Bis zum Sommer ist es weit

In Impfzentren könnten mehr Menschen geimpft werden, als Vakzine vorhanden sind. Zu wenig, um die dritte Welle zu stoppen

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
Nur wenige Menschen warten im Impfzentrum Mittelthüringen auf der Erfurter Messe.
Nur wenige Menschen warten im Impfzentrum Mittelthüringen auf der Erfurter Messe.

Bis zum Ende des Sommers soll - so die Bundesregierung - jede und jeder Erwachsene in Deutschland das Angebot einer Corona-Impfung erhalten. Bis dahin ist es allerdings noch lange hin. Momentan ist laut Bundesgesundheitsministerium erst jeder zehnte Erwachsene geimpft. Und obwohl seit Freitag auch wieder der Impfstoff AZD1222 des britisch-schwedischen Unternehmens Astra-Zeneca verwendet wird, sind die aktuellen Impfstoffmengen noch deutlich zu knapp.

Neben dem seit Februar bis zum zeitweiligen Stopp verimpften AZD werden bereits seit Januar Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna genutzt. Inzwischen wurde eine weitere Vakzine, der Vektorimpfstoff von Janssen (Johnson & Johnson), von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zugelassen. Allerdings wird dieser frühestens Mitte/Ende April zum Einsatz kommen, informierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Mit einer Entscheidung über die Zulassung des Präparats von Curevac (Tübingen/Niederlande) sei im Mai oder Juni zu rechnen. Im dritten Quartal könne es voraussichtlich geimpft werden, wenn die Zulassungsdaten den Einsatz erlaubten.

Darüber hinaus befindet sich der Impfstoff des US-Unternehmens Novavax in der Prüfung bei der EMA, seit Anfang März auch das russische Präparat Sputnik V. Spahn sprach sich für zügige Vereinbarungen zum Erwerb des Corona-Impfstoffs Sputnik V aus, sobald das russische Präparat in der EU zugelassen werde. Dazu müsse die russische Seite noch Daten liefern.

Von den bereits zugelassenen und den noch erwarteten Impfstoffen sind insgesamt 300 Millionen Impfdosen für Deutschland bestellt. Schaut man sich die angekündigten Lieferungen der bisher verimpften Vakzine an, sieht es derzeit nicht so rosig aus: Von Biontech kommen seit Anfang März aller zwei Tage reichlich eine Million Dosen, bis Ende März sollen knapp zwölf Millionen Impfdosen geliefert sein. Von Astra-Zeneca sollen es bis dahin reichlich 5,5 Millionen Dosen werden, während von dem Mittel des US-Unternehmens Moderna nur knapp 1,8 Millionen Dosen kommen. Bedenkt man, dass laut Bundesgesundheitsministerium die Impfzentren bei guter Organisation mehr als zwei Millionen Dosen pro Woche verimpfen könnten und 50 000 Arztpraxen eine weitere Million, ist auch nach Wiederaufnahme der Impfungen mit AZD1222 der Impfstoffmangel unübersehbar.

Zum Impfstand heute sagte Spahn, die meisten Bundesländer hätten begonnen, die Über-70-Jährigen einzuladen. Berlin zum Beispiel habe weit über 80 Prozent der Über-80-Jährigen geimpft, andere Länder gerade einmal die Hälfte. Deshalb ist für den Bundesgesundheitsminister klar: »Zur ehrlichen Lageanalyse gehört: Es gibt in Europa noch nicht genügend Impfstoff, um die dritte Welle allein durch Impfen zu stoppen. Selbst wenn die Lieferungen aus EU-Bestellungen nun zuverlässig kommen, wird es noch einige Wochen dauern, bis die Risikogruppen vollständig geimpft sind«, so der CDU-Politiker.

Die im Vergleich zur wachsenden Zahl der Neuinfektionen rückläufige Zahl der Toten könnte nach Ansicht von Experten schon eine Folge der Impfungen sein. Untersuchungen aus Großbritannien und Israel zeigen jedenfalls, dass bereits die erste von zwei Impfungen bei den eingesetzten Vakzinen das Risiko einer schweren Erkrankung an Covid-19 signifikant senkt.

Was wirkt. Steffen Schmidt über Risiken des Astra-Zeneca-Impfstoffs

Deshalb taucht in der deutschen Diskussion erneut die Forderung auf, lieber erst einmal möglichst viele Menschen einmal zu impfen, statt Impfdosen für die vorgesehene Zweitimpfungen aufzusparen. Eine gerade erschienene Studie aus den USA sieht in diesem Vorschlag, der aktuell vom Hallenser Virologen Alexander Kekulé wieder aufgegriffen wurde, das Risiko, neue Virusmutationen heranzuzüchten. Wenn bei einzelnen Impflingen die Immunreaktion nach der ersten Dosis zu schwach ausfällt, so bestehe die Gefahr, dass einzelne Viren sich so verändern, dass sie dem Immunsystem leichter entwischen können, schreiben die Forscher um Chadi Saad-Roy von der Universität Princeton. Und die würden sich dann besser verbreiten.

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