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  • Draußen vor der Tür

Über eine Zukunft, die nicht eintrat

In dem Theaterfilm »Draußen vor der Tür« widmet sich Marcel Kohler einem Stück des Autors Wolfgang Borchert

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn Theater und Film sich verschränken: Videostill aus »Draußen vor der Tür« mit Janus Torp und Anna Windmüller
Wenn Theater und Film sich verschränken: Videostill aus »Draußen vor der Tür« mit Janus Torp und Anna Windmüller

Hakenkreuzflaggen vor dem Deutschen Nationaltheater und dem Bahnhof in Weimar, Massenkundgebungen auf dem Marktplatz. Die Bilder passen noch immer über die gepflegten Fassaden der Kulturstadt. Wenn Schauspielerin Isabel Tetzner durch die Straßen läuft, überblenden sich im Theaterfilm »Draußen vor der Tür« die Zeugnisse des Nationalsozialismus mit der Gegenwart. Sie spielt die Andere, die lebensbejahende Begleiterin und den Gegenpart des niemals ankommenden Kriegsheimkehrers Beckmann. In der Interpretation des Regisseurs Marcel Kohler ist sie das Verbindungsglied zwischen den Zeiten, befragt die Vergangenheit und steht für die nicht eintretende Zukunft Beckmanns, die auch dem Autor des Stücks, Wolfgang Borchert, verschlossen blieb.

Der Zweite Weltkrieg begann, als der Dichter 18 Jahre alt war; 1941 wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Die Schrecken des Krieges und den Hunger der Trümmerzeit verarbeitete er in den wenigen Gedichten, Kurzgeschichten und Dramen, die er vor seinem Tod mit gerade 26 Jahren niederschreiben konnte. Seine antimilitaristische Anklage bleibt bis heute virulent, obwohl er in seinen Schriften die Shoah höchstens streift.

Der 29-jährige Kohler, der seit 2015 am Deutschen Theater spielt, erregte bereits mit seiner Inszenierung Heiner Müllers »Philoktet« Aufmerksamkeit, die zum Ausgangspunkt der Gründung des Neuen Künstlertheaters wurde. Seine erste Regiearbeit am Deutschen Nationaltheater Weimar zum 100. Geburtstag Borcherts lässt er in der Gegenwart beginnen. Auf der Schwäbischen Alb erzählt Gerhard Glässer von den Albträumen, die ihn des Nachts einholen. Der 102-jährige hat seine meisten »Kameraden« überlebt, wie er berichtet, vergessen könne er nicht. Auch Beckmann, der gerade aus Sibirien zurückgekehrt ist, sind die Gespenster des Krieges näher als die Lebenden. Stotternd, schreiend, hilflos lachend verausgabt sich Janus Torp in der Rolle des traumatisierten Protagonisten. Gerade 25 ist der Heimkehrer nach sechs Jahren Krieg. Mit seinem komischen Gefängnishaarschnitt und der Uniform stört er die Überlebenden, »die sich mit der Patina geschichtlicher Wohlgefälligkeit« umkleidet haben, wie Heinrich Böll es im Nachwort des Stücks kommentierte. Nirgends kommt er zur Ruhe: Bei seiner Frau findet er einen anderen vor und auch die Elbe, in der er sich von seiner schlaflosen Müdigkeit befreien will, spuckt ihn wieder aus.

Nah an den Stationen, die Borcherts Drama vorzeichnet, setzt Beckmann sein Lamento im expressionistischen Schwarz-Weiß-Film fort. Begleitet wird die vergebliche Suche von den melancholischen Klängen Christoph Bernewitz’, der einige Zeilen Borcherts mit Gitarre vertonte. Ein Mädchen bittet den gescheiterten Selbstmörder herein, aber auch da vermag er nicht zu verweilen. Dann weiter zum Oberst, der »das bisschen Krieg« schon glücklich verarbeitet hat. Dem will er die Verantwortung für die elf unter seiner Aufsicht Getöteten zurückgeben. Mit lächerlich großer Offiziersmütze wird der von Bernd Lange gespielte Vorgesetzte zum Zerrbild der erfolgreichen, deutschen Verdrängung. Doch Beckmanns Schuld, die sich für ihn nur auf die eigenen »Kameraden« erstreckt und über alle anderen Ermordeten schweigt - eine Schwäche des Texts, die auch die Neuinterpretation kaum adressiert -, lässt sich nicht auf die Befehlskette abwälzen.

Die Andere zieht den abermals Ausgestoßenen dann in die Gegenwart und ins Farbbild. Von der Theaterbühne gerät er auf die Weimarer Straßen, anstatt sich im angebotenen Bett zur Ruhe zu legen, spielt er Ego-Shooter. Immer bemitleidenswerter stolpert er durch das Stadtbild. Auch die Rückkehr in die familiäre Geborgenheit bleibt versagt. Seine Eltern haben sich lieber selbst »entnazifiziert«, weil sie ein »bisschen doll« auf die Juden waren, teilt ihm kalt die neue Mieterin mit, die neben anderen Rollen Anna Windmüller spielt. Die Erinnerungen an den Krieg werden nicht aufhören Beckmann heimzusuchen. So wird er zum Zeichen der nie abgeschlossenen, unversöhnlichen Vergangenheitsbewältigung. Der losgelöst wirkende Epilog kommentiert seine teils egozentrische Opferposition, die vom Leid der Täter und Mitläufer erzählt. Die Kamera folgt einem Hund, der aus dem Theatersaal auf den Ettersberg bis vor die Tore des Konzentrationslagers Buchenwald läuft. Es ist ein Versuch, die historische Spezifik des Nationalsozialismus und seine Dimensionen des Schreckens festzuhalten, die in Borcherts Drama einseitig erzählt werden.

Bereits im Februar war die Premiere für die Bühne geplant. Trotz der kurzfristigen Neukonzeption gelang Kohler, der ebenfalls das Bühnenbild gestaltete, eine überzeugende Verbindung von theatralen und filmischen Mitteln. Kameraführung und Schnitt verstärken den albtraumhaften Wahn des Protagonisten, der von Borcherts Sprache und Torps Darstellung getragen wird. Die nah dem Dramentext folgende Inszenierung führt durch die Umbesetzung der Anderen den Blick aus der Zukunft ein. Die Vergangenheit wird gegen Vergessen, Leugnung und Befriedung als weiterhin lebendige erkennbar.

»Draußen vor der Tür« ist online bis 22. April abrufbar: www.nationaltheater-weimar.de

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