Werbung

Wohnen unter Glockengeläut

Der Kirchturm auf dem Mirbachplatz soll Teil eines Apartmenthauses werden

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine imposante Ruine: der Kirchturm am Mirbachplatz in Berlin-Weißensee
Eine imposante Ruine: der Kirchturm am Mirbachplatz in Berlin-Weißensee

Seitdem im Januar am Mirbachplatz in Weißensee rund um den Turm der 1945 zerstörten Bethanienkirche Bäume gefällt wurden, rumort es im Wohnumfeld. Denn damit ist nicht nur das kleine Stadtwäldchen verschwunden, das auf dem beräumten Trümmergrundstück inmitten des verkehrsumtosten Platzes gewachsen war. Zudem kursieren seit langem Pläne, den denkmalgeschützten Turm zu sanieren und für gehobene Wohnzwecke umzubauen. 2007 hatte ein Berliner Architekt den Turm erworben. Aktuell stehen auf dem Areal die Tiny Houses des alternativen Wohnprojekts »Insel Weißensee«, dem der Eigentümer die Zwischennutzung gestattet hat. Jetzt werden die eigentlichen Turmbaupläne konkret.

Der Mirbachplatz, auf den fünf Straßen strahlenförmig zulaufen, ist keine Schönheit. Aber Läden, Lokale, öffentliche Einrichtungen machen ihn zu einem belebten Ort. Die Eignung des Standortes für exklusives Wohnen wird daher stark angezweifelt. Zudem ist der Platz Teil eines künftigen Sanierungsgebietes, bei dessen Gestaltung der Bezirk Pankow die Bürger eingeladen hatte, sich zu beteiligen. Grundlage dafür bildet ein Senatsbeschluss vom 25. Juni 2019 über den Beginn »vorbereitender Untersuchungen für das Gebiet Pankow-Langhansstraße«. Ziel ist ein auf den Standort zugeschnittenes, integriertes Stadterneuerungsverfahren. Den folgenden Dialogprozess zum städtebaulichen Entwicklungskonzept hatten Anwohner, Mieter wie Eigentümer, Gewerbetreibende, Vertreter von Unternehmen und der öffentlichen Hand rege genutzt. Doch obwohl viele der eingebrachten Vorschläge noch unbeantwortet sind, werden am Mirbachplatz vollendete Tatsachen geschaffen.

Das treibt auch Marion Koch um. Die Sängerin betreibt in der Weißenseer Gustav-Adolf-Straße eine kleine Opernakademie. »Wenn hier mir nichts, dir nichts Bäume gefällt werden, ist das meist kein gutes Zeichen«, sagt sie zu »nd«. »Jeder freie Fleck wird inzwischen zugebaut.« Der Ortsteil sei längst nicht mehr so grün wie noch vor wenigen Jahren, sein Charakter verändere sich. Und immer mehr Privatinvestoren interessier᠆ten sich plötzlich für die Mietshäuser im Kiez.

Als Vorständin der Interessengemeinschaft Weißenseer Spitze versucht Marion Koch, die Leute vor Ort für den eigenen Kiez zu mobilisieren. Dabei geht es um Probleme wie den hohen Leerstand von Gewerberäumen, die schlechte Aufenthaltsqualität oder die gefährliche Verkehrssituation am Caligariplatz. Wie andere Akteure im künftigen Sanierungsgebiet fragt auch sie sich, warum der Bezirk kein eigenes Interesse am Mirbachplatz bekundet und sein Vorkaufsrecht ausübt. Marion Koch hat den zuständigen Pankower Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) aufgefordert, sich für eine öffentliche Nutzung des Areals starkzumachen. »Meine Meinung: mehr Grün, mehr Kultur«, schrieb sie ihm kürzlich. »Warum die Ruine nicht mit einem kleinen Anbau als Konzerthalle ausbauen und als heimatliches Museum nutzen?«

Laut Kuhns Referentin Nicole Holtz wäre der Erwerb des Grundstücks für den Bezirk finanziell eine Herausforderung. Dem Vernehmen nach würde für die 1850 Quadratmeter samt sanierungsbedürftigem Turm ein einstelliger Millionenbetrag fällig werden.

Bezirksstadtrat Kuhn teilte auf nd-Anfrage mit: »Es wäre sehr schade, wenn an dieser stadtbildprägenden Stelle eine private Nutzung den Vorrang bekommt. Bislang haben wir allerdings noch von keinem öffentlichen Bedarfsträger ein Interesse an der Immobilie signalisiert bekommen, was für das Ziehen des Vorkaufsrechts notwendig wäre.« Jeder Käufer müsste einen hohen Preis für den Erhalt eines Gebäudes zahlen, das derzeit eine Ruine sei. »Auch sind die Denkmalschutzauflagen und die anderen Nutzungseinschränkungen zu beachten.«

1902 eingeweiht, blieb von der Bethanienkirche nach einem Luftangriff am 26. Februar 1945 nur deren beschädigter, 65 Meter hoher Turm stehen. Der Architekt und Stadtplaner Bernd Bötzel ist von dem Bauwerk begeistert. Nach eigenem Bekunden hat er schon 2001 die ersten Projektideen zur Erhaltung des Bethanienturms entwickelt. »Tower Visions« heißt das Vorhaben, das Bötzel dazu mit seiner Projektentwicklungsgesellschaft Planufaktur umsetzen will: Auf dem Grundriss des einstigen Kirchenschiffes soll ein moderner Anbau mit Terrassen und Tiefgarage entstehen, 17 exklusive Wohnungen, davon drei im Turm. Die im Mai vergangenen Jahres erteilte Baugenehmigung schließt die denkmalgerechte Sanierung des Turms ein, der auch Glockenturm der Bethanienkirchengemeinde bleiben wird. Seit Januar ist ein Investor mit an Bord, so dass ab dem 3. Quartal 2021 gebaut werden soll, im 1. Halbjahr 2023 könnte alles fertig und auch bepflanzt sein.

Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) erinnerte jüngst in der Bezirksverordnetenversammlung daran, was da auf den Bauherren zukommt: »Dabei muss er den Kirchturm erhalten und zweimal täglich läuten.«

Gänzlich vom Tisch sei eine öffentliche Nutzung noch nicht, sagt Kuhns Referentin Holtz zu »nd«. Der Bezirksstadtrat hatte zuvor erklärt, dass der Stichtag »wegen bisher nicht vollständig übergebener Unterlagen« noch nicht endgültig feststehe. Also prüfe man weiter auch öffentliche Bedarfe.

Dazu passende Podcast-Folgen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung