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Ein Citoyen des Geistes

Zum 150. Geburtstag des großen Stilisten und Brückenbauers Heinrich Mann.

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.
Ein ironisches Selbstporträt: »Professor Unrat« in der Romanverfilmung »Der blaue Engel«
Ein ironisches Selbstporträt: »Professor Unrat« in der Romanverfilmung »Der blaue Engel«

Zum bittersten Moment seines Lebens wurde der seiner Rettung. Denn diese bedeutete, Europa verlassen zu müssen. Sein Europa, das er verteidigt hatte wie kein anderer deutscher Autor. Seit sieben Jahren lebte Heinrich Mann bereits als Emigrant in Frankreich. Soeben hatte er in Nizza die beiden umfangreichen Bände seines Hauptwerks »Die Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre« beendet - 1600 Seiten über die Läuterung eines Potentaten zur Humanität. Und nun soll er zusammen mit seinem Neffen Golo, dem Ehepaar Werfel und seiner Frau Nelly zu Fuß über die Pyrenäen klettern, um über Spanien nach Portugal zu kommen. Von Lissabon aus würden sie mit dem Schiff nach Amerika fahren, wenn alles gut ging.

Heinrich Mann ist fast siebzig Jahre alt, als er am Morgen des 4. Oktober 1940 vor sich den »grünen Berg« sieht, »zweitausend Meter hoch«. Da müssen sie nun zu Fuß hinüber. Wenn es am schwierigsten wird, trägt ihn Nelly fast, so etwas kann sie. Thomas und Katia Mann nennen sie nur die »schreckliche Trulle«, die vormalige Bardame vom Ku’damm, entweder aus dem »Bajadere« oder der »Kakadu-Bar«, das ist unter den Biografen umstritten. Das eine sei ein Puff gewesen, so Nelly, das andere ein Etablissement, wo »nur feine Herren« verkehrten. Solche wie Heinrich Mann, der aus seiner Vorliebe für Halbweltdamen nie einen Hehl gemacht hat. Schließlich ist sein »Professor Unrat« (dessen Verfilmung als »Blauer Engel« zum Kinowelterfolg wurde) auch ein ironisches Selbstporträt. Aber wer außer Nelly könnte ihn jetzt so klaglos über die Pyrenäen schleppen? Diesen Gang schildert er in seinem Erinnerungsbuch »Ein Zeitalter wird besichtigt«, das 1947 im Aufbau Verlag erscheint. Es wird noch Jahre dauern, bis auch im Westen wieder Bücher von Heinrich Mann gedruckt werden.

Hoffnungsvoll und misstrauisch

Ohne Nelly, die sich mutig mit beiden Ellenbogen in den Kampf um Schiffskarten stürzte, wären die für derartige Alltagsgefechte ungeeigneten deutschen Intellektuellen wohl nie aus Lissabon weggekommen. Bordkarten erhalten sie schließlich für den griechischen Dampfer »Nea Hellas«, in der »Bretterklasse«. Heinrich Mann findet den griechischen Dampfer »einfach ekelhaft« - und denkt vielleicht an seinen Bruder Thomas, der zwei Jahre zuvor mit der »Queen Mary« in der Luxusklasse über den Atlantik reiste. Oder auch an seine Nichte Monika, deren Schiff sank, nachdem es von einem deutschen U-Boot torpediert worden war.

Eigentlich hat er ein positives Bild der USA. Besonders Präsident Roosevelt schätzt er - ebenso wie Stalin im Osten - als Vertreter eines neues Zeitalters. Erst in Hollywood, wo man ihn anfangs als Drehbuchautor beschäftigt, fällt ihn all die Leere und Sinnlosigkeit einer solchen Existenz an. Doch er glaubt an eine Zukunft Europas nach dem Sieg über Hitlerdeutschland. Und als dieser Sieg da ist, bemerkt er, wie zweigeteilt das befreite Deutschland auf ihn reagiert. Im Osten hoffnungsvoll, im Westen misstrauisch.

Dieses geteilte Bild von Heinrich Mann wirkt bis heute nach. Im Westen galten bis weit in die 50er Jahre alle Emigranten als Vaterlandsverräter, die es sich im Ausland »bequem« gemacht hätten, während deutsche Soldaten vor Stalingrad starben und deutsche Städte bombardiert wurden. Der Hass traf Thomas Mann und seine Kinder ebenso wie Heinrich. Aber diesen ganz besonders, denn er hatte sich in Frankreich mit den Kommunisten zusammen für die Schaffung einer »Volksfront« in Hitlerdeutschland eingesetzt, sich mehrfach mit Walter Ulbricht getroffen.

Der Sieg über Hitlerdeutschland wirkte von Los Angeles aus geradezu unwirklich. War es Zeit, zurückzukehren? Diese Frage stellten sich alle Emigranten, aber besonders der ganz und gar mittellose Heinrich Mann, der von Walter Ulbricht umworben wurde. Er war bereits zum ersten Präsidenten der ostdeutschen Akademie der Künste berufen worden, saß auf gepackten Koffern, als er am 12. März 1950 plötzlich starb.

Das Bekenntnis zur DDR hat man ihm in der Bundesrepublik nie verziehen. Er habe sich zur »Marionette« Ulbrichts und Stalins machen lassen, so hieß es und heißt es gelegentlich noch. 1987 wird Marcel Reich-Ranicki schreiben, es sei »wohl Zeit, sich von Heinrich Mann zu verabschieden«. Dieser habe, wenn er es denn jemals war, aufgehört, ein Schriftsteller zu sein, der für die Gegenwart noch irgendwie wichtig sein könnte.

Der verbotene Klassiker

Stimmt das denn? Stellen wir zum 150. Geburtstag Heinrich Manns die Frage, was von ihm bleibt. 1961 wurden Heinrichs Manns sterbliche Überreste eingeäschert und von Los Angeles nach Prag geflogen. Von dort reiste die Urne dann weiter nach Ost-Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. Umwege in Zeiten des Kalten Krieges und staatlicher Nichtanerkennung. An Nelly, die sich 1944 das Leben genommen hatte, waren die DDR-Spitzengenossen nicht interessiert. Ihr Sarg blieb in Los Angeles zurück.

In der DDR wurde Heinrich Mann dann so etwas wie ein Klassiker. Man bemühte sich, das Brüderpaar Thomas und Heinrich Mann in die Analogie zum geistigen Bund zwischen Goethe und Schiller zu stellen. »Der Untertan« war in der DDR Pflichtlektüre, was ihn uns als Schüler eher entfremdete. Wolfgang Staudtes großartige Verfilmung mit Werner Peters als Diederich Heßling von 1951 war in der Bundesrepublik bis 1957 verboten, dann wurde eine gekürzte Fassung freigegeben, allerdings mit dem Vorspruch versehen, dass es sich bei dem hier geschilderten Fall um ein »Einzelbeispiel« handele. Erst ab 1971 wurde die ungekürzte Fassung dieser bissigen Satire auf das Preußentum in der Bundesrepublik gezeigt. Offenbar hatte der freie Westen größere Angst vor dem Bild des Untertanen aller Systeme Diederich Heßling als der unfreie Osten.

Gibt es diesen Typus Untertan denn noch? Gewiss, aber nun sind es wohl tatsächlich Einzelfälle, denn spätestens die 68er haben für antiautoritäre Gegengewichte gesorgt. Und auch in der DDR zeugte der 89er Herbst vom neuen »Citoyen«-Bewusstsein. Überhaupt lebten DDR-Bürger in kritischer Dauer-Distanz zum Staat und staunten 1990 über die oft ungebrochene Staatsgläubigkeit West.

Der Roman von Henri Quatre ist Heinrich Manns Vision eines »guten Königs«, einer gerechten Regierung. Dass nach dem Schrecken der Bartholomäusnacht, dem Pogrom an den Hugenotten, die Franzosen doch wieder zu sich fanden, gab ihm Hoffnung. Auf eine solche Katharsis auch der Deutschen hoffte er.

Zwischen Ost und West

In der DDR erschienen die »Gesammelten Werke« Heinrich Manns bis 1987 in 19 Bänden. Jedoch, etwas fehlte: die frühen Essays, in denen es um Flaubert und Zola geht, um Geist und Macht. Hierin zeigte sich Heinrich Mann als brillanter Stilist, der ganz im Banne seiner französischen Vorbilder stand - und im direkten Gegensatz zum damals deutsch-nationalen Bruder Thomas. Seinen großen Zola-Essay schrieb er - gewollt unzeitgemäß - im Jahre 1915. Es war ein Gruß an das geistige Frankreich, über die Schützengräben des Ersten Weltkriegs hinweg. Schon 1910 hatte er in »Geist und Tat« von der notwendigen »Synthese Europas« gesprochen.

Sein europäischer Blickwinkel ließ Heinrich Mann immer wieder zum Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich im Westen und Russland im Osten werden. Denn er wusste: ohne politische Fantasie kann Europa, kann die Welt, nicht überleben. Man sollte seine Rede »Ein geistiges Locarno« von 1927 wieder lesen. Sie behandelt den Platz Deutschlands in einem noch zu schaffenden Europa: »Wir sind das Land der Mitte Europas.« Darum sei die Rolle, die Deutschland hier zu spielen habe, die eines Brückenbauers: »Wir sollen, deutlich gesagt, zwischen Frankreich und Rußland den geistigen, wirtschaftlichen, politischen Ausgleich suchen.« Wie erstaunlich aktuell klingt doch dieser fast einhundert Jahre alte Appell: »Wer sich einfach als Deutschen zeigt, der zeigt immer dem Ostmenschen etwas Westliches, dem Westländer aber ein Stück Osten.«

Klassisch zu werden, das war für Heinrich Mann - anders als für Thomas - etwas, wovor ihm graute. Darum arbeitete er bis zu seinem Tod an einem ungewöhnlichen Roman, der nur als Fragment erhalten blieb: »Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen«. Darin kehrt er gleichsam die Untertanen-Perspektive um. Denn die verkrüppelte Seele unten korrespondiert mit der verkrüppelten Seele oben.

Heinrich Mann beschreibt hier den Seelenmord am jungen Friedrich durch seinen Vater, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der dem Sohn seine Empfindsamkeit mit aller brutalen Macht austreibt. Alexander Lang brachte dieses Fragment Mitte der Achtzigerjahre am Deutschen Theater in Berlin als bitterböses Spiel mit zu Marionetten reduzierten Menschen auf die Bühne. Das traf die Schreckensvision Heinrich Manns sowohl im politischen wie im privaten Raum: die Trägheit der Herzen.

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