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Eine Bitte um keine Entschuldigung mehr

Sieben Tage, sieben Nächte

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Erst (zu lange) abwarten und sich dann an die Spitze der Bewegung setzen - diese Kunst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Meisterschaft gebracht. In der Bewertung des Spätherbstes ihrer Kanzlerschaft wird die direkte Bitte um Verzeihung an die Bürgerinnen und Bürger eine gewichtige Rolle spielen. Allenthalben wird ihr gegenüber dafür großer Respekt geäußert - das Zurückrudern sei aller Ehren wert.

Dieser Respekt speist sich vermutlich stark aus dem Empfinden, dass die Bitte um Verzeihung tatsächlich so gemeint ist, wie sie gesagt wurde. Zur Glaubwürdigkeit dürfte auch die oft bei Merkel zu hörende, ins leicht Technokratische gleitende passive Sachlichkeit beitragen: »Ein Fehler muss als Fehler benannt werden und vor allem muss er korrigiert werden, und wenn möglich hat das noch rechtzeitig zu geschehen.« Man vergisst während des Hörens sehr schnell, wer für was verantwortlich ist, es hört sich aber irgendwie richtig und überlegt an. Merkel hat eine Aura um sich legen können, die sie über den Dingen schweben scheinen lässt. Wenn dann eine direkte Bitte um Verzeihung kommt, ist das um so überraschender - und wird vielleicht auch zu stark als Gnade und Huld bewertet.

Dass so etwas gut ankommt, wissen natürlich auch die Länderchefs. Markus Söder war der erste, der auch etwas vom Fehler abhaben wollte, damit auch er sich entschuldigen konnte. Nacheinander folgten fast alle Amtskollegen. Demut kommt gut an - wenn sie denn glaubwürdig ist oder zumindest so wirkt. Einen klugen Satz zum Thema Fehler und Verzeihen sagte Jens Spahn bereits vor einiger Zeit: »Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.« Ausgerechnet, mögen viele denken, jener CDU-Gesundheitsminister, der sich durch sein Agieren vor allem nach diesem Satz anscheinend bemühte, dafür zu sorgen, dass ihm auch tatsächlich viel zu verzeihen sei.

Spahn ist Minister in Merkels Kabinett. Sie ist seit vier Legislaturperioden Kanzlerin und hat die Richtlinienkompetenz. Am Zustand der CDU hat sie mehr als eine Aktie, die Führung der EU-Kommission ist auch nicht ohne ihr Zutun besetzt worden. Diese eigentlich offensichtlichen Tatsachen scheinen aber oft im Diffusen zu verschwinden - als hätte die Kanzlerin auf merkelwürdige Weise mit alldem nichts zu tun. Dazu mag beitragen, dass ihr Eitelkeit und auch Eitelkeiten wahrscheinlich abgehen und sie zumindest öffentlich an persönlicher Vermögensvermehrung fast uninteressiert scheint. Diese beiden Eigenschaften werden im Politikbetrieb offenbar so selten angenommen, dass bei Vorhandensein schon alles andere verziehen wird. Und es wird vieles übersehen und überhört, solange man sich selbst gesehen und gehört fühlt. Nur: Den Bitten um Entschuldigung gehen massive Fehler voraus. Und davon bitte zumindest nicht mehr so viele.

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