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Kreuzberg, wie haste dir verändert!

So schön war das »Refugium der Nicht-Angepassten«: Ein Buch über den Berliner Schatzbezirk von Jürgen Enkemann

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Auf der Suche nach
Auf der Suche nach "Alternativität": Das Kunst- und Kultur-Centrum "KuKuCK" der Hausbesetzer in der Anhalter Straße, 1984

Kreuzberg, du alter Schatzbezirk! Berlin-Kreuzberg hat weiterhin einen legendären Ruf, der aus früheren Zeiten herrührt, als dort eine urbane, tendenziell linksradikale Alternativkultur entwickelt wurde. Mittlerweile ist Kreuzberg ziemlich durchgentrifiziert und teuer geworden.

Das hätten sich die Hausbesetzer, die 1981 ein riesiges Haus zum Kulturzentrum »KuKuCK« erklärten, um die »Auflösung des Warencharakters in der heutigen Kultur« voranzutreiben, nicht vorstellen können. Im selben Jahr veranstalteten sie auch einen »Tuwat«-Kongress, als kämpferische Antwort auf die Pläne des Westberliner Senats, die besetzten Häuser zu räumen. Und als eine verspätete Antwort auf den »Tunix«-Kongress von 1978, als sich die Spontis von den »großen Erzählungen« des Marxismus und der Arbeiterbewegung, wie sie Lyotard genannt hatte, verabschiedeten, um die Postmoderne zu begrüßen. Bei den Hausbesetzern gab es gegenüber dem Senat Verhandler und Verweigerer. Aus den Verhandlern wurden Modernisierer, die sich dann darum kümmerten, dass der Bezirk langsam, aber sicher besser aussah als vorher.

Kreuzberg, besonders der Teil, der nach dem Postzustellbezirk SO 36 genannt wurde, war ein linker Arbeiterbezirk gewesen, der dann nach dem Mauerbau zu einer Art »Land's End« geworden war, zu einem »Refugium der Nicht- bzw. Noch-Nicht-Angepassten«, wie der Soziologe Rolf Lindner schreibt. Es war für ihn ein »Territorium, wo sich die letzten Eingeborenen, die sog. ›Icke‹-Berliner, und die erste Welle der türkischen Arbeitsmigranten mit den bedürfnislosen, aber trinkfesten Kynikern trafen, die sich dieses Sanierungsgebiet mit dem geringen Mietzins als Exil auserwählt hatten.«

Hier entstand eine »Alternativität«, wie sich der Anglist Jürgen Enkemann ausdrückt, der 1963 von Göttingen nach Westberlin kam und seitdem in verschiedenen Basis- und Bürgerinitiativen mitgemischt hat. Er ist Jahrgang 1938 und hat nun dem Schatzbezirk mit seinem Buch »Kreuzberg – das andere Berlin« ein ebenso liebenswertes wie soziologisch vielschichtiges Denkmal gesetzt. Mit vielen anschaulichen Fotos. Von der roten Hochburg der 20er Jahre bis zum Prinzessinnengarten. Fest steht: Ohne die Mauer wurde Kreuzberg zusehends normaler.

Enkemann schreibt über den in den 50er Jahren undogmatisch agierenden SPD-Bezirksbürgermeister Willy Kressmann, der aus der linkssozialistischen SAP aus der Endphase der Weimarer Republik kam, über »Türkische Beiträge zur Kreuzberger Widerstandskultur« und natürlich über die Bewegung der Hausbesetzer im »Kampf um Autonomie«. Ein besonderer Schwerpunkt ist die fast vergessene Bohemeszene der 60er Jahre um den Maler Kurt Mühlenhaupt und den Schriftsteller Günter Bruno Fuchs, die Galerien und Kneipen zu freien Orten der Fantasie und der Gesellschaftskritik ausriefen – die sich dann 1978, als »Kreuzberger Nächte« besungen von den Gebrüdern Blattschuss, in der ZDF-Hitparade, einem der spießigsten Plätze des bundesdeutschen Fernsehens, wiederfanden.

Jüngere Held*innen der »Alternativität«, die seit den 80ern in Kreuzberg wirkten, wie Bela B, Wolfgang Müller, Wiglaf Droste, Dr. Seltsam, Christiane Rösinger oder Marc-Uwe Kling fehlen leider in diesem Buch. Auf der letzten Seite gibt es ein programmatisches Foto aus dem Jahr 2019. Ein Banner hängt an einem Haus und verkündet: »Wir holen uns den Kiez zurück!«

Jürgen Enkemann: Kreuzberg. Das andere Berlin, vbb, 240 S., geb, 25 €

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