der Welt. Dieser Narr der Kunst hatte tatsächlich allein »Julius Cäsar«, nur sekundiert von einem gutmütigen, aber begriffsstutzigen Bauernmädchen aufgeführt. Den größten Erfolg bei den Dorfbewohnern hatte die Aufführung bei dem Ruf: »Die Hexe wird verbrannt!« Das kannte man hier, das versprach, unterhaltsam zu werden.

Iskremas, der sich für sein Theater in Gefahr begibt, weiß, man muss nachsichtig sein mit den Menschen. Denn sie lassen sich immer wieder aufhetzen und manipulieren. Dennoch soll man versuchen, sie zu lieben, wohl wissend, dass sie sich auch weiterhin immer nur von Irrtum zu Irrtum wenden werden, wie es Gottfried Benn einmal formulierte. Denn erst »jenseits von Sieg und Niederlage« beginne das, was man Ruhm nennen könne. Denn allein das Ausbrechen aus gängigen Verwertungs- und Selbstbehauptungsmustern schafft jene Offenheit, in der Neues entsteht, das uns im besten Falle hilft, anders zu leben.

Natürlich, das Leben besteht im Verbrauchen von Wünschen. Sind keine mehr da, sterben wir. Wenn wir nichts anderes von der Zukunft mehr erwarten als eine bloße Verlängerung der Gegenwart, dann folgt diesem Energieverlust unweigerlich der Kältetod. Das gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Aber wie kann man sich einen Vorrat an Wünschen erhalten, die gegen jede falsche Erfüllung immun sind? Folgen wir den weisen Narren, die auf ganz einfache Weise jene »Ästhetik des Widerstands« lebten, über die Peter Weiss ein theorieschweres Buch schrieb.

Niemand hindert uns daran, im Geiste mit Iskremas durch Bürgerkriegsland zu fahren und mit ihm seinen »Julius Cäsar« aufzuführen! Denn es ist die Stunde derer, die unverdrossen mit Windmühlenflügeln kämpfen.

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