Straßen in brauner Tradition

Landshut will die Nazi-Autorin Ina Seidel weiterhin ehren

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 3 Min.
Landshut hat sich - verwaltungstechnisch und auch sonst - dafür entschieden, alles beim Alten zu belassen.
Landshut hat sich - verwaltungstechnisch und auch sonst - dafür entschieden, alles beim Alten zu belassen.

Man kann nicht sagen, dass Landshut sich nicht mit seiner Zeit in der Nazi-Diktatur auseinandergesetzt hat. Als beispielsweise die Grünen im Stadtrat die Aberkennung der am 25. Mai 1932 ausgesprochenen Ehrenbürgerschaft für Adolf Hitler forderten, hielt man das nicht für nötig, weil die Ehrung des Tyrannen quasi mit seinem Tode faktisch ohnehin erloschen sei. Man darf über diese Einsparung eines »Verwaltungsakts« geteilter Meinung sein.

Nun hat die Stadt abermals ein »Namensproblem«, das sich aber mit dem Hinweis auf den Tod nicht so einfach abtun lässt. Es gibt seit Ende der 1990er Jahre eine Ina-Seidel-Straße. Zugegeben, die Straße ist nicht bedeutend, so wie die Namensgeberin als Dichterin keine Maßstäbe gesetzt hat. Es sei denn, es ging um Lobhudelei für den »Führer«. Im Oktober 1933 gehörte Seidel mit acht weiteren Frauen zu den 88 »arischen« Literaten, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben. Ihm widmete sie das hochgradig schwülstige Gedicht »Lichtdom«, das in den Satz gipfelte: »Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz.« 1939, als der Diktator 50 Jahre alt wurde, schrieb Seidel, dass »unter uns Tausenden der eine war, über dessen Haupte die kosmischen Ströme deutschen Schicksals sich sammelten, um sich geheimnisvoll zu stauen und den Kreislauf in unaufhaltsam mächtiger Ordnung neu zu beginnen«. Der so Umschleimte dankte Seidel, indem er sie 1944 auf die »Gottbegnadeten-Liste« der sechs wichtigsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller setzte.

Vor allem auf Betreiben der SPD, der Linken und der Grünen beschäftigte sich nun der Stadtrat von Landshut ein halbes Jahr lang mit einem sogenannten Nachprüfungsantrag, der die Umbenennung der Ina-Seidel-Straße zum Ziel hatte. Nicht nur der Stadtarchivar plädierte dafür, den Straßennamen zu belassen, da eine Umbenennung für die knapp 80 Anwohner einen »ungeheuren Aufwand« in Form von Adressänderungen zur Folge hätte. Gut ein halbes Jahr verging, dann wurde der Änderungsantrag Ende Februar vom Stadtratsplenum abgelehnt. Mit 25 zu 18 Stimmen und »nach einer ausführlichen Diskussion« - wie Oberbürgermeister Alexander Putz (FDP) gegenüber einem Petenten in einem ausgerechnet am Frauentag verfassten Brief betont. Gleichfalls durchgefallen ist die Idee, die weiterhin Geehrte mit einem erklärenden Satz an den Straßenschildern vorzustellen.

Um gerecht zu sein, ein Satz hätte auch nicht genügt. Ina Seidels Leben zerfällt in mindestens zwei Epochen. Nach ihrer Zeit als glühende Nazi-Apologetin blieb sie Autorin. 1959 erschien ihr letzter Roman »Michaela. Aufzeichnungen des Jürgen Brook«, der in den Jahren 1933 bis 1945 spielt. Obwohl fast tausend Seiten stark, erkennen Kritiker darin keine ehrliche Abrechnung mit eigenem Dasein. Warum auch? Immerhin wurde die 1974 verstorbene Schriftstellerin ungeachtet ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus in der demokratisch verfassten Bundesrepublik mit zahlreichen Ehrungen überhäuft. Nach dem Bayerischen Verdienstorden 1964 wurde ihr zwei Jahre später sogar das große Bundesverdienstkreuz zuerkannt.

Landshut hat sich - verwaltungstechnisch und auch sonst - dafür entschieden, alles beim Alten zu belassen. So wie die Bürgervertreter im rund 400 Kilometer entfernten hessischen Hechtsheim oder in Horrem (Nordrhein-Westfalen). In Städten wie Oldenburg, Karlsruhe, Heiligenhafen, Ratingen ist die Benennung einer Straße nach Ina Seidel noch nicht einmal als Problem erkannt.

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