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Chinas steiniger Weg zum eigenen Chip

Um unabhängig vom Rivalen USA zu werden, muss die Volksrepublik noch viel investieren

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick in einen Verbindungsprozess zwischen Elektronikträger und Halbleiter
Blick in einen Verbindungsprozess zwischen Elektronikträger und Halbleiter

Selten wird über Fehlschläge bei Prestigeprojekten in den chinesischen Staatsmedien derart offen berichtet: Die Hongxin Semiconductor Manufacturing Company (HSMC) sollte den Standort Wuhan zum neuen Mekka der heimischen Chip-Produktion machen. Die Anschubfinanzierung für das erste Werk lag bei knapp 20 Milliarden Dollar, und selbst während des strikten Lockdowns im vergangenen Jahr hat man noch eifrigst um Fachkräfte geworben. Dann jedoch, noch ehe die ersten Halbleiter übers Fabrikband rollten, gingen plötzlich die Gelder aus. Der einstige Geschäftsführer Chiang Shang-yi erinnert sich an einen regelrechten »Albtraum«, von dem nur mehr die Bauruinen am Stadtrand Wuhans zeugen. Möglicherweise, so heißt es in Branchenkreisen, ist das ambitionierte Unternehmen an US-Exportverboten gescheitert.

Trotz solcher Negativschlagzeilen liegt der Fokus der Wirtschaftsplaner in Peking auf keinem Feld derart stark wie auf der Halbleiterbranche. Mikrochips sind längst »die Goldbarren« der modernen Gegenwart: Ohne sie gäbe es weder Laptops noch Smartphones, Drohnen oder künstliche Intelligenz. Dementsprechend haben Halbleiter eine Bedeutung, die weit über das Wirtschaftliche hinausgeht: Der Zugang zu Halbleitern ist für Staaten vielmehr eine Frage der nationalen Sicherheit.

Dies gilt insbesondere für China. Bereits Mitte der 1950er Jahre führte die Regierung Halbleiterwissenschaften als Universitätsfach ein. Doch die Kulturrevolution versetzte den damaligen Ambitionen einen heftigen Dämpfer. Andere Länder zogen an der Volksrepublik vorbei, darunter auch die kleinen Nachbarstaaten Südkorea und Taiwan.

Zwar ist China mit Einfuhren von über 300 Milliarden US-Dollar längst der weltweit größte Nachfrager von Halbleitern, das Gros der Erlöse geht aber an ausländische Firmen. Jene Abhängigkeit gipfelte für die Staatsführung in den vergangenen zwei Jahren in einem regelrechten Trauma: 2019 hatte der damalige US-Präsident Donald Trump in seinem Handelskrieg Halbleiter-Exporte als politisches Druckmittel missbraucht - und kurzerhand den Netzwerkausrüster Huawei von der US-Technologie abgeschnitten. Im Folgejahr verbot er dem Konzern sogar, Geschäfte mit Zulieferern aus Drittländern zu machen, die Komponenten aus den Vereinigten Staaten verwenden. In wenigen Monaten flog Huawei - zuvor der weltweit erfolgreichste Smartphone-Produzent - aus der Top-5-Spitzengruppe.

Seither propagiert Staatschef Xi Jinping die Maxime der »technologischen Selbstversorgung«, die er zum Kernziel der nationalen Entwicklung ausgerufen hat. Der aktuelle Fünfjahresplan liest sich wie eine einzige Replik auf den Konfrontationskurs Washingtons. Eines der Hauptziele lautet, wichtige Technologien künftig selbst zu produzieren, um nicht mehr anfällig für Sanktionen aus den USA zu sein.

Entsprechend massiv fallen die Investitionen aus: Allein 2020 hat die Regierung Halbleiterkonzerne mit Direktzahlungen in Höhe von mindestens 35 Milliarden US-Dollar unterstützt, wie Recherchen des Fachmediums »Technode« ergeben haben. Dies ist eine Steigerung von über 400 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Jahr. Auch nahm das Volumen des investierten privaten Risikokapitals fast ebenso schnell zu.

Der bisher vielversprechendste heimische Produzent ist die Semiconductors Manufacturing International Corporation (SMIC) mit Sitz in Shanghai, deren Aktienkurs gleich am ersten Tag nach der Börsennotierung in Shanghai um mehr als 200 Prozent zulegte. Mitte März kündigte die Firmenleitung den Bau einer neuen Fabrik im südchinesischen Shenzhen an, die über 2,3 Milliarden Dollar kosten wird.

Trotz der schwindelerregenden Zahlen sind die Fortschritte der chinesischen Halbleiterbranche bislang überschaubar. Sie wächst zwar laut offiziellen Daten im zweistelligen Bereich, doch auf einem Niveau, das nach wie vor noch Lichtjahre von der Konkurrenz in Taiwan und vor allem den USA entfernt ist. Experten rechnen damit, dass die Wirtschaftsplaner in Peking ihr Ziel, bis 2025 rund 70 Prozent der Halbleiter für den eigenen Markt aus heimischer Produktion zu beziehen, deutlich verfehlen werden. Derzeit liegt man bei etwa 30 Prozent.

Investitionen allein reichen zudem nicht aus, um an die Weltspitze aufzusteigen. Dafür braucht es über Generationen gewachsene Ingenieurskunst, Know-how und vor allem hoch qualifizierte Fachkräfte - eine technische Infrastruktur also, deren Aufbau und Pflege Jahrzehnte dauern. Tatsächlich jedoch fehlt es der Branche an talentierten Universitätsabgängern, die sich für die Halbleiterbranche entscheiden. Chinesische Firmen versuchen dies mit der Abwerbung von Spezialisten aus Taiwan zu kompensieren, denen sie oft ein Mehrfaches an Gehalt anbieten.

Der Weg zur technologischen Autarkie ist offenkundig ein steiniger: Über Jahre müssen Unsummen investiert werden, ohne dass es eine Garantie auf Fortschritte gibt. Bei den immensen Summen könnte auch der Volksrepublik China irgendwann die finanzielle Puste ausgehen. Zum Vergleich: Allein der Marktriese Intel aus den USA investiert 13 Milliarden Dollar in seine Forschungsabteilung - und das jedes Jahr.

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