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Im «fremden Haus»

Die katholische Kirche in der DDR war stets auf Distanz zum sozialistischen Staat - und zur protestantischen Mehrheit. Sie gab sich betont unpolitisch.

  • Von Andreas Meinzer
  • Lesedauer: 6 Min.
Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen: St. Bonifatius in Leinefelde, der größte Sakralneubau der DDR.
Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen: St. Bonifatius in Leinefelde, der größte Sakralneubau der DDR.

Seit jeher befanden sich katholische Christen in den Kernländern der Reformation um Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen in der Diaspora. Daran änderte auch die stärkere konfessionelle Durchmischung nichts, die sich als Folge von Fluchtbewegungen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die Deutschland im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs abtreten musste, gen Westen ergab. Zwar gesellten sich nach 1945 zu den traditionellen und angestammten katholischen Minderheiten wie den Sorben in der sowjetischen Besatzungszone respektive DDR mit den Umsiedlern auch Katholiken aus Schlesien, dem Ermland, aus Donauschwaben oder dem Sudetenland. Doch pendelte sich der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung ebenda bei lediglich rund drei Prozent ein. Heute, im Jahre 2021, über 30 Jahre nach Öffnung der Ost-West-Grenze, leben von den bundesweit etwa 22,6 Millionen Katholiken lediglich 830 000 zwischen Ostsee und Erzgebirge, davon allein 320 000 in der Stadt Berlin.

In der DDR war die katholische Kirche mit einer doppelten Diaspora-Situation konfrontiert: Einerseits konfessionell, also in Relation zu den Protestanten, andererseits ideologisch, das heißt in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der SED-Führung und dem sozialistischen Staatswesen. Letzteres führte zu Solidarisierungseffekten mit den, zumindest zahlenmäßig, stärkeren «Brüdern und Schwestern im Glauben» der evangelischen Kirchen. Praktische Ökumene war angesichts der gemeinsamen Beobachtung und Sanktionierung durch den Staat von großer Bedeutung. Gemeinsamkeiten wurden betont, in aktuellen pastoralen Fragen beraten, Äußerungen zur Kirchenpolitik behutsam miteinander abgestimmt. Anstatt jedoch mit Modellen wie «Kirche im Sozialismus» zu sympathisieren, hatten sich die katholischen Bischöfe der DDR auf die Position taktischer politischer Abstinenz verlegt. Da außer Berlin und Meißen keiner der Bischofssitze auf sozialistischem Territorium lag und der Kontakt zu den «Mutterbistümern» in der BRD zunehmend erschwert wurde, selbst im «Zonenrandgebiet», erlebten die ostdeutschen Katholiken ihre Umgebung als fremd, ja manche gar als feindlich.

Ohne sich offensiv in Opposition zur Staatlichkeit zu stellen, konnte die katholische Kirche im Osten diese trotzdem nicht akzeptieren - was jedoch keine Abstinenz bedeutete, karitativ in der Gesellschaft zu wirken. Von Otto Spülbeck, Bischof von Meißen, stammt das berühmt gewordene Sinnbild des «fremden Hauses», das er anlässlich einer Rede auf dem Kölner Katholikentag 1956 prägte und das die Geisteshaltung vieler Gläubiger dieser Zeit recht treffend charakterisiert: «Wir leben in einem Haus, dessen Grundfesten wir nicht gebaut haben, dessen tragende Fundamente wir sogar für falsch halten. Wir tragen gerne dazu bei, dass wir selbst in diesem Haus noch menschenwürdig und als Christen leben können. Aber wir können kein neues Stockwerk darauf setzen, da wir das Fundament für fehlerhaft halten. Dieses Haus bleibt uns ein fremdes Haus.»

In Distanz zur Gesellschaft

Die SED-Führung hatte im Laufe der 50er Jahre den Religionsunterricht aus den Schulen verbannt und durch die De-facto-Verpflichtung zur Jugendweihe - wollten junge Menschen nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen - ein nicht nur konkurrierendes, sondern substituierendes atheistisches Gegenmodell zu Kommunion und Firmung geschaffen, das die Kirchenvertreter für unvereinbar mit dem christlichen Bekenntnis erklärten - was zu weiteren Spaltungen und Spannungen zwischen Kirche und Staat führte.

In den 70er Jahren versuchte sich die Partei mit ihrem erneuerten Grundsatzprogramm zumindest auf dem Papier an einem zaghaften Entspannungskurs. «Unsere sozialistische Gesellschaft bietet jedem Bürger unabhängig von Alter und Geschlecht, Weltanschauung und religiösem Bekenntnis, Sicherheit und Geborgenheit», ließ Erich Honecker 1976 die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen wissen.

Magdeburgs heutiger Bischof Gerhard Feige, der die Kirchenpolitik und religionsfeindliche Haltung der SED rückblickend noch immer ablehnt, räumt bei aller Kritik ein, dass sich die Situation der Katholiken in der DDR im Vergleich zu ihren Glaubensgeschwistern und anderen Minderheiten in den Staaten des Ostblocks noch recht privilegiert ausnahm: «Wir haben wie in einer Parallelgesellschaft gelebt. In großer Distanz zur Gesellschaft. Man hat so eine Insel der Seligen gebildet, und ein Großteil des Lebens vollzog sich innerhalb der Gemeinde.» Politische Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen, war der Kirche ohnehin verwehrt, sahen die Kirchenoberen jedoch auch nicht als ihre Aufgabe. «Wer in der Löwengrube sitzt, wird den Löwen nicht unbedingt am Schwanz ziehen», fasst Feige die Bedrohungslage und daraus resultierende Haltung seiner Kirche bildlich zusammen.

Katholiken engagierten sich zwar zusammen mit Protestanten in Friedens- oder Umweltgruppen und beteiligten sich an den Montagsdemonstrationen. Dennoch spielte Politik im Gemeindeleben des ostdeutschen katholischen Milieus kaum eine Rolle, jedenfalls vor 1989 nicht. Neben Gottesdiensten und Andachten waren die Gemeinden geprägt von gemeinsamen Freizeitaktivitäten für Kinder und Familien oder Bildungsveranstaltungen in eigenen Einrichtungen.

Auch wenn sich die katholischen Bischöfe in politischen Angelegenheiten Vorsicht oder gar Abstinenz verordnet hatten, so wichen sie bei einer Frage nicht zurück: der nationalen Einheit Deutschlands und einer einheitlichen katholischen Kirche in Deutschland als Teil der Weltkirche.

Die «Rosenkranzkommunisten»

Eine Ausnahme im religiösen Leben der DDR bildete das Eichsfeld in Thüringen. In dieser Gegend zwischen Werra und Harz konnte man - und kann es bis heute - von einem gefestigten «katholischen Milieu» sprechen. Seit 1945 hatten die Eichsfelder mehrheitlich CDU gewählt. Die SED hatte große Probleme, sich in der Bevölkerung zu verankern. Als die Ost-CDU Anfang der 50er zur «Blockpartei» wurde und Eichsfelder Katholiken auch in die Partei der Arbeiterklasse eintraten, wurden sie von den Genossen oft äußerst kritisch betrachtet; ihre ideologische Festigkeit wurde in Zweifel gezogen - der Zugang zu höheren Ämtern in der Partei blieb ihnen versperrt.

Im Umfeld des MfS wurden für katholische Parteimitglieder, die ihrer Kirche nicht nur qua Taufschein verbunden waren, gar die Spottbezeichnungen Rosenkranzkommunisten« oder »Maria-Mutter-Gottes-Kommunisten« geprägt. Diese Diskriminierung und Herabwürdigung band trotzig selbst jene an die Kirche, die zwar auch nicht wirklich glaubensfest und kirchentreu waren, aber innerlich zum sozialistischen Staat auf Distanz gingen. Die Teilnahme an der Jugendweihe lag im Eichsfeld selbst ab den 70er Jahren deutlich unter dem Republikdurchschnitt. Wallfahrten und Prozessionen, als oberflächlich betrachtet unpolitische, staatlich erlaubte Akte, zogen auch Kirchenferne an.

Die größte Unternehmung staatlicherseits, diesen wortlosen Widerstand zu brechen, diese Form der Gegenöffentlichkeit absterben zu lassen, war 1958 der »Eichsfeldplan«. Die Region sollte großflächig industrialisiert, Arbeitsplätze in der Industrie, sozialer Wohnraum und Wohlstand für die Arbeiterklasse geschaffen werden. So würde rasch die Bindung an die Kirche schwinden und die an den Sozialismus erstarken - so das Kalkül der SED. Das kleine Dörfchen Leinefelde beispielsweise, das gerade einmal 100 Einwohner zählte, war auserkoren, zur sozialistischen Musterstadt zu werden. 5000 Arbeitsplätze entstanden durch den Bau der dortigen Baumwollspinnerei - seinerzeit die größte in Europa. Gezielt warb der Staat Arbeitskräfte aus mehrheitlich protestantischen Regionen an, um sie im Eichsfeld anzusiedeln. Doch auch das trocknete das katholische Milieu im Eichsfeld nicht aus.

Als eine Ironie der Geschichte erscheint es, dass die katholische Kirche ausgerechnet in Leinefelde, mit finanzieller Unterstützung westdeutscher Bistümer versteht sich, Ende der 80er Jahre den Grundstein für den größten Kirchenneubau der DDR legte. Immer noch in »der Fremde« - aber dafür im »eigenen Haus«.

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