»Sie wollen ihn umbringen«

John Shipton vermisst die Unterstützung der australischen Regierung für ihren Staatsbürger Julian Assange

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.
In Europa und in seiner Heimat Australien wirbt John Shipton um politische Unterstützung für seinen Sohn Julian Assange. Bislang mit wenig Resonanz bei den Regierenden.
In Europa und in seiner Heimat Australien wirbt John Shipton um politische Unterstützung für seinen Sohn Julian Assange. Bislang mit wenig Resonanz bei den Regierenden.

John Shipton fährt mit seinem »Julian«-Bus vor. Der Vater des Wikileaks-Gründers Julian Assange ist am Ende einer Tour, die ihn an der Ostküste Australiens entlang geführt hat. Vor Rathäusern und in Cafés haben er und sein Team Unterstützer seines Sohnes zusammengetrommelt, um Stimmung für dessen Freilassung zu machen. In Australien selbst wird kaum über den Kampf Shiptons berichtet. Nur wenigen Lokalblättern ist es eine Randnotiz wert.

Assange ist seit April 2019 in Großbritannien inhaftiert. Die USA fordern die Auslieferung des australischen Whistleblowers. Diese hat ein britisches Gericht im Januar zwar abgelehnt - die zuständige Richterin begründete die Entscheidung mit der Selbstmordgefahr Assanges - doch die USA geben deswegen noch nicht auf. Sie haben Berufung eingelegt.

Trotz der geringen Aufmerksamkeit in Australien glaubt Shipton, dass sich die öffentliche Stimmung in der westlichen Welt in den letzten Jahren grundsätzlich zugunsten seines Sohnes gewandelt hat. Er berichtet von Mahnwachen, die vor der Coronakrise auch in Deutschland stattgefunden haben und von Parlamentariergruppen, die ihn unterstützen - im Ausland wie in Australien. Assange wisse über all das Bescheid. »Er ruft an, wann immer er kann«, berichtet Shipton. Er sei sehr interessiert an der Tour, »da wir Teile Australiens an der Ostküste bereist haben, wo Julian als junger Mann und als Kind lebte«. Sein Interesse sei »sentimental«, aber auch praktischer Art. Er wolle messen, wie viel Unterstützung für ihn vorhanden sei.

Vorbereitungen zum Suizid getroffen

Bereits seit 2012 ist der 49-jährige Australier kein freier Mann mehr. Damals flüchtete sich Assange in die Botschaft Ecuadors, nachdem ihm das südamerikanische Land Asyl gewährte. Vorausgegangen war eine lange Saga: Der Whistleblower hatte Geheimdokumente veröffentlicht, die unter anderem Details über das Vorgehen der US-Streitkräfte im Irak- und Afghanistan-Krieg enthüllten. Auf der Enthüllungsplattform Wikileaks stellte er Tausende Dokumente ein, die Kriegsverbrechen, Spionagefälle und Korruption zeigten. Vor allem ein Video, in dem zu sehen ist, wie von einem Hubschrauber aus auf zwei Reuters-Journalisten geschossen wird, schockierte die Welt.

Die vielen Jahre der selbstgewählten Haft sowie die derzeitige Inhaftierung in London haben ihre Spuren hinterlassen. Im Januar hörte das britische Gericht, dass Assange bereits verschiedene Selbstmordpläne gemacht hat. Michael Kopelman, ein emeritierter Professor des King's College, enthüllte, dass der 49-Jährige seine Pläne bereits einem katholischen Priester gestanden, ein Testament geschrieben und Abschiedsbriefe an Freunde und Familie verfasst habe. »Verschiedene Vorbereitungen sind getroffen«, sagte der Professor, der die Befürchtung aussprach, dass Assange diese im Falle einer Auslieferung an die USA, wo ihm 175 Jahre Haft drohen, in die Tat umsetzen könnte.

Kämpfer oder Propagandahelfer?

Shipton ist besorgt. Seinem Sohn gehe es nicht gut. »Die Umstände der Inhaftierung von Julian, die vom UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, beschrieben wurden, sind zutreffend«, sagt er und spricht von fast zehn Jahren psychologischer Folter, die Großbritannien, Schweden und die Vereinigten Staaten zu verantworten hätten. »Ihre Absicht ist nicht, Julian ins Gefängnis zu bringen, sondern ihn zu töten«, glaubt der Vater. Die Beteiligung Schwedens kommt daher, da zwei Frauen Assange Sexualdelikte in dem skandinavischen Land vorwarfen. Die Ermittlungen dazu wurden 2017 jedoch eingestellt.

Assange spaltet die Gemüter: Für die einen ist der Australier wegen seiner Enthüllungen ein Held, für die anderen ein Spion. Assange selbst sieht sich als Kämpfer für die Wahrheit. Es wurde ihm in der Vergangenheit aber auch schon vorgeworfen, sich zum Handlanger russischer Propagandazwecke gemacht zu haben. Vor allem während des US-Wahlkampfes zwischen Hillary Clinton und Donald Trump häuften sich die kritischen Stimmen. Nachdem Wikileaks im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 von Hackern gestohlene E-Mails der Demokratischen Partei veröffentlichte, spielte dies Donald Trump in die Hände, der die Wahl danach gewann. Auch dass sich Assange im Zuge dessen von seinem Botschaftsasyl aus von dem umstrittenen US-Sender Fox News interviewen ließ, stieß vielen negativ auf.

Australien holte Bürgerin aus dem Iran

Trotzdem hat Assange auch eine Menge prominenter Unterstützer, darunter die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, den chinesischen Künstler Ai Weiwei, die US-Schauspielerin Pamela Anderson, den früheren brasilianischen Präsidenten Lula da Silva und den deutschen Schriftsteller Günter Wallraff. Doch keiner ist so engagiert wie sein Vater John Shipton, der seit Jahren für ihn kämpft und hofft, dass sein Sohn irgendwann wieder nach Australien kommen kann. »Es ist meine Aufgabe als Vater sicherzustellen, dass er nach Hause kommen kann«, sagt er.

Obwohl Shipton im Interview wenig Emotionen zeigt, wird deutlich, dass er verärgert ist, dass die australische Regierung seinem Sohn bisher wenig Unterstützung zukommen ließ. Denn im Fall der inzwischen ebenfalls prominenten Cousine Assanges - Kylie Moore-Gilbert - arrangierte die Regierung einen Gefangenenaustausch, um die Akademikerin, der der Iran Spionage vorgeworfen hat, aus dem Gefängnis in Teheran zu befreien. »Bei Kylie hat die australische Regierung gezeigt, dass sie in der Lage ist, geeignete diplomatische Vorkehrungen zu treffen, um einen australischen Staatsbürger, der wegen Spionage angeklagt ist, nach Hause zu bringen«, sagt Shipton. »Warum sie sich in Julians Fall nicht dafür entscheiden, weiß ich nicht.«

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