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Acht unbekannte Proletarier

Revolutionäre Erinnerungskultur und der Friedhof der Märzgefallenen

»Hunderttausende opfern ihren Feiertag, um diesen Acht die letzte Ehre zu erweisen. […] Wer waren diese Acht? Waren es Fürsten, Schlachtenlenker, große Staatsmänner, Gelehrte, Künstler? Nichts von alledem. […] Acht Proletarier, die fast niemand gekannt hat außerhalb des kleinen Kreises, in dem sie lebten und wirkten. Aber diese Acht sind für die Freiheit gestorben.«

So schrieb die sozialdemokratische Tageszeitung »Vorwärts« im November 1918 über die Beerdigung der ersten Toten der Revolution. Mit pathetischen Worten drückte die Zeitung aus, dass deren Beisetzung mehr sein sollte als eine traditionelle Trauerbekundung. Sie symbolisierte die Umwälzung, die die bestehenden Verhältnisse umwarf. Für breite soziale Schichten - allen voran für die Arbeiterinnen und Arbeiter - war die Trauerfeier auf dem Revolutionsfriedhof für die am 18. März 1848 gefallenen Barrikadenkämpfer zugleich eine Demonstration für weitreichende politische Zielvorstellungen: Nicht mehr der Kaiser und die Fürsten, sondern die arbeitenden Klassen erschienen als handelnde Kräfte der Geschichte.

Die Monate November und Dezember 1918 waren eine Zeit sowohl vielfältiger Hoffnungen als auch massiver Ängste. Zwar wurden durch die provisorische Revolutionsregierung das allgemeine und gleiche, also auch für Frauen gültige Wahlrecht, der Acht-Stunden-Tag sowie weitere soziale Errungenschaften dekretiert. Gesichert waren diese Rechte damit aber noch nicht. Vor allem aber gingen die Forderungen der Revolutionsbewegung weiter: Sie bestand auf der »Sozialisierung« aller hierfür »reifen« Industriezweige sowie einer grundlegenden Umwandlung und Demokratisierung des Militärs. Zwar blieb offen, was mit »Sozialisierung« genau gemeint war und welche Branchen als »reif« zu gelten hatten. Aber allen Zeitgenossen war klar, dass die Revolution im Dezember 1918 noch nicht an ihr Ende gelangt war.

Für die Revolution gingen deshalb weiterhin Hunderttausende auf die Straße, auch noch, nachdem sich der Reichsrätekongress Mitte Dezember für die Nationalversammlung (und ebenso übrigens für die Sozialisierung und Militärreformen) ausgesprochen hatte. Aber auch diejenigen, die Angst vor ihr hatten und fürchteten, nun würde »der Pöbel« die Macht übernehmen. Auch diese Menschen, die meist ängstlich zu Hause verharrten und überwiegend dem Adel, dem Bürgertum und dem Mittelstand angehörten, blieben »mobilisiert«. Sie wurden zum Rückhalt der wilhelminischen Obersten Heeresleitung und der Freikorps, die seit Mitte November 1918 versuchten, mit Gewalt die Zeit zurückzudrehen. Es entstand ein Spannungsfeld, in dem der lang ersehnte Sieg einer der demokratischen oder auch (wie viele sich wünschten) sozialistischen Republik leicht untergehen konnte.

Der Friedhof der Märzgefallenen wurde hier zu einem politischen Symbol. Zu einem Symbol nicht zuletzt dafür, dass das, was 1848 gescheitert war - und oft genug verkürzend als »bürgerliche Revolution« bezeichnet wird -, endlich zu Ende gebracht werden müsse. (Siehe dazu den Beitrag von Rüdiger Hachtmann in diesem Band) Deshalb wurden auf dem Friedhof der Märzgefallenen auch die Toten der Kämpfe vom November und Dezember 1918 bestattet. Und deshalb wurde die Ruhestätte im Friedrichshain zu einem Schauplatz der Novemberrevolution, den die Revolutionsbewegung nicht nur 1848, sondern auch 1918 nutzte, für ihre Ziele zu werben.

Die Traditionslinien der Revolution

Damit ist angedeutet, dass sich die Akteure der Revolution von 1918/19 selbst von Anfang an in historischen Traditionslinien sahen, die nicht erst im Protest gegen die Kriegspolitik des grausamen Ersten Weltkrieges der vorangegangenen Jahre begannen, sondern lange davor. Bereits am 9. November 1918, als die Revolution Berlin erfasste, schrieb eine Berliner Zeitung: »Das Jahr soll das Erbe von 1848 antreten und erfüllen.« (Berliner Allgemeine Zeitung, 9. 11. 1918) Angesichts des Trauerzuges vom 20. November zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain, der einer Großdemonstration glich, spannte der Volksbeauftragte für Berlin Kurt Rosenfeld (USPD) diesen Bogen weiter: »Wenn wir diesmal am Schloss vorbeiziehen, wird kein Hohenzoller sich vor den Toten verneigen, wie es Friedrich Wilhelm 1848 tat. Dafür weht über dem Schloßplatz die rote Fahne und der Kaiser ist verjagt.« (Vorwärts, 21. 11. 1918) Die Novemberrevolution hatte den Monarchen nicht nur gedemütigt wie am 19. März 1848, sondern die Hohenzollern-Monarchie hinweggefegt. Es war nur folgerichtig, dass sich die Vertreter der Räte für den symbolträchtigen Friedhof der Märzgefallenen, der eigens für die BarrikadenkämpferInnen vom März 1848 angelegt worden war, als Bestattungsort auch der Toten der zweiten deutschen Revolution entschieden…

Die Erinnerungsorte der Revolution

Einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis erhalten vor allem Orte, die sich als Symbol für bestimmte historische Entwicklungen herauskristallisieren und sie dauerhaft repräsentieren. Dabei sind »Orte« nicht nur geografisch zu verstehen. Vielmehr fällt unter das Konzept der Erinnerungsorte (lieu de mémoire) ebenso alles Materielle und Immaterielle, das symbolisch aufgeladen werden kann. (François/Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte. München 2008, und den Boer / Duchhardt / Kreis / Schmale, Europäische Erinnerungsorte, München 2012) Für die Französische Revolution von 1789 trifft dies sowohl auf den Sturm der (später abgerissenen) Bastille als auch auf die Guillotine zu. Sinnbildlich für die Revolution von 1848 stehen die Barrikade und eben der Friedhof der Märzgefallenen.

Was aber sind die Erinnerungsorte der Revolution von 1918/19? Infrage kommen zum Beispiel die ikonischen Republikausrufungen am 9. November 1918 oder auch die revolutionären Matrosen, die die Revolution auslösten und reichsweit verbreiteten; von ihnen sind ebenfalls einige auf dem Revolutionsfriedhof im Friedrichshain bestattet. Auf der symbolischen Ebene versuchten die Revolutionärinnen und Revolutionäre, sich erst einmal die Erinnerungsorte der Hohenzollern-Monarchie anzueignen (Jones, Die Toten der Revolution beerdigen. Politische Trauerfeiern im November und Dezember 1918, in: Braune / Dreyer (Hg.), Zusammenbruch, Aufbruch, Abbruch? Die Novemberrevolution als Ereignis und Erinnerungsort, Stuttgart 2019, S. 177 - 196): Der Trauerzug nahm den Weg durch das Zentrum der Hauptstadt, durch das Brandenburger Tor.

Das [im Buch abgebildete, d.Red.] Foto zeigt nicht - wie so oft an diesem Ort - marschierende Uniformierte, sondern eine ungeordnete und bunte Menschenmenge. In ihrer Mitte sind, fast unscheinbar, die Särge zu sehen. Der weitere Weg führte wie schon 1848 am Schloss vorbei. Nach dieser wilhelminischen Prachtstätte erreichte der Zug den Friedhof der Märzgefallenen. Der einst von den »Achtundvierzigern« angelegte Friedhof wurde auch zu einem Symbol der Novemberrevolution. An die von den »Achtundvierzigern« und ihren Nachkommen sowie den »Erbwaltern« aus der bis 1914 ja mindestens programmatisch revolutionären Sozialdemokratie gepflegte Tradition, alljährlich die dort bestatteten Barrikadentoten zu ehren, knüpften die Protagonisten der neuen Revolution an. (Haspel, Zum Umgang mit Gedenkorten in der Berliner Denkmalpflege, in: Kitschun / Lischke, Am Grundstein der Demokratie. Erinnerungskultur am Beispiel des Friedhofs der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain, Frankfurt a. M. u. a. 2012, S. 43 - 54, hier S. 52; ders., Der Berliner Friedhof der Märzgefallenen, ein national wertvolles Kulturdenkmal, Berlin 2018, S. 2) Sie maßen dem schmucklosen Ort eine große Bedeutung bei und setzten den Palästen der Monarchie mit dem Friedhof der Märzgefallenen ihren eigenen Erinnerungsort entgegen.

Der Friedhof der Märzgefallenen - ein demokratischer Erinnerungsort von nationaler und europäischer Dimension

Anders als die Schlösser der Stadt, die Bewunderung und Staunen über Glanz und Gloria der Hohenzollernmonarchie hervorrufen sollten, verkörperte und verkörpert der schlichte Berliner Revolutionsfriedhof eine oppositionelle Tradition. Über viele Jahrzehnte waren Menschen, die nur der Toten der 1848er-Revolution an diesem Ort gedenken wollten, Polizeischikanen und -gewalt ausgesetzt. Zugleich jedoch erlebten sie, wenn sie am 18. März in den Friedrichshain zogen, eine sichtbare und verbindende Solidarität. Die Erinnerung pflegten die Arbeiterbewegung und auch die Linksliberalen. (Hachtmann, Revolutionär durchgelüftet. Berlin im Jahre 1848, in: Hamann / Schröder (Hg.), Demokratische Tradition und revolutionärer Geist, Freiburg 2010, S. 13 - 32, hier S. 28 f.; siehe auch Klemm, Erinnert - umstritten - gefeiert. Die Revolution von 1848/49 in der deutschen Gedenkkultur, Göttingen 2007) Diese Tradition blieb so stark, dass für die revolutionären Zeitgenossen ein Grab auf dem Friedhof der Märzgefallenen offensichtlich als die größtmögliche Ehre für die Ende 1918 getöteten Revolutionäre angesehen wurde.

Am Friedrichshainer Revolutionsfriedhof trifft eine Reihe sehr unterschiedlicher Entwicklungslinien zusammen. […] Deshalb bietet es sich gerade heute an, diese Stätte als Kristallisationsort für eine allgemeine Revolutionsgeschichte zu betrachten. Dieser Band widmet sich daher erst dem Ort selbst und weitet dann von diesem ausgehend den Blick auf Fragen rund um die Revolution 1918/19.

Lange Zeit galt diese Revolution zu Recht als »vergessene Revolution« (Gallus (Hg.), Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010; siehe auch Niess, Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung. Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21. Jahrhundert, Berlin u. a. 2013) - ebenso konnte der Gedenkort Friedhof der Märzgefallenen am Ende des 20. Jahrhunderts als »vergessener Ort« bezeichnet werden. Generell war eine deutsche und europäische Demokratiegeschichte lange nur in einem geringen Maße als eigenständige Tradition ausgeprägt. Inzwischen heben HistorikerInnen den demokratischen Aufbruch der Revolution und der Weimarer Republik verstärkt hervor. (Hachtmann, Blick zurück und in die Zukunft. Die Sicht auf die »Novemberrevolution« 1919 bis 2018 und mögliche Perspektiven einer kritischen Revolutionshistoriographie, in: Sozial.Geschichte Online 23 (2018), S. 107 - 165; siehe beispielhaft auch Gerwarth, Die größte aller Revolutionen. November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit, München 2018)

Parallel drehten sich Debatten um die Rolle der Gewalt am Anfang der neuen Republik. (Jones, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017) Das 100-jährige Jubiläum 2018/19 hat eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Revolutions- und Demokratiegeschichte erzeugt. Der Gedenkort Friedhof der Märzgefallenen war daran mannigfaltig beteiligt. Eine wichtige Aktivität war eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel »Revolution Revisited«. Die Vorträge dieser Reihe legten die Basis für die Beiträge dieses Bandes.

Oliver Gaida und Susanne Kitschun (Hg.):
Die Revolution 1918/19 und der Friedhof der Märzgefallenen
Metropol Verlag
286 S., kt., 19,00 €
Erscheint 31. März 2021

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