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Die vergessenen Kranken

Corona machte ein Jahrzehnt Tuberkulosebekämpfung zunichte.

  • Von Michael Lenz
  • Lesedauer: 4 Min.
Astra-Zeneca? Biontech? Nein: der einzige Impfstoff gegen TB
Astra-Zeneca? Biontech? Nein: der einzige Impfstoff gegen TB

Corona, Corona, Corona, wo mer jeit un steit - wie Kölner sagen - nur Corona. Die öffentlich-rechtlichen Sender strahlen Sondersendungen zur Pandemie so regelmäßig aus, dass sie man sie schon zum Serienformat »Soko Corona« erklären möchte. Gibt es überhaupt noch andere bedrohliche Krankheiten? Ja, die gibt es, und denen wurde schon vor Covid-19 wenig politische und mediale Beachtung geschenkt. Die Tuberkulose (TB) schaffte es bestenfalls mal zum Welttuberkulosetag am 24. März in die Nachrichten, kurz vor dem Wetter. Dabei liegt sie mit durchschnittlich 1,4 Millionen Toten pro Jahr an der Spitze der weltweiten Langzeitstatistik tödlicher Infektionskrankheiten.

Die bakterielle Atemwegserkrankung ist eigentlich behandelbar, und es gibt auch einen Impfstoff. Die Betonung liegt auf »einen«, und der ist schon uralt und wirkt zudem nicht besonders gut. Mit Verdruss schauen die Experten der internationalen Initiative »Stop TB Partnership« auf die zahlreichen innerhalb von weniger als zwölf Monaten entwickelten, getesteten und produzierten Vakzine gegen Corona.

Die Rasanz bei der Verfügbarkeit der Covid-Impfstoffe aus Deutschland, Großbritannien, China, den USA und Russland ist allen Merkmalen geschuldet, die bei der Entwicklung von effektiven Impfstoffen gegen die TB vermisst werden: entschlossener politischer Wille, staatliche und private Investitionen ohne Ende, beschleunigte Zulassungsverfahren. »Es ist herzzerreißend zu sehen, dass Impfstoffe gegen Tuberkulose vernachlässigt wurden, obwohl diese vielleicht schon vor 20 Jahren möglich gewesen wären und weltweit das Leben von vielen Millionen Bürgern im arbeitsfähigen Alter hätten retten können«, sagt Thokozile Phiri Nkhoma im Gespräch mit »nd«. Das Vorstandsmitglied von »Stop TB Partnership« fügt mit Betonung hinzu: »Das ist doch ein Menschenrecht.«

Das aktuell größere Problem, gesundheitlich wie auch in Bezug auf die Menschenrechte, ist nicht der fehlende Impfstoff, sondern der Rückschlag der TB-Bekämpfung in der Coronakrise. Ein Jahr nachdem die Covid-19-Pandemie die Welt auf den Kopf gestellt hat, zeigen aktuelle Daten von »Stop TB Partnership«, dass in den neun Ländern mit den meisten Tuberkulosefällen Diagnose und Behandlung von Infektionen im Jahr 2020 um 16 bis 41 Prozent zurückgegangen sind. In Bangladesch, Indien, Indonesien, Myanmar, Pakistan, Philippinen, Südafrika, Tadschikistan und Ukraine ereignen sich 60 Prozent der weltweiten TB-Erkrankungen.

»Zwölf Jahre beeindruckender Erfolge im Kampf gegen TB wurden durch eine andere virulente Atemwegsinfektion auf tragische Weise rückgängig gemacht«, klagt auch Nkhomas Kollegin Lucica Ditiu in einem ganz aktuellen Bericht. »Nach einem Jahr sind die globalen Auswirkungen von Covid-19 auf die TB-Epidemie schlimmer als erwartet. Ich hoffe, dass wir uns 2021 am Riemen reißen und gleichzeitig TB und Covid-19 als zwei über die Luft übertragene Krankheiten mit ähnlichen Symptomen klug behandeln.«

Nkhoma schildert die mannigfaltigen Probleme am Beispiel ihrer Heimat Malawi. Durch Corona-Lockdowns seien Krankenhäuser in dem südostafrikanischen Land nicht mehr ohne Weiteres zugänglich. Medizinisches Personal, aber auch Röntgenapparate oder GeneXpert-Maschinen für PCR-Tests würden aus der normalen Versorgung abgezogen und für Corona-Patienten bereitgestellt. »Wir sehen zwar keinen Anstieg der Fälle, aber wir erleben einen deutlichen Anstieg von TB-Komplikationen.«

Ähnliches berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Coronazeit seien in 44 europäischen Ländern die Meldungen von TB-Infektionen um 35,5 Prozent und in ähnlichem Ausmaß die Behandlungen der Lungenkrankheit zurückgegangen. Ähnlich sah es zunächst auch in Indien aus: In den Monaten März und April 2020 seien 70 Prozent weniger TB-Fälle gemeldet worden, sagt Gesundheitsminister Harsh Vardhan. »Aber TB verschwand ja nicht, als die Covid-19-Pandemie begann. Medizinisches Personal wurde umgeleitet und das Gesundheitssystem war überfordert«, räumt der Minister ein. Dann habe die Politik das Problem erkannt und gehandelt: Im August 2020 wurde damit begonnen, Maßnahmen wie Prävention, Tests und Kontaktnachverfolgung im Kampf gegen TB und Covid-19 zusammenzuführen. »Das gelingt mit politischer Führung, dem Einsatz erheblicher Ressourcen und dem Beharren auf die Integration von Prävention und Öffentlichkeitsarbeit von TB und Corona, statt das eine durch das andere zu ersetzen.«

Das Beispiel Indien zeigt, was möglich ist, wenn der politische Wille da ist. »Stop TB Partnership« fordert globale Investitionen für den integrierten Kampf gegen die beiden Atemwegserkrankungen. Wie dringlich das ist, zeigen Projektionen der Organisation: »Schon ein dreimonatiger Lockdown, gefolgt von einer langwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erholung, kann bis 2025 weltweit zu weiteren 6,3 Millionen TB-Fällen und zusätzlichen 1,4 Millionen Todesfällen durch die Tuberkulose führen.«

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