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Wind im Gesicht, Fans im Rücken

Rostocks Sportlicher Leiter Kevin Meinhardt über Hansas Aufschwung und die Kraft von Traditionsvereinen in Coronazeiten

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 8 Min.

In den letzten elf Spielen konnte Hansa neun Siege feiern und steht aktuell auf Platz zwei. Was sind die Gründe für diese Erfolgsserie?

Die Mannschaft bringt das, was der Trainer will, immer besser auf den Platz. Zudem haben wir uns im Winter mit Simon Rhein, Philip Türpitz, Tobais Schwede und Lion Lauterbachweiter verstärkt. Und jeder Erfolg schweißt das Team mehr zusammen. Gerade auch die Art und Weise, wie wir die Siege holen: Wir haben Bock zu verteidigen. Also die Mentalität stimmt.

Wie ist es zu erklären, dass die einzige Niederlage in dieser Zeit ausgerechnet gegen den Tabellenletzten VfB Lübeck zustande kam?

Es war ein enges Spiel, wie alle in dieser dritten Liga. An der Lohmühle haben es schon viele andere Vereine schwer gehabt, die als vermeintlicher Favorit angetreten sind. Tabellenführer Dynamo Dresden hat beispielsweise in Lübeck nur knapp mit 1:0 gewinnen können.

Der F.C. Hansa spielt als ehemaliger und langjähriger Erstligist jetzt schon im neunten Jahr in der dritten Liga, die beste Platzierung war Rang sechs. Nach oben wollte der Verein aber eigentlich immer. Welche Voraussetzungen wurden geschaffen, dass es in diesem Jahr endlich so weit sein könnte?

Unser Saisonziel ist, besser zu sein als in der vergangenen Saison, also besser als Platz sechs. Das Wort Aufstieg ist ein ganz schweres. Es ist zwar leicht ausgesprochen, aber extrem schwer umzusetzen. Aber ja, die Voraussetzungen sind tatsächlich gut. Wir haben mit Jens Härtel einen sehr guten Trainer. Die Mannschaft ist in großen Teilen zusammengeblieben, im Vergleich zu anderen Jahren hatten wir im vergangenen Sommer keinen so großen Umbruch. Und auch die Winterzugänge helfen. Und wir sind auch abseits des Platzes mit unserem Sportvorstand Martin Pieckenhagen, Paule Beinlich und Michael Meier im Nachwuchsleistungszentrum ein gutes Team. Weil das Gesamtkonstrukt funktioniert - und damit sind auch alle anderen Bereiche des Vereins gemeint - hat der F.C. Hansa Rostock die nötige Ruhe und insgesamt eine gute Entwicklung genommen.

Vor zwei Jahren hat Hansas Vorstandsvorsitzender Robert Marien »nd« erzählt, dass der Verein nach einer harten finanziellen Sanierung perspektivisch den Druck hat, aus der dritten Liga raus zu müssen. Ist dieser Druck zu spüren?

Druck ist immer da, es ist Rostock. Wir sind an der Küste, da schwingt das Segel. Und das erste, was ich hier gelernt habe, war, dass die Stimmung auch ganz schnell umschwingen kann. Man verliert in Lübeck und hat das Gefühl, die Welt geht unter. Das ist auch gut, um immer die Spannung hochzuhalten. Also der Druck ist da, jeden Tag. Aber ja, dieser Verein gehört einfach nicht in diese Liga, er ist zu groß dafür. Wir müssen versuchen, immer das Optimum rauszuholen und uns dabei aber auch immer wieder selbst hinterfragen. Nur so können wir eine entsprechende Entwicklung vorantreiben. Und dann kommt auch irgendwann die Zeit des Aufstiegs.

Sie sind im November 2019 als Leiter der Kaderplanung in die sportliche Leitung von Hansa gekommen. Was hat sie vom Weg nach Rostock überzeugt? Und was macht den Verein besonders, vielleicht auch einzigartig?

Überzeugt haben mich die Gespräche mit Robert Marien und Martin Pieckenhagen. Der mir aufgezeigte Weg hat mich zu 100 Prozent überzeugt, ich musste nicht lange überlegen. Einzigartig ist dieser extreme Zusammenhalt hier. Hansa ist nicht nur der Verein für Mecklenburg-Vorpommern, eine ganze Region steht dahinter: 200 Kilometer von Rostock kommt in alle Himmelsrichtungen nichts, irgendwann kommen Berlin, Hamburg und das Wasser. Das ist die große Stärke des Vereins. Auch wenn es mal Gegenwind gibt, wenn es hart auf hart kommt, halten alle zusammen.

Wie sieht ihr normaler Arbeitsalltag aus? Können Sie ihn kurz beschreiben?

Grundsätzlich bin ich bei jedem Spiel von uns, auch so oft wie möglich beim Training. Und unseren Nachwuchs sowie Spiele anderer Mannschaften schaue ich mir auch an. Die Woche beginnt montags immer damit, dass wir noch mal unser eigenes Spiel anschauen und darüber sprechen. Ich bespreche mit Martin Pieckenhagen die Planung für das kommende Wochenende, wer schaut welches Spiel und warum. Wir werten innerhalb der Kaderplanung die vergangene Woche aus, besprechen unsere Spielerdatenbank, gehen einzelne Spieler durch und gucken uns viele, viele Szenen an. Dazu kommt der tägliche Kontakt mit Spielerberatern. Uns werden ja in jeder Transferperiode sehr viele Spieler angeboten, aber verpflichtet werden maximal zehn, einige schaffen es in Datenbank. Scouten bedeutet auch, 80 bis 90 Prozent der Spieler abzulehnen, die uns angeboten werden.

Hansa hat in den letzten Jahren fast ausschließlich ablösefreie Spieler geholt. Geht es finanziell nicht anders?

Ja, die finanzielle Spanne zwischen der dritten und der zweiten Liga ist enorm groß. Aber es gibt auch sehr gute und viele talentierte Spieler auf dem Markt, die ablösefrei sind.

Das Modell der Leihspieler wird auch immer beliebter. Hansa Rostock hat aber gar nicht so viele davon im eigenen Kader. Warum?

Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Beispielsweise mit Nikolas Nartey vom VfB Stuttgart oder Aaron Opoku vom Hamburger SV. Und ich würde auch sagen, dass wir uns einen guten Namen in Sachen Ausbildung gemacht haben. Also das Modell ist schon spannend, weil man damit eigentlich nicht finanzierbare Spieler für den Verein gewinnen kann. Und wenn sie nach der Leihe wieder weggehen, haben im besten Fall alle drei Seiten etwas davon.

Wie überzeugen Sie Spieler vom F.C. Hansa Rostock?

Da ist eigentlich gar nicht so viel zu tun. Der Name ist eine absolute Wucht, die Stadt lebenswert und man hat das Meer vor der Haustür. Es ist eigentlich alles gegeben.

Sie sind vom Regionalligisten Chemnitzer FC nach Rostock gekommen, kurz danach kam Corona. Wie haben Sie die Zeit im Klub erlebt und was war die schlimmste Erfahrung?

Wir waren der letzte Drittligist, der gespielt hat. Wir haben zu Hause gegen Eintracht Braunschweig 3:0 gewonnen, davor hatten wir Ingolstadt geschlagen. Wir waren richtig gut in der Spur. Dann kam der Downer und nichts ging mehr. Das hat uns sportlich sehr viel genommen. Aber auch in dieser Zeit hat die gute Struktur im Verein viel aufgefangen, auch hier gingen Robert Marien und Martin Pieckenhagen positiv und beispielgebend voran. Dennoch mussten wir viel runterfahren, das verlangsamt die Entwicklung.

Gerade in der dritten Liga spielen viele große Vereine aus dem Osten. Wie ist das Verhältnis zueinander?

Ich finde, man sollte die Kräfte mehr bündeln. Alle haben ja aufgrund der geringeren Wirtschaftskraft in den neuen Bundesländern ähnliche Probleme. Die Ostvereine sollten näher zusammenrücken, mehr miteinander anpacken und mehr zusammenhalten.

Neben der Fanrivalität scheint es unter den Ostvereinen auch eine eigene Konkurrenz auf dem Spielermarkt zu geben. Rostock, Magdeburg, Dresden, Halle, Zwickau oder auch Jena, Erfurt und Cottbus - viele Spieler wechseln oft im Bereich des Nordostdeutschen Fußballverbandes hin und her. Warum ist das so?

Für die Spieler hat das sicher viel mit einem Heimatgefühl zu tun. Als Verein setzt man auch gern auf Leute, die sich hier wohlfühlen und damit auch identifizieren können. Und bei Trainern ist es auch so, dass sie auf das vertrauen, was sie kennen. Deswegen sind ein paar Jungs bei Hansa, mit denen Jens Härtel vorher schon zusammengearbeitet hat.

Dynamo Dresden ist Erster, Hansa auf Platz zwei: Haben es große Traditionsvereine in der ja immer noch sehr komplizierten Situation durch Corona in der dritten Liga leichter als andere?

Größere Vereine haben es sicher nicht einfacher durch die Krise zu kommen. Aber es ist schon so, dass wir einen unheimlich starken Support genießen. Das sieht man schon beim Ehrenamt, wie viele Menschen hier aus voller Überzeugung und Liebe zum Verein mit anpacken, das ist eine unglaublich große Kraft. Und das stärkt Zusammenhalt und Identifikation wiederum noch mehr.

Seit Beginn der Coronakrise hat die Kritik am Profifußball, hauptsächlich an den Bundesligisten, enorm zugenommen. Ist das für Sie nachvollziehbar? Und was kann man besser machen?

Ja, in Teilen schon. Denn es muss immer zuerst um die Menschen und deren Gesundheit gehen. Das Zauberwort ist wie immer Kommunikation. Wenn es einen offenen, transparenten Dialog und einen respektvollen Umgang miteinander gibt, dann findet man für alles Lösungen.

Die Spielerberater wurden ja schon mal kurz erwähnt. Dieser Berufsstand hat ja nicht den den besten Ruf. Wie sind ihre Erfahrungen?

Es ist wie überall, es gibt gute und schlechte. Einige schätze ich sehr, weil es auch kein einfacher Job ist. Und mit denen arbeite ich auch schon seit Jahren gern zusammen. Manche verstehen aber auch den Unterschied zwischen beraten und vermitteln nicht. Beraten heißt, sich um den Spieler zu kümmern und in allen Lebenslagen für ihn da zu sein. Vermitteln ist einfach ein Geschäft machen, Spieler schnell und oft von A nach B transferieren. Aber da gehören auch immer zwei Seiten dazu, junge Spieler sind oft ungeduldiger als früher und empfänglicher für unseriöse Angebote.

Welchen Wunsch haben Sie für den Rest der Saison?

Grundsätzlich wünsche ich mir, dass unsere Fans endlich wieder dabei sein können. Wir brauchen sie und ihren gigantischen Support. Sportlich wäre es großartig, wenn wir den Platz, auf dem wir jetzt stehen, verteidigen können.

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