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Meutern gegen Verdrängung

Kollektivkneipe »Meuterei« lässt sich trotz drohender Räumung nicht unterkriegen

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 5 Min.
Soli, Leonie und die anderen Kollektiv-Mitglieder aus der Reichenberger Straße meutern weiter – auch über ihren Kiez hinaus.
Soli, Leonie und die anderen Kollektiv-Mitglieder aus der Reichenberger Straße meutern weiter – auch über ihren Kiez hinaus.

»Wir haben immer gesagt: Wir werden nicht still gehen. Und wir werden auch in Zukunft nicht still sein, sonst hätten wir schon 2019 den Schlüssel abgeben können«, sagt Soli. Er gehört seit etwa drei Jahren zum Kollektiv der Kiezkneipe »Meuterei« in der Reichenberger Straße in Kreuzberg. Seit 2019 der Mietvertrag ausgelaufen ist, hält das Kollektiv die Räume besetzt und zahlt nach eigener Aussage eine sogenannte Nutzungsentschädigung in Höhe der Miete. An diesem Donnerstag soll die linke Kneipe nach fast zwölf Jahren geräumt werden.

Ginge es nach dem Willen der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, würde es – wenigstens vorerst – nicht dazu kommen. Am vergangenen Freitag hatten die Fraktionsvorsitzenden Anne Helm und Carsten Schatz Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) aufgefordert, die Räumung pandemiebedingt auszusetzen. Eine Antwort steht noch aus. Klar scheint: Wird die Räumung durchgezogen, dürften mal wieder Protesttage auf Friedrichshain-Kreuzberg zukommen.

Die Mobilisierung gegen die Räumung läuft bereits auf Hochtouren. Soli und Leonie bauen in der Reichenberger Straße 58 einen Pavillon für pandemiekonforme Pressegespräche auf. Nach und nach trudeln Menschen auf Fahrrädern ein, Mitglieder des Kollektivs, der Gruppe »Leute für die Meute« sowie Unterstützer*innen und Freund*innen, die beim Aufräumen helfen. Das Kollektiv selbst besteht nach eigenen Angaben aus etwa zehn aktiven Mitgliedern. Das unterstützende Umfeld sei in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. »Da sind Leute dabei, die sind nicht einmal Fans davon, in die Kneipe zu gehen. Aber die haben gesagt: Ihr seid so etwas wie ein Stadtteilzentrum, nur mit anderen Öffnungszeiten«, erzählt Soli.

Im Hintergrund hört man Bohrgeräusche, Kühlschränke werden in einen Van getragen. »Der nützliche Kram kommt zu befreundeten Projekten oder wird bei Freund*innen untergestellt«, sagt Leonie, die seit sechs Jahren im Kollektiv aktiv ist. Wie Soli will auch sie nicht mit ihrem vollen Namen in der Zeitung stehen. Das meiste soll aber erst einmal übergangsweise untergestellt werden – das Kollektiv hat die Hoffnung nicht aufgegeben, doch noch neue Räume zu finden. »Am liebsten würden wir im Kiez bleiben, weil wir hier die Anbindung haben«, sagt Soli. Allerdings sind die Kreuzberger Immobilienpreise so hoch, dass das wenig realistisch scheint. Zumindest nicht mit ihrem bisherigen Geschäftsmodell aus günstigen Getränken und einem offenen Ohr auch für nicht-zahlendende Kundschaft. »Die Idee der ›Meuterei‹ funktioniert auch ohne Räume – zumindest vorübergehend«, ist sich Leonie sicher.

Die Idee, von der Leonie spricht, ist zum einen, als Kollektiv gemeinsam hierarchiefrei zu arbeiten. Das sei nicht immer einfach, aber: »In den Jahren haben wir sehr gut gelernt, aufeinander zu hören und miteinander im Konsens Entscheidungen zu treffen«, sagt Leonie. Das klappt nicht immer. So wurde der Vertragsinhaber nach internen Streitereien aus dem Kollektiv ausgeschlossen.

Vor allem aber will die »Meuterei« ein Raum für den Kiez sein. Auch während der Pandemie habe man versucht, für die Menschen erreichbar zu sein. Tatsächlich hat das Kollektiv den Kneipenbetrieb ruhen lassen und stattdessen einen Umsonstladen aufgemacht, aus dem Fenster heraus Getränke verkauft, ein Magazin herausgebracht und eine Schnitzeljagd organisiert. Immer wieder seien Menschen vorbeigekommen, die sich von der Kiezkneipe, in der vor der Pandemie auch soziale Beratung angeboten wurde, Hilfe erhofften, erzählt Leonie: »Einmal hing ein Zettel an der Tür, wo draufstand: ›Liebe ›Meuterei‹, ich brauche eure Hilfe, ich weiß nicht, wie ich euch erreichen kann.‹ Das hat mich wirklich traurig gemacht.«

Doch auch für die Mitglieder des Kollektivs geht es um ihre Existenz. »Wir wollten immer, dass Leute sich etwas dazuverdienen können, aber nicht komplett abhängig sind von der ›Meuterei‹«, sagt Leonie. Trotzdem habe es für viele einen wichtigen Teil des Einkommens ausgemacht. Leonie und Soli arbeiteten nebenher noch in der Veranstaltungsbranche. Mit der Pandemie ist beides weggebrochen. Andere Kollektivistas hätten ihre Jobs trotz Corona weiterführen können, also habe man sich gegenseitig unterstützt. Genau diese praktische Solidarität ist es, die die »Meute« ausmacht.

Was mit der Ladenfläche passieren soll, wenn die »Meuterei« verschwindet, ist noch nicht klar. »Wir haben darauf gewettet, dass es ein Smoothie-Laden wird«, sagt Leonie. Der Rest des Hauses sei bereits in Eigentumswohnungen umgewandelt. Der Eigentümer Goran Nenadic von Zelos Properties, dessen Geschäftsmodell es ist, Häuser zu kaufen, zu sanieren und teuer zu verkaufen, habe zuletzt nicht mehr auf die Nachrichten der »Meuterei« reagiert. Er hat dem Kollektiv die Räume nach dessen Aussage für 750 000 Euro zum Kauf angeboten – viel zu teuer für einen solidarischen Kneipenbetrieb. Das Kollektiv bot an, den Laden zu mieten oder für die Hälfte, also 375 000 Euro zu kaufen, worauf Nenadic nicht eingegangen sei. Mehrere Anfragen des »nd« blieben auch nach Tagen unbeantwortet. »Unser Angebot steht«, sagt Soli.

Alles sieht danach aus, dass die linke Kollektivkneipe am Donnerstag um acht Uhr morgens geräumt werden wird. Ab sechs Uhr ruft das Kollektiv zu dezentralen Aktionen im gesamten Stadtgebiet auf. Am Dienstagabend wollen Unterstützer*innen von der »Meuterei« in die Rigaer Straße ziehen. Von Mittwochnachmittag bis Donnerstagabend hat die Polizei eine Sperrzone um die Kneipe verhängt und das Versammlungsrecht eingeschränkt. »Wir werden uns nicht vorschreiben lassen, wie und wo wir rebellieren werden«, sagt Leonie.

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