Ein Loch in der Wüste

Schlechte Aussichten für den Iran-Atomvertrag: Israel erweitert seine geheime Nuklearanlage

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Ist das am 2. April 2015 mit Iran vereinbarte Atomabkommen noch zu retten? Die EU wünscht sich diplomatische Lösungen. Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow setzt auf Gespräche und meinte jüngst, die USA müssten Schritte unternehmen, die den Willen zur Rückkehr zum Atomabkommen demonstrierten. Zeitgleich forderte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan von den USA, die 2018 aus dem Vertrag ausgestiegen waren, den Wiedereinstieg ins Vertragswerk sowie die Aufhebung der US-Sanktionen gegen Iran. Solange das nicht geschehen ist, lehnt Teheran die von US-Präsident Joe Biden vorgeschlagenen Gespräche ab, lässt die Anreicherungszentrifugen ertragreicher arbeiten und schränkt die Kontrollen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ein.

Es gibt aber noch eine weitere Macht, die verhindern will, dass Iran Atomwaffen baut: Irans ärgster Widersacher Israel. Die Regierung des rechtsgerichteten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu lehnte das Atomabkommen von Anfang an ab. Die nun von Teheran verfügte Einschränkung der IAEA-Aufsicht wertete Außenministerin Gabi Ashkenazi als »Bedrohung«, die »eine Reaktion erfordert«. Wie diese aussehen könnte, erklärte Verteidigungsminister Benny Gantz ebenfalls dieser Tage. Man werde nicht darauf warten, dass die internationale Gemeinschaft die »nukleare Eskalation« in Iran stoppe, sagte er. Dass Israel Iran militärisch angreifen könne, ohne sich mit Washington abzustimmen, beunruhigt nicht nur die neue Biden-Administration, denn: Israel ist - obwohl man das nie zugegeben hat - selbst eine Atommacht.

Israel gehört zu nur vier Ländern, die dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten sind. Gesuche zur Inspektion israelischer Anlagen und Militärdepots werden kategorisch abgelehnt. Klar ist jedoch: Das Atomprogramm begann mit französischer Unterstützung bereits in den späten 1950er Jahren nahe der Stadt Dimona - sie liegt rund 90 Kilometer südlich von Jerusalem - mit dem Bau einer »Textilfabrik«. Sie trägt inzwischen den Namen Shimon Peres Negev Nuclear Research Center. Experten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI) vermuten, dass Israel dort so viel Plutonium gewonnen hat, dass man damit rund 80 bis 90 Atomsprengköpfe bestücken kann. 30 davon sind herkömmliche Gravitationsbomben, die von Kampfjets abgeworfen werden können. Andere stecken auf ballistischen Raketen der Jericho-2- und Jericho-3-Serie. Sie haben Reichweiten von 5000 bis 7500 Kilometer.

Das Interesse geheimer Dienste an der Atomfabrik in Israels Wüste ist groß. Bisweilen aber können auch kommerzielle Satelliten relevante Erkenntnisse zutage fördern. Lange Jahre registrierten diese in Israels Nuklearzentrum kaum Veränderungen. Nun jedoch zeigt ein am 22. Februar 2021 von Planet Labs Inc. gewonnenes Satellitenfoto auf dem Gelände gewaltige Bauarbeiten. Südwestlich des alten, in den 1960er Jahren gestarteten Schwerwasserreaktors ist ein etwa 150 Meter langes und 60 Meter breites Loch zu erkennen. In dessen Nähe gibt es einen rund 330 Meter langen Graben. Weitere Bauarbeiten gibt es rund zwei Kilometer davon entfernt. Andere Bilder von Planet Labs deuten darauf hin, dass mit den geheimnisvollen Schachtarbeiten bereits Anfang 2019 begonnen wurde. Israel weiß natürlich, dass die Anlage bei Dimona unter Beobachtung steht. Man unternahm dennoch offenbar nichts, um die Arbeiten zu tarnen. Will man so demonstrativ Macht zeigen? Falls ja, stellt sich die Frage, warum die veränderte Lage nicht schon längst Gegenstand öffentlicher Erörterungen ist.

Was da im Nuclear Research Center gebaut wird, ist offenbar weithin unbekannt. Anfragen der Nachrichtenagentur AP hat die israelische Regierung mit gewohnter Routine ignoriert. So bleiben auch Experten nur Vermutungen. Eine realistische lautet: Israel beabsichtigt, seinen alten Reaktor durch eine neue Anlage zu ersetzen, um das eigene Atomwaffenprogramm in die Zukunft zu bringen. Womöglich will man mehr Tritium produzieren. Das relativ schnell zerfallende radioaktive Nebenprodukt wird verwendet, um die Sprengkraft von Atombomben zu erhöhen. Es könnte jedoch auch sein, dass man »nur« mehr herkömmliches Plutonium benötigt, um neue Sprengköpfe zu bauen oder die Lebensdauer der bereits existierenden zu verlängern.

Was immer die Hintergründe der Schachtarbeiten sind - auch in Teheran hat man das Satellitenfoto selbstverständlich genauestens betrachtet und zumindest seinen propagandistischen Nutzen erkannt. Außenminister Mohammad Dschawad Sarif betonte dieser Tage, jedes Gerede über das iranische Atomprogramm sei nicht nur »absoluter Unsinn«, sondern auch pure »Heuchelei«.

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