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Nie war die Universität geistloser

Bald beginnt das dritte rein digitale Semester. Doch so geht es nicht weiter. Bildungspolitiker sollten endlich Verantwortung übernehmen

  • Von Iphigenia Andreou und Jakob Keienburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Bildungspolitik: Nie war die Universität geistloser

Im Jahr 1987 konstatierte der Philosoph und Mitbegründer der Freien Universität Berlin Klaus Heinrich die »Enterotisierung« der zeitgenössischen Universität. Mit dem massiven Ausbau der Hochschulen korrespondiere der »Auszug« aus ihnen: »Sei es, dass die Studierenden auf ihren Besuch verzichten, sei es, dass sie sie längst innerlich verlassen haben.« In Zeiten des Dauer-Lockdowns scheint es, als käme die von Heinrich beschriebene Entwicklung an ihr Ende: Niemals waren so viele Studenten an deutschen Hochschulen eingeschrieben - es sind drei Millionen -, niemals glich der Hort des Geistes so sehr einem Geisterort. Ausgerechnet in dieser Situation mehren sich die Stimmen, die wie der Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar das »Ende der Massenuniversität« ausrufen. Herbeiführen soll das eine umfassende Digitalisierung, die mit Podcast-ähnlichen Vorlesungen auf dem Smartphone »individuelleres« Lernen ermögliche.

Doch der Lockdown und seine Entsprechung im Bildungsbereich, die Digitallehre, machen für Studenten ein individuelles Leben geradezu unmöglich: Insbesondere für Erstsemester besteht aktuell nur die Alternative, entweder im Elternhaus zu bleiben beziehungsweise dorthin zurückzuziehen, oder aber sich in einer fremden Stadt ohne soziale Kontakte in die Isolation zu begeben. Viele Studenten haben ihre Hochschule noch nie von innen gesehen. Zusätzlich getroffen werden arme Studenten, die ihren Nebenjob verloren haben, und solche (häufig dieselben), die nicht aus dem akademischen Milieu stammen und mit den dort üblichen Gepflogenheiten jetzt erst recht nicht vertraut werden können. Ihre Förderung wurde in den letzten Jahrzehnten (von links) zu Recht immer wieder angemahnt und als Ziel ausgegeben - nun werden sie (von links) den »Privilegierten« zugerechnet, die als solche ruhig von der Politik vergessen werden dürfen - die Hochschulen und die Studenten wurden wie üblich auch beim vergangenen »Corona-Gipfel« nicht thematisiert.

Überzeugende Argumente für die komplette Schließung der Universitäten gibt es dabei keine: Die Gebäude sind groß genug für zumindest kleine Veranstaltungen bei Hygieneabstand; Studenten leben meist allein oder mit anderen Studenten zusammen, anders als bei Schülern drohen sie also im Falle einer - für sie selbst meist kaum gefährlichen - Infektion nicht, ihre Eltern anzustecken; in vielen Städten fahren Studenten mit dem Fahrrad zur Universität, die anderen können mit Maske und Schnelltests Risiken für den ÖPNV minimieren. Warum also die Schließung en bloc? Es drängt sich der Verdacht auf, dass im deutschen Kompetenzwirrwarr niemand Verantwortung übernimmt und sich daher wie von selbst die Logik der Kosteneffizienz stillschweigend durchsetzen wird - und die spricht gegen Präsenzlehre.

Die Digitalisierung der Universität mit Sorge zu betrachten und darüber eine öffentliche Reflexion einzufordern, ist kein Privileg, sondern die Antwort auf die Frage, in welcher Universität Studenten in Zukunft studieren und Dozenten lehren möchten. Heinrichs Rede von der schwindenden »Erotik« der Universität verwies auch darauf, dass Geist ein »Triebbegriff« ist: Das leibliche Moment des unmittelbaren Kontakts zu bestimmten Orten und Menschen ist für das Denken und die Aneignung von Wissen nicht minder wichtig als die Möglichkeit des Rückzugs ins eigene Zimmer. Bei aller Begeisterung für die Vorzüge des Digitalen darf dies nicht in Vergessenheit geraten.

Iphigenia Andreou und Jakob Keienburg haben den Offenen Brief Präsenzlehre Berlin verfasst, der inzwischen von über 1000 Menschen unterschrieben wurde. Daraufhin hat sich die Initiative NichtNurOnline gegründet. Mehr unter: www.präsenzlehre-berlin.de

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