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Hymenaios unhysterisch

Oliwia Hälterlein macht dem Mythos vom Jungfernhäutchen den Garaus

Die Durchstoßlegende

Illustration: Aisha Franz
Illustration: Aisha Franz

Im November 2019 erscheint die Folge »Life Hacks« des Podcasts Ladies Like Us von Nazanin Mandi und Nadia Moham. Darin spricht der Rapper »T. I.«, Clifford Harris Jr., über die »Jungfräulichkeit« seiner 18-jährigen Tochter Deyjah. Seit ihrem 16. Lebensjahr, rituell einen Tag nach ihrem Geburtstag, fährt er gemeinsam mit ihr zu einem Gynäkologen, um sich medizinisch bestätigen zu lassen, dass sie noch »Jungfrau« sei. Die Tochter muss den Arzt schriftlich von seiner Schweigepflicht entbinden - nur so darf dieser dem Vater Auskunft geben. Der selbst ernannte »King of the South« erzählt im Podcast, dass der Gynäkologe die »Jungfräulichkeit« anhand Deyjahs »intaktem Jungfernhäutchen« feststellt. Doch warum will er das überhaupt wissen? »T. I.« ist wichtig, dass seine Tochter »rein« und »unberührt« bleibt. Seiner Meinung nach beschütze er mit dieser Kontrolle Deyjah, die ihm dafür in der Zukunft gewiss dankbar sein werde.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2018 die Erklärung abgegeben, dass Jungfräulichkeitstests jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren: Es gibt keine Untersuchung, die beweist, dass eine Person mit Vagina Sex hatte.

Die WHO hat recht mit dieser Aussage, doch die Realität ist noch viel krasser: Nicht nur ist die sogenannte »Jungfräulichkeit« unsichtbar, auch das Körperteil, das ein Indiz dafür sein soll - das sogenannte »Jungfernhäutchen« - sieht völlig anders aus als behauptet und ist absolut kein Sex-Indikator. Und doch glauben die meisten Menschen bis heute, dass ein »Häutchen« den Vaginaleingang verschließt und tradieren gruselige Unwahrheiten über dessen Existenz und »Verlust«. Tatsache ist jedoch: Es gibt keine Membran, die wie eine Art Frischhaltefolie über den vaginalen Eingang gespannt ist. Es gibt kein »Häutchen«, das solange »unbeschädigt« bleibt, bis ein Penis in die Vagina eindringt und es durchstößt, zerreißt oder sprengt. Und es gibt somit auch keinen »Akt«, der eine Person »entjungfert«, sodass diese keine »Jungfrau« mehr ist. Doch auf solchen falschen Annahmen und irreführenden medizinischen Kategorien wie »intakt« und »nicht intakt« basieren Geschichten über das »Jungfernhäutchen« bis heute. Diese schwirren überall herum, im Internet, in Büchern, im persönlichen Austausch, in Schlafzimmern, bei Ärzt*innen, in Gesprächen mit Eltern und in unseren Köpfen - mit weitreichenden Folgen. Denn der tief verwurzelte Mythos vom »Jungfernhäutchen« ist nicht nur zwischen den Beinen angesiedelt, sondern durchläuft sämtliche Lebensbereiche. Die Dichtung schränkt die psychische Gesundheit, die Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit von vielen Menschen mit Vagina massiv ein. Deshalb können auch trans Männer, nichtbinäre und inter Personen davon betroffen sein. Das muss sich ändern. Die jahrhundertealte Lügenmär muss endlich von der anatomischen Realität abgelöst werden. Nieder mit der Durchstoßlegende!

Von Kronen und Kränzen

Das vermeintliche »Jungfernhäutchen« ist keine verschließende Hautschicht, sondern eine kranzförmige Ansammlung von Schleimhautfalten, die sich etwa 1 - 2 cm nach dem Vaginaleingang befindet. Das Gewebe wird gemäß seiner Form auch vaginale Korona (lat. Corona für Kranz, Krone, von altgr. koronós für gekrümmt und koróne für Ring), Schleimhautkranz oder Schleimhautsaum genannt. Diese Falten sehen bei jeder Person unterschiedlich aus, so wie eben auch kein Ohr und keine Nase einander gleicht. Als Illustration in etwa so:

In den allermeisten Fällen (ca. 80 %) ist die geraffte Hautgirlande ringförmig gewachsen und wird »anulare« Korona genannt, jede Dritte hat an verschiedenen Stellen Einkerbungen. Etwa 19 % der Schleimhautkränze haben einen gezackten Saum und heißen »fransige« Korona. Es gibt seltene anatomische Ausnahmen (ca. 1 %), bei denen der Vaginaleingang teilweise oder ganz verschlossen ist; Teile der Schleimhaut sind miteinander verwachsen. Die »cribriforme« Korona beispielsweise weist mehrere kleine Löcher als Öffnung auf, ähnlich einem Sieb, die »septierte« Korona meistens zwei: Über den Eingang zieht sich ein schmales Gewebeband wie eine Brücke. Ist die gesamte Vaginalöffnung verschlossen - Hymen imperforatus - führt dies zu gesundheitlichen Problemen. In der Medizin wird es als eine Fehlbildung (Hymenalatresie) bezeichnet. Studien nennen unterschiedliche Zahlen dafür, wie viele Babies mit Vagina von diesem seltenen Fall betroffen sind - einige sprechen von 0,02 % der Neugeborenen (1 von 5000), andere sagen, es sei noch unwahrscheinlicher. Da es gesundheitsbedrohlich sein kann, wenn sich Menstruationsblut und Sekret in der Vagina stauen, ist bei einer verschlossenen --- eine operative Maßnahme (eine Hymenektomie) notwendig. Auch bei der cribriformen und septierten Schleimhaut kann eine OP erforderlich sein, wenn das Einführen von Tampons oder penetrativer Sex nur unter Schmerzen oder nicht möglich ist. Meistens genügt hierfür ein ambulant ausgeführter kleiner Schnitt.

Die Kinderärztin Renate Hürlimann weist darauf hin, dass viele Eltern falsche Vorstellungen über die Genitalanatomie ihrer Kinder haben. In der Annahme, das »Jungfernhäutchen« könne zerstört werden, sparen manche Eltern das Genital beim Waschen des Kindes aus, was Entzündungen verursachen kann. Die vaginalen Schleimhautfalten sind ein Überbleibsel aus der Embryonalzeit, während der sie den Vaginaleingang verschließen. Vor und während der Geburt schwimmt das Baby in den Hormonen der gebärenden Person, wodurch sich sein Genital verändert. Es schwillt an und die geschlossene Schleimhaut wird weich, weißlich und öffnet sich direkt oder in der folgenden Zeit zum Beispiel zu dieser Form: --- Bis etwa zu ihrem neunten Lebensjahr haben Kinder eine hormonelle Ruheperiode. In der Pubertät unterliegt die Entwicklung der rüschigen Falten der hormonellen Beeinflussung durch Östrogen: Sie werden weicher, faltiger und rosiger.

Im Laufe des Lebens kommt es, so wie bei allen anderen Körperteilen auch, zu weiteren individuellen Veränderungen von Form und Beschaffenheit der vaginalen Schleimhäute. Es ist also kein einmaliges Event, das die --- abrupt verwandelt, sondern ein kontinuierlicher Anpassungsprozess. Verändern tun sich die Schleimhäute, aber verschwinden tun sie nie.

Auch die beiden Medizinerinnen und Autorinnen Nina Dølvik Brochmann und Ellen Støkken Dahl sprechen in ihrem Tedx Talk The Virginity Fraud (2017)5 über die tatsächliche Beschaffenheit der --- Mit einem großen Samthaargummi demonstrieren sie, wie flexibel sich die anpasst: Wenn ein Tampon oder eine Menstruationstasse eingeführt wird, bei sportlicher Betätigung, akrobatischen Kunststücken, beim Penetrationssex mit Finger, Penis oder Sextoys, am extremsten jedoch bei einer vaginalen Geburt. Fernab aller medizinischen Erkenntnisse hält sich das Gerücht hartnäckig, die Vagina könne »ausleiern«.

Der 6 bis 13 cm lange, mit Schleimhautfalten ausgekleidete Muskelschlauch verhält sich jedoch wie andere flexible Muskulatur auch: Sie dehnt sich und zieht sich anschließend wieder auf ihre Ausgangsgröße zurück. Bei extremer Ausdehnung - der Umfang eines Babykopfes liegt bei rund 35 cm - kann es zu Rissen und somit zu Verletzungen im Bereich des vaginalen Eingangs kommen. Die Schleimhaut heilt anschließend narbenlos wieder ab. Vergleichen lässt sich dies mit der Mundschleimhaut, die sich nach Verletzungen ebenfalls schnell wieder regeneriert.

Oliwia Hälterlein:
Das Jungfernhäutchen gibt es nicht. Ein breitbeiniges Heft
MaroHeft 2, Illustriert von Aisha Franz
Maro Verlag
52 S., Fadenknotenheftung mit Schutzumschlag, 18,00 €

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