Systemrelevanz neu aufgesetzt

Die Berliner Kitas kehren am Donnerstag erneut zum Notbetrieb zurück

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Vorsitzenden des Berliner Landeselternausschusses Kita schwant nichts Gutes für diesen Donnerstag. »Das gibt wieder einmal Ärger und Diskussionen an der Kita-Tür«, sagt Nancy Schulze mit Blick auf die vom Senat beschlossene Rückkehr zur Notbetreuung in den über 2700 Kindertagesstätten der Hauptstadt. Noch am Mittwoch vergangener Woche hatte die Senatsfamilienverwaltung den Eltern und Kita-Trägern mitgeteilt, dass die Einrichtungen weiterhin für alle Kinder offen gehalten werden - nur um keine 24 Stunden später das Betreuungsangebot dann doch radikal einzuschränken. »Das ist komplett unverständlich und wirkt einfach sehr willkürlich«, sagt Schulze zu »nd«.

Nach dem kurz vor Ostern verkündeten Senatsbeschluss bleibt der Kita-Besuch ab Donnerstag abermals Kindern von Eltern mit »systemrelevanten« Berufen und Alleinerziehenden vorbehalten. Hinzu kommen Eltern, »bei deren Kindern aus besonders dringenden pädagogischen Gründen eine Betreuung erforderlich ist«. Mit an Bord sind zusätzlich die Vorschulkinder. Sieht man von Letzteren ab, entsprechen die Regelungen denen, die Anfang März aufgehoben wurden. Vier Wochen hielt der »eingeschränkte Regelbetrieb«, der über weite Strecken einem Normalbetrieb mit zum Teil hundertprozentiger Auslastung entsprach. Nun ist damit Schluss.

Begründet wird der Schritt mit der zuletzt rasant gestiegenen Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Nancy Schulze und der Landeselternausschuss Kita kritisieren vor allem, dass dem Senat angesichts des tatsächlich bedenklichen Infektionsgeschehens lediglich Zugangsbeschränkungen für die Kitas einfallen, während andere Lebens- und Wirtschaftsbereiche weitgehend unangetastet weiterlaufen sollen. »Das ist doch kein Lockdown aktuell. Wenn man schon dicht macht, dann aber auch richtig«, sagt Schulze.

Wie der Landeselternausschuss ist auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verärgert über die Halbherzigkeit der Senatsmaßnahmen. »Ich finde das seltsam, dass Einrichtungs- und Baumärkte offen gehalten werden, bei Kitas und Schulen aber nie über eine andere Möglichkeit nachgedacht wird außer: Das machen wir jetzt einfach wieder zu«, sagt Berlins GEW-Chef Tom Erdmann zu »nd«.

Ähnlich den Eltern sieht auch Erdmann für den Donnerstag die Probleme an der Kita-Tür vorprogrammiert. Schon im Vorfeld beginnt für die Beschäftigten der Kitas dabei erneut die Zeit des heiteren Beruferatens beziehungsweise -suchens. Denn die Liste mit »systemrelevanten« Tätigkeiten ist mittlerweile auf 31 DIN-A4-Seiten erweitert worden. Ende Januar, als zuletzt der Notbetrieb an den Kitas ausgerufen wurde, waren es noch 28 Seiten. »Schon das haben wir extrem kritisch gesehen«, sagt Erdmann.

Andererseits weist die 31-Seiten-Liste vor dem Hintergrund der sukzessive vorgenommenen Lockerungen im Handel eigenartige Lücken auf. So finden sich neben dem Jäger, dem Steinmetz und anderen »systemrelevanten« Berufen zwar die Beschäftigten des Lebensmitteleinzelhandels unter den Anspruchsberechtigten, nicht aber die der Einrichtungs- und Baumärkte oder sonstiger Geschäfte aus dem sogenannten Non-Food-Bereich. »Ich weiß nicht genau, wie sich die Senatsverwaltung das genau vorstellt«, sagt dann auch Elternvertreterin Nancy Schulze, selbst Verkäuferin in einem Warenhaus, und fügt hinzu: »Wir sind alle systemrelevant.«

Auch Interessenvertreter der Kita-Träger wie der Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) sind wenig angetan von der wieder hervorgekramten Notbetreuung nach »Systemrelevanz«. So forderte der DaKS am Montag erneut eine »Kita für alle, aber im betreuungszeit- und kontaktreduzierten Wechselbetrieb«. Betreuungszeiten sollten insgesamt reduziert werden, könnten dann aber »tageweise zusammengefasst werden und damit auch eine ganztägige Betreuung, aber an weniger Wochentagen, garantieren«, so der Vorschlag des DaKS.

Dass das Haus von Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) Alternativen wie das Wechselmodell ignoriert, wundert weder Gewerkschafter Tom Erdmann noch Elternvertreterin Nancy Schulze. »Frau Scheeres kümmert sich eben mehr um schulische Belange«, ärgert sich Schulze. Scheeres selbst beließ es nach dem Senatsbeschluss vergangene Woche bei einer knappen Mitteilung. Aufgrund der vielen Neuinfektionen müsse man »handeln und die Kontakte deutlich reduzieren«. Und die »weitgehende Schließung der Kitas« sei nun mal »ein wichtiger Schritt dazu«. Und ja, ihr sei die »zusätzliche Belastung« für Eltern und Kinder »bewusst«.

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