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Das Chemnitzer Dilemma

Der Deutsche Turner-Bund will die Entlassung der Trainerin Gabriele Frehse - die Sportlerinnen fordern ihre Rückkehr

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 6 Min.
Sophie Scheder hat 13 Jahre bei Gabriele Frehse trainiert. Die Olympiadritte am Stufenbarren fordert eine Rückkehr der beschuldigten Trainerin.
Sophie Scheder hat 13 Jahre bei Gabriele Frehse trainiert. Die Olympiadritte am Stufenbarren fordert eine Rückkehr der beschuldigten Trainerin.

Olympische Spiele sind der einzige Zeitpunkt, zu dem Turnerinnen und Turner die volle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen. Für Sophie Scheder, 24, Olympiadritte am Stufenbarren in Rio 2016, sind die Spiele in diesem August in Tokio nach einer auskurierten Schulterverletzung womöglich der letzte Karrierehöhepunkt. »Noch einmal Olympia zu erleben, ist mein großes Ziel. Ich bin ein Kämpfertyp, das habe ich schon oft bewiesen«, sagt sie. »Es wird ein sehr, sehr steiniger Weg.«

Das größte Hindernis auf Scheders Weg ist allerdings weder ihre Verletzung noch die Konkurrenz. Es ist das Fehlen ihrer Trainerin Gabriele Frehse, die seit November 2020 nicht mehr in die Halle darf - nachdem der »Spiegel« im November in einem aufsehenerregenden Artikel von Missständen in der Chemnitzer Trainingshalle berichtete. Mehrere ehemalige Turnerinnen, darunter die frühere Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer, sagten aus, sie seien von der Trainerin Frehse am Bundesstützpunkt jahrelang schwer schikaniert worden. Frehse habe zudem Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht oder zu übertriebener Diät aufgefordert.

Ein Horrorszenario, auch für die Sportart Kunstturnen, in der vor allem die Kader-Nachwuchssportler besonders intensiv trainieren. Turnen zählt neben Wasserspringen und Eiskunstlaufen zu den härtsteten Sportarten in Sachen Trainingsumfang. Rau ist der Umgangston, viel Schweiß und ab und an Tränen sind die Regel in vielen Turnhallen - Entmündigung, Unterdrückung, Erniedrigung, Manipulation und Psychoterror indes sollten nicht dazugehören.

Gabriele Frehse hat die Vorwürfe mehrfach bestritten. Ihr formeller Arbeitgeber, der Olympiastützpunkt Sachsen (OSP), suspendierte die Trainerin umgehend; der fachlich zuständige Deutsche Turner-Bund (DTB) begrüßte die Freistellung. Der DTB beauftragte zudem eine Rechtsanwaltskanzlei, die die Beteiligten befragte: Athletinnen, Trainer, den Präsidenten des Turnvereins TuS Chemnitz-Altendorf 1861, die Verantwortlichen am Olympiastützpunkt.

Nach Abschluss der Untersuchung bilanzierte der in Frankfurt am Main ansässige DTB in einer 13-seitigen Stellungnahme, die Trainerin sei nicht mehr tragbar. In 17 Fällen lägen »hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vor«, zudem habe sie ihren Turnerinnen unerlaubterweise Schmerzmittel verabreicht. Der DTB forderte »daher die vollständige Beendigung des Arbeitsverhältnisses von Frau Frehse durch den Olympiastützpunkt Sachsen, bei dem sie angestellt ist«.

Doch der OSP in Chemnitz lehnt eine Kündigung ab, weil der 800 Seiten umfassende Prüfbericht bis vor kurzem weder der beschuldigten Trainerin noch dem Olympiastützpunkt Sachsen in Gänze vorlag. »Wir haben die Aufforderung des DTB vorliegen, aber wir haben momentan keinerlei Handhabe für eine solche arbeitsrechtliche Maßnahme«, sagt Thomas Weise, Geschäftsführer der Olympiastützpunktes Sachsen, gegenüber »nd«.

Die Trainerin bestreitet das Ausmaß der Vorwürfe, hat mittlerweile aber in einem offenen Brief an den Sportausschuss des Deutschen Bundestages die Möglichkeit verbaler Fehltritte gegenüber Sportlerinnen eingeräumt. »Wenn einzelne der Turnerinnen das gleichwohl dennoch so wahrgenommen haben, so tut mir das aufrichtig leid, und ich bitte die entsprechenden Personen um Entschuldigung«, schrieb sie im Februar und beteuerte, sie habe nie unerlaubt Medikamente verabreicht: »Im Hinblick auf den Vorwurf der Schmerzmittelvergabe möchte ich betonen, dass eine solche nie ohne die Zustimmung der Ärzte oder der Eltern erfolgte.«

Anfangs hatte der DTB die 800 Seiten Gesprächsprotokolle und die dazugehörige Auswertung aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte nicht an die Trainerin und ihren Arbeitgeber weiterreichen wollen. Doch nachdem der hessische Landesdatenschutzbeauftragte sein Einverständnis gab, änderte der DTB seine Haltung.

Seit Mittwoch nun liegt der Bericht Frehse vor, wie der DTB gegenüber »nd« erklärte: »Nach Abschluss der insoweit erforderlichen Prüfung hat der DTB der von Frau Frehse beauftragten Rechtsanwältin den Untersuchungsbericht im datenschutzrechtlich zulässigen Umfang gestern übermittelt. Dabei wurden durch entsprechende Schwärzungen auch die Vorgaben des Hessischen Datenschutzbeauftragten zum Schutz der Rechte Dritter, insbesondere der betroffenen Athletinnen, berücksichtigt.«

Auch dem Olympiastützpunkt soll der Bericht bald vorliegen, so der DTB auf Nachfrage. Man werde »dem OSP den Untersuchungsbericht in dem Umfang zur Verfügung stellen, in dem dies datenschutzrechtlich zulässig ist. Die entsprechende Prüfung soll zeitnah abgeschlossen werden.«

Derweil hat sich in Chemnitz eine große Unterstützerschar für Trainerin Frehse zusammengefunden. Sieben Turnerinnen inklusive Sophie Scheder haben einen offenen Brief an den DTB verfasst, mit der Forderung, Frehses Freistellung zurückzunehmen. Auch die Eltern der Mädchen und jungen Frauen aus Frehses Trainingsgruppe solidarisierten sich wiederholt öffentlich: Ihre Trainerin sei hart, der Ton in der Halle nicht immer fein, dennoch sei Frehse die Richtige.

Der Olympiastützpunkt Chemnitz hat eine Expertise zur 13-seitigen Stellungnahme des DTB-Präsidiums durch einen neutralen Gutachter anfertigen lassen. Udo Rudolph, Professor für Allgemeine und Biopsychologie am Institut für Psychologie der Technischen Universität Chemnitz, schreibt darin, er könne kein Urteil über den 800-Seiten-Prüfbericht abgeben, da dieser ihm nicht vorlag. Doch das 13-Seiten-Statement des DTB böte Indizien für deutliche Mängel in der Durchführung der Untersuchung: So habe kein in der Rechts- und Aussagepsychologie erfahrener Experte die Befragungen begleitet. Auch in Sachen »unvoreingenommene und altersgerechte Befragung« sehe er viele Unzulänglichkeiten, »die in Fragen der Glaubhaftigkeitsbeurteilung essenziell« seien. Der DTB indes wies Rudolphs Kritik zurück. Dessen Expertise sei nicht geeignet, »die Befragung in Frage zu stellen«.

Frehses Kritiker wiederholten jüngst ihre Forderung, die Trainerin nicht weiter zu beschäftigen. Die aus dem Saarland stammende Pauline Schäfer, die 2018 nach drei erfolgreichen Jahren und dem Weltmeistertitel 2017 die Trainingsgruppe Frehses verlassen hatte, sagte im MDR: »Wir schließen uns der Meinung des DTB an, dass Gabi in dieser Halle nichts mehr verloren hat.« Für eine nd-Anfrage war sie in dieser Woche nicht zu erreichen. Schäfer trainiert seit 2018 mit der Trainingsgruppe der Männer in Chemnitz. Ihre Schwester Helene (19), die ebenfalls zur Gruppe der Frehse-Kritiker gehört, hat mittlerweile ihre Laufbahn beendet.

Vollkommen anders als die Schäfer-Schwestern beurteilen die aktuellen Frehse-Athletinnen die Situation. Die 20 Turnerinnen, darunter sechs Olympiakader, mussten zuletzt in der Halle zum Teil mit nur einer Übungsleiterin arbeiten - eine ideale Vorbereitung für Tokio 2021 sieht sicherlich anders aus. Bronzemedaillengewinnerin Sophie Scheder ist bis heute empört über die Art der DTB-Befragung durch die Rechtsanwaltskanzlei: »Man wollte die Darstellung von meiner Seite gar nicht hören. Nach drei Stunden warf man mir vor, meine Aussagen würden bedeuten, dass die anderen lügen«, klagte Scheder gegenüber der in Chemnitz erscheinenden »Freien Presse«.

Der DTB versichert, man habe die Bekundungen der Turnerinnen zur Kenntnis genommen und »in die Bewertung der Gesamtsituation einfließen lassen«. Seit Freitag sei eine »Trainer*innenstelle mit Anstellungsverhältnis beim DTB ausgeschrieben«.

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