Kein sauberes Wasser für alle

Weltgesundheitstag: Chancengleichheit in Sachen Gesundheit bleibt global und in vielen Einzelstaaten noch unerreicht

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 6 Min.
Aus dem Südsudan geflüchtete Kinder versuchen, an einem Tank sauberes Wasser aufzufangen.
Aus dem Südsudan geflüchtete Kinder versuchen, an einem Tank sauberes Wasser aufzufangen.

Mitten die nun schon über ein Jahr andauernde Covid-19-Pandemie kommt der diesjährige Weltgesundheitstag mit dem Thema »Gesundheitliche Chancengleichheit«, in der englischen Version etwas aktiver und auffordernder »Building a fairer, healthier world« überschrieben. Möglicherweise unbeabsichtigt, aber durchaus schmerzhaft bringt der diesjährige Schwerpunkt die Fehlstellen nationaler wie globaler Gesundheitsversorgung an die Oberfläche.

Gesundheit ist in der (westlichen) Öffentlichkeit aktuell auf die Pandemie fokussiert. Schwer an Covid-19 Erkrankte sollen ausreichend betreut werden, zugleich ist die Versorgung aller übrigen Patienten nicht zu vernachlässigen. Das Problem ist kaum allein von den Krankenhäusern mit Intensivkapazitäten zu lösen. Nötig sind weiteren Einrichtungen und Strukturen, unter anderem in der ambulanten Versorgung, die durch Pandemievorschriften teilweise blockiert sind.

Mittelfristig sicher und bereits jetzt absehbar ist, dass insbesondere ökonomisch und auch sonst benachteiligte Menschen von den Folgen der Pandemie und ihrer Bekämpfung betroffen sind. Das betrifft Einkommens- und Jobverluste einerseits, aber auch zusätzliche Belastung für bestimmte Berufsgruppen, die nicht zu den bestbezahlten gehören. Gesundheitliche Folgen sind absehbar auch für die Kinder, denen der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie auch die alltäglichen Begegnungen mit ihren Altersgefährten über Wochen und Monate verwehrt sind. Diese und andere Folgen sind auch in eigentlich gut ausgestatteten Industrieländern wie Deutschland kaum vermeidbar.

In den genannten Staaten führen - auch ohne Pandemie - Einkommens- und Bildungsunterschiede zu unterschiedlichen Gesundheitsrisiken. Beispiel Übergewicht: In der Gruppe der Privilegierten tritt es nachweisbar weniger auf. Bei den Benachteiligten tragen ungesunde Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel jedoch zu einem erhöhten Risiko zum Beispiel für eine nicht-alkoholische Fettleber bei, aus der sich eine spezielle Leberentzündung entwickeln kann. Im Verlauf dieser Fettleberhepatitis kann das Organ vernarben (Zirrhose) oder eine Leberzellkrebs entstehen. Auf diese Zusammenhänge wies die Deutsche Leberstiftung anlässlich des Weltgesundheitstages.

Die WHO hat mit dem diesjährigen Motto des Weltgesundheitstages zunächst die Chancengleichheit innerhalb der einzelnen Staaten im Blick. Es wird schnell klar, dass das zu kurz greift. Darüber hinaus täuscht der allgemeine Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität (»wie vor der Pandemie«) darüber hinweg, dass diese für Millionen Menschen ein Leben ohne sauberes Wasser, in verschmutzter Luft, ohne ausreichende und gesunde Nahrung, ohne Möglichkeiten der Bildung und Selbstverwirklichung bedeutet.

Beispiel Wasser: Weltweit haben über 780 Millionen Menschen keinen Zugang zu dem Nass in trinkbarer Qualität. Die Hälfte dieser Gruppe lebt in Afrika südlich der Sahara. Noch schlechter sieht es bei sanitären Anlagen aus: 2,4 Milliarden Menschen, also einem Drittel der Weltbevölkerung, steht keine Toilette oder Latrine zur Verfügung. Betroffen sind vor allem Menschen oder Familien in den ärmeren Regionen der Welt - und dort vor allem in den ländlichen Gebieten.

Trinkwasser wird Quellen entnommen, aus denen auch Tiere trinken. In der Folge solcher Verschmutzungen leiden besonders kleine Kinder unter lebensbedrohlichen Durchfällen. Aktuell müssen weltweit 450 Millionen Kinder in Gebieten mit hoher oder extrem hoher Wasserunsicherheit. Bis 2040 wird fast jedes vierte Kind auf der Welt in einem Gebiet leben, das von extremer Trockenheit betroffen ist, so die Unicef.

Manchmal ist sauberes Wasser zudem nur weit entfernt von Wohnorten zu bekommen: Das frisst Lebenszeit vor allem von Frauen und Kindern, die das täglich Notwendige stundenlang zu ihren Siedlungen schleppen. Oft fehlen auch Sanitäranlagen in den Schulen, was Mädchen in der Zeit ihrer Menstruation vom Unterricht fern hält. Auch Landwirtschaft ist ohne ausreichend Wasser nicht zuverlässig möglich, vor allem in Regionen, die von Dürreperioden betroffen sind.

»Wasser und Sanitärversorgung für alle« lautet zwar auch das sechste der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, aber der diesjährige Weltwassertag, der gerade im März unter der Ägide der Unicef begangen wurde, verbreitete wenig Optimismus.

Für einige Staaten in Asien oder Afrika zeigten sich beim Auftreten von Covid-19 frühere Erfahrungen mit Pandemien und Epidemien von Vorteil. Hygienemaßnahmen waren bereits geübt und akzeptiert. Eine junge Bevölkerung und ein warmes Klima verhinderten außerdem eine Zeitlang Schlimmeres. Neben neuen Virusvarianten, wie etwa der südafrikanischen für den Kontinent, bestehen für die oft unzureichenden Gesundheitssysteme aber große Belastungen durch schon verbreitete Krankheiten (wie Tuberkulose oder Aids) oder neu ausbrechende Epidemien wie Ebola (Guinea) oder Masern. Im Kongo führte ein Masernausbruch seit Januar zu mehr als 13 000 Fällen und bislang 186 Toten, darunter vor allem Kinder im Nordwesten des Landes. Der größere Teil der Fälle vieler Infektionskrankheiten tritt nur in einem Teil der Staaten weltweit häufiger auf, und es ist kein Zufall, dass dies die ärmeren sind.

Zur Chancengleichheit in Sachen Gesundheit ist also noch ein weiter Weg, sowohl in den Staaten als auch bei der globalen Verteilung der nötigen Ressourcen. Einzelne Aktionstage werden hier ebenso wenig ändern können wie die Hoffnung, in der Pandemie könnte ein zuvor ungerechtes System plötzlich für alle Menschen ohne Unterschied gesundheitliche Versorgung sichern. Sollte die Pandemie eines Tages für beendet erklärt werden, wäre das System allein dadurch ebenso wenig geläutert.

Nicht zuletzt geht es, um wieder auf die Anforderungen durch die Covid-19-Pandemie zurückzukommen, darum, Ressourcen zu teilen, darunter etwa Impfstoffe, aber auch Tests und Schutzausrüstungen. Schon mit einer soliden Grundausstattung an Hygienematerial und medizinischen Kapazitäten, das zeigten die vergangenen Monate weltweit, lassen sich selbst gegen neu auftretende Infektionskrankheiten wirksame Barrieren errichten.

Viele Jahre lang waren die vorgegebenen Themen vor allem dramatischen gesundheitlichen Verhältnissen in Ländern mit einer schlechter versorgten Bevölkerung gewidmet, verbunden mit dem Appell an die reicheren Staaten, hier Unterstützung zu leisten - auch für die Lösungsansätze der WHO. Beispielhaft hierfür sind Themen wie sauberes Wasser (1955), Augengesundheit (1962) oder Tuberkulose (1964). Auffällig ist, dass Impfen mehrmals in der Liste auftaucht (1965, 1975, 1987, 1995). Der Auftakt in Deutschland 1954 war der Krankenschwester als »Wegbereiterin der Gesundheit« gewidmet. Die Gesundheitsberufe allgemein wurden thematisch 2006 gewürdigt, zuletzt dann wieder 2020 die Pflegende und Hebammen gemeinsam. Es wurden sowohl Lebensbereiche (vor allem die Städte), Altersgruppen, aber auch nicht übertragbare Krankheiten hervorgehoben, ebenso Probleme wie Hunger, richtige Ernährung, Umweltschutz und Klimawandel.

Der quasi pädagogische Ansatz, mit dem Aktionstag ein vorrangiges Gesundheitsproblem in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken, sollte auch die Entwicklung nationaler Gesundheitssysteme stärken. In Staaten wie Deutschland wurde der Festtag immer mehr zu einem Datum für Fachtagungen und Kongresse - vor allem für in Gesundheitsberufen Tätige. Damit wird dem geforderten »Kehren vor der eigenen Tür« jedoch nur zum geringsten Teil Rechnung getragen.

Lesen Sie auch: Covid-19 schwächt die WHO. Die Weltgesundheitsorganisation legte in der Pandemie einen starken Start hin. Längst wird sie von den mächtigsten Staaten ausgebremst.

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