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  • Dokumentarfilm "Lovemobil"

Authentisch gefälscht

Der preisgekrönte Dokumentarfilm »Lovemobil« über den Alltag von Sexarbeiterinnen wurde inszeniert

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine Bundesstraße irgendwo in Niedersachsen. Am Straßenrand stehen Wohnmobile, beleuchtet mit Lichterketten und leuchtenden Herzen im Fenster. In ihnen arbeiten Sexarbeiterinnen, darunter auch Rita, seit sie aus Nigeria übers Mittelmeer nach Europa geflohen ist.

Der Dokumentartfilm »Lovemobil« hat für seine eindrückliche Darstellung des Alltags von Prostituierten in Deutschland 2020 den Deutschen Dokumentarfilmpreis gewonnen und war sogar für den Grimme-Preis nominiert – bis diese Woche bekannt wurde: Der Dokumentarfilm ist wohl eher ein Spielfilm.

Herausgefunden hat das die NDR-Redaktion STRG_F. Nachdem diese Informationen aus dem Umfeld der Produktion erhalten hatte, recherchierte man nach: Zwar basiere der Film auf langjährigen Recherchen der Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss, zahlreiche Situationen wurden jedoch inszeniert. »Fast nichts an diesem Dokumentarfilm ›Lovemobil‹ ist echt. Dialoge und Szenen wurden nachgestellt. Prostituierte und Freier zum Teil von Darsteller*innen gespielt«, heißt es in einem Video von STRG_F. Auch Bekannte und Freunde der Regisseurin hätten Rollen übernommen.

Der NDR, der an der Produktion beteiligt war, hat sich bereits von der Doku distanziert. Lehrenkrauss selbst verteidigt ihren Film: »Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben, weil: Diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, ist eine viel authentischere Realität.« Das Leben schreibt also gar nicht die besten Geschichten? Lehrenkrauss entschied sich, auf Authentizität zu verzichten, um den Film authentischer zu machen.

Welch Ironie. Vor allem Vereine wie Doña Carmen, der sich für soziale und politische Rechte von Prostituierten einsetzt, sind aufgebracht. Bereits im Oktober 2019 beurteilten Juanita Henning von Doña Carmen und die Wohnmobil-Sexarbeiterin Nicole Schulze nach einer Filmvorstellung die Doku als ein »wenig überzeugendes Machwerk einer Prostitutionsgegnerin«, das mit der Realität der Sexarbeit nichts zu tun habe. Andere Sexarbeiter*innen sprechen von einem Muster: »Das kennen wir schon aus dem #Tatort. Meine Erfahrungen bei @3sat sowie unzähligen zuvor zeigen, dass es den politischen Willen gibt, die Erzählung über #Huren eindimensional und skandalisierend zu gestalten. Ich habe es so satt«, twitterte die bekannte Sexarbeiterin Kristina Marlen.

Die Geschädigten der »Dokumentation« seien die Sexarbeiter*innen, schreibt Doña Carmen, »wenn ihr Beruf in den öffentlich-rechtlichen Medien permanent schlechtgeredet wird und statt Aufklärung über ihre Tätigkeit Klischees und Vorurteilen Vorschub geleistet wird«. Hinzu kommen wohl die Darsteller*innen des Films, von denen einige angeben, nicht gewusst zu haben, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Elke Margarete Lehrenkrauss hat also nicht nur den NDR getäuscht. Ein Relotius-Moment für die Dokumentarfilm-Branche.

Immerhin: Den Dokumentarfilmpreis und das Preisgeld hat sie laut Berichten mittlerweile zurückgegeben.

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