Deutschland – kein Weltmeister

Die Corona-Bekämpfung zeigt, dass es ein Irrtum ist, die Bundesrepublik als fehlerfreien »Weltmeister« zu bezeichnen

  • Von Stephan Anpalagan
  • Lesedauer: 4 Min.

Deutschland ist Exportweltmeister. Deutschland ist Weltmarktführer. Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Also der Herzen. Deutschland ist der bevölkerungsreichste Staat in Europa. Deutschland ist vieles. Deutschland ist alles. Über alles. Auf der Welt. Oder so ähnlich.

Wer an Deutschland denkt, denkt häufig die Wörter »Welt« und »Meister« mit. Deutschland gilt als Land des Erfindergeistes und der Ingenieurskunst. In Deutschland wurde der Buchdruck erfunden, die Glühbirne, das Telefon, das Auto und der Computer. Auf der ganzen Welt gilt »Made in Germany« als Qualitätsmerkmal. Deutschland ist das Land der Aufklärung, der Wissenschaft und der Rationalität. In Deutschland wird gedacht und nicht gefühlt. In Deutschland wird der Müll getrennt. In deutschen Kneipen wird die Rechnung geteilt. Deshalb funktioniert in Deutschland alles. Während es woanders den Bach hinuntergeht.

+++ SCHNITT +++

Bill Gates steht auf einer TED-Bühne und warnt vor der nächsten Virus-Epidemie. Er redet über die Nachverfolgung von Infektionsketten, über Krankenhauspersonal, über Impfstrategien und über die Unterstützung des Gesundheitssystems durch Militärangehörige im Sanitätsdienst. Er hält ein leidenschaftliches Plädoyer und fordert, dass wir mehr Geld in die medizinische Forschung investieren und dass wir das Verhalten von Viren simulieren müssen. In seinem Schlusswort: »WE CAN GET READY FOR THE NEXT EPIDEMIC« (zu Deutsch: »Wir können auf die nächste Epidemie vorbereitet sein«) sind die Worte »THE NEXT EPIDEMIC« (zu Deutsch: »Die nächste Epidemie«) rot eingefärbt, um die Dringlichkeit der Rede deutlich zu machen. Er appelliert an die Zuhörer*innen und an die Mächtigen dieser Erde, die Gefahr durch Viruserkrankungen ernst zu nehmen. Am Beispiel von Influenza und Ebola zeigt er auf, wie groß diese Gefahr ist, die die gesamte Menschheit bedrohen könnte und wie man ihr am besten begegnet.

Das war im Jahr 2015. Fünf Jahre vor der globalen Ausbreitung des Corona-Virus.

+++ SCHNITT +++

Wir schreiben das Jahr 2021. Das Corona-Virus hat sich auch in Deutschland ausgebreitet und bestimmt unser Leben. Es gibt noch immer kein belastbares Test-Regime, das allen Menschen in Deutschland regelmäßigen Zugang zu Selbst-, Antigen- oder PCR-Tests ermöglichen würde. Es gibt noch immer keine ausgebaute Impf-Infrastruktur, die allen Menschen in Deutschland Zugang zu einem Impfstoff gegen das Corona-Virus ermöglichen würde. Es gibt noch immer keine funktionierende Kontaktnachverfolgung, um infizierte Personen in häuslicher Quarantäne unterzubringen und somit Infektionsketten zu unterbrechen. Es gibt noch immer keine Strategie, die die Konzepte »Schulpflicht« und »Infektionsschutz« zusammen denkt. Oder »Unterricht« und »Digitalisierung«. Oder »Klassenraum« und »Luftfilter«.

Immerhin sind die Krankenhäuser und Gesundheitsdienste nun mit Schutzausrüstung ausgestattet, nachdem wochenlang um jede Maske, jeden Handschuh und jeden Tropfen Desinfektionsmittel gerungen wurde. Für die Vermittlung dieser Schutzausrüstung kassierte der CDU-Politiker Niklas Löbel 250.000 Euro. Der CSU-Politiker Georg Nüsslein 600.000 Euro. Und die beiden sind wohl nur die Spitze eines christdemokratischen Eisbergs.

Was die Bekämpfung des Corona-Virus angeht, hat sich Deutschland in den vergangenen 12 Monaten in keinem einzigen Bereich mit Ruhm bekleckert. Neben der fehlenden Test- und der fehlenden Impf-Infrastruktur ist nun auch die 67 Millionen Euro teure Corona-Warn-App in der Versenkung verschwunden. Nach einem Jahr mit dem Wahnsinn dieser Pandemie sitzt die Bundeskanzlerin neben den Ministerpräsidenten Markus Söder und Michael Müller auf einer Pressekonferenz und hält ein laminiertes DIN A4 Blatt in die Höhe, auf dem eine Öffnungsstrategie dargestellt ist, während zeitgleich Wissenschaftler:innen vor der dritten Welle warnen. Dritte. Welle. Nachdem mittlerweile 75.000 Menschen an diesem Virus gestorben sind.

Deutschland galt einmal als Land des Erfindergeistes und der Ingenieurskunst. Nun aber müssen die Deutschen zusehen, wie die USA innerhalb von 58 Tagen 100 Millionen Menschen impft. Wie Israel die letzten Corona-Stationen aus den Krankenhäusern abbaut, wie sich die Menschen in Neuseeland in voll besetzten Rugbystadien gegenseitig mit Hot Dogs füttern.

Noch immer denken wir an »Weltmeister« und »Weltmarktführer«, wenn wir an Deutschland denken. Wir sind ja schließlich kein Dritt-Welt-Land. Kein »Shithole-Country«. In Deutschland funktioniert alles. In Deutschland gibt es keine Korruption. In Deutschland werden politische Entscheidungen nach Gemeinwohlinteressen getroffen und nicht nach den Wünschen und Forderungen irgendwelcher obskuren Lobbyverbände. In Deutschland finden Wissenschaftler:innen Gehör. In Deutschland setzen sich Sachverstand und Expertise durch.

So denken wir. Angesichts der Abgründe, die sich im Rahmen der Corona-Bekämpfung auftun, könnte man aber auch meinen, bei uns ginge es den Bach hinunter. Genauso, wie woanders auch.

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