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Eine Frage der Ehre

Andreas Koristka über Abgeordnete, die auch nur Menschen sind - aber niemals Paten

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.
Früher haben Abgeordnete finanzielle Gefälligkeiten mit derselben Leichtigkeit angenommen, mit der sie in ihren Maßanzug schlüpften.
Früher haben Abgeordnete finanzielle Gefälligkeiten mit derselben Leichtigkeit angenommen, mit der sie in ihren Maßanzug schlüpften.

Die derzeitige Lage ist hochkomplex, deshalb darf man nicht enttäuscht sein, wenn nicht mehr alle Menschen sie vollumfänglich durchschauen. Jetzt mussten alle Bundestagsabgeordneten der Union eine Ehrenerklärung abgeben, dass sie keine finanziellen Vorteile im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie erzielt haben - weder direkt noch über Gesellschaften. Wie soll man nun aber dem einfachen Unionsabgeordneten von der Straße erklären, dass etwas im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nicht erwünscht ist, was sonst völlig unproblematisch erscheint?

Früher haben Abgeordnete finanzielle Gefälligkeiten mit derselben Leichtigkeit angenommen, mit der sie in ihren Maßanzug schlüpften. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben! Man stelle sich vor, Philipp Amthor hätte vor Monaten wegen dieser Sache mit Augustus Intelligence zurücktreten müssen. Der hätte doch die Welt nicht mehr verstanden. Die plötzlich gestellten hohen Anforderungen an Volksvertreter muten vor diesem Hintergrund schon reichlich unfair an. Wir mussten alle in der Pandemie dazulernen. Wer hätte vor anderthalb Jahren gedacht, dass gesellschaftlich geächtet wird, wer nicht in die Armbeuge niest und dass das Anlecken von Brötchen im Supermarkt einem Kapitalverbrechen gleichkommen würde? Wer hätte ahnen können, dass Atilla Hildmann nicht alle Tofudosen im Schrank hat und dass man mit dem Kauf einer seiner Kochbücher den neuen Nationalsozialistischen Untergrund sponsert? Jetzt wissen wir Bescheid. Wir halten Abstandsregeln ein und ernähren uns nicht mehr vegan. Aber damals konnten wir es nicht besser wissen.

Die Gesellschaft muss endlich akzeptieren, dass Bundestagsabgeordnete - selbst Mitglieder der Unionsfraktion - eben auch nur Menschen sind. Mit Ecken, Kanten und einem Girokonto, das man nicht unendlich überziehen kann. Wer möchte seine Hand dafür ins Feuer legen, dass er selbst nicht schwach geworden wäre, wenn man ihm Geld für ein paar Gefälligkeiten geboten hätte? Und wären es nur Beträge von wenigen hunderttausend Euro gewesen ... Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Cent!

Darum muss jetzt endlich ein Schlussstrich unter diese Maskenaffäre gezogen werden. Wer plausibel Ehre erklärt, dem muss man auch einfach mal glauben. Das ist doch Ehrensache! Wir können nicht gemeinsam dieses Land voranbringen, wenn wir uns nicht gegenseitig vertrauen. Ja, dieses Vertrauen haben auch Andreas Scheuer und Jens Spahn verdient, die nun wirklich keine Ehrenerklärung abgeben müssen. Beide haben in letzter Zeit glaubhaft gemacht, dass sie nicht korrupt sind. Bösartig und inkompetent, okay. Aber niemals korrupt. Also jedenfalls nicht besonders viel korrupter als es jeder wäre, auf den tagtäglich die Autoindustrie und die Pharmalobby »zugehen«.

Es stimmt: All diese Einsichten bringen uns Georg Nüßlein und Nikolas Löbel nicht zurück. Aber als Gesellschaft können wir ein Zeichen der Solidarität setzen. Jetzt ist es an uns, auch eine Ehrenerklärung abzugeben. Bis zum nächsten Freitag, den 19. März 2021 erwarte ich daher von allen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern eine Ehrenerklärung, dass sie nie wieder schlecht über ihre Abgeordneten reden, denken oder träumen. Weiterhin sollen Diätenerhöhungen in dieser und den folgenden fünf Legislaturperioden ohne Murren und ohne widerwilliges Verdrehen der Augen akzeptiert werden. Die Bürger und Bürgerinnen sollen ihren Abgeordneten stattdessen unterstützend zur Seite stehen. Sie sollen ihnen über die Straße helfen, Einkäufe in die Dachgeschosswohnung tragen und bei der Steuererklärung helfen. Wessen Zuschrift ich nicht erhalte, ist ein ehrenloser Hund!

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