Doña Delfina kochte auf offenem Feuer

Die Hilfsorganisation Helps International stattet Armenviertel in Guatemala-Stadt mit Öfen aus

  • Von Andreas Boueke, Guatemala-Stadt
  • Lesedauer: 6 Min.
Guatemala: Doña Delfina kochte auf offenem Feuer

Konzentriert kurvt der guatemaltekische Ingenieur Herber Santos einen Geländewagen mit voller Ladefläche über die schmale Schotterpiste am Rand eines steilen Abgrunds. Im Auftrag der Hilfsorganisation Helps International ist er auf dem Weg in ein Armenviertel im Westen von Guatemala-Stadt. In der Siedlung La Alborada leben Menschen in Hütten ohne die elementarste Ausstattung. Als Herber Santos in der Mittagshitze die schmalen Gassen erreicht, fährt er vorbei an Dutzenden provisorischen Holzhütten und Häusern mit unverputzten Steinwänden, die eng beieinanderstehen.

Am Ende einer Stichstraße parkt er den Wagen und klopft an eine Wand aus Wellblech. Eine Frau mit Schweißperlen auf der Stirn und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen öffnet die Tür. In Begleitung des Sozialarbeiters Cesar Puac betritt Herber Santos einen staubigen Hof. Sofort werden die beiden Männer von einem Dutzend Kinder umringt. Hinter ihnen folgt die Großmutter, Delfina Castillo.

Alltagsarmut

Die meisten Familien der Nachbarschaft haben keinen Herd zum Kochen. Ihre Mahlzeiten bereiten sie auf offenen Feuerstellen zu. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas kocht mit Holz. Häufig wird auch Müll verbrannt, Papier oder Plastik. Der warme Qualm aus Doña Delfinas Küche bringt Feinstaub in die Wohnräume. So werden die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Höchstwerte für gefährliche Stickoxide und Kohlenstoffverbindungen um ein Vielfaches übertroffen. Cesar Puac weiß um die gravierenden gesundheitlichen Folgen: »Die Lungen der Frauen und Kinder sind völlig verrußt. Für sie ist es normal, verschmutzte Luft einzuatmen. Darin sehen sie kein Problem. Aber natürlich führt das zu Krankheiten, die gerade jetzt in der Pandemie besonders schlimm sind, wo es doch so wichtig ist, dass wir gesund bleiben.«

Unter den vielen Angehörigen von Doña Delfina leidet immer irgendjemand an einem Husten oder an Augeninfektionen. Das kann zu schweren Atemwegserkrankungen und Erblindung führen, zu einer Lungenentzündung oder Krebs. Weil der Sauerstoffmangel die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt, leiden Menschen, die schon als Kleinkinder täglich stundenlang dem Qualm ausgesetzt waren, zeitlebens an schweren Hirnschäden und Wachstumsdefiziten.

In die Hütten der Siedlung La Alborada in Guatemala-Stadt baut die Hilfsorganisation Helps neue Herde ein. Sie verbrauchen weniger Holz und leiten den Qualm nach draußen. Die Küche von Doña Delfina ist seitdem ein zentraler Ort für die Familie geworden.
In die Hütten der Siedlung La Alborada in Guatemala-Stadt baut die Hilfsorganisation Helps neue Herde ein. Sie verbrauchen weniger Holz und leiten den Qualm nach draußen. Die Küche von Doña Delfina ist seitdem ein zentraler Ort für die Familie geworden.

Um all diese Folgen zu vermeiden, wird Herber Santos heute fünf sparsame Kochherde übergeben: »In Zeiten der Pandemie brauchen die Familien solche Hilfe«, sagt der Ingenieur. »Gerade jetzt sind die Herde besonders sinnvoll. Sie helfen, das Immunsystem der Menschen zu stärken.«

Im Jahr 2010 haben die Vereinten Nationen die »globale Allianz für saubere Kochherde« ins Leben gerufen. Regierungen, Unternehmen und Stiftungen fördern gemeinsam gesundheitsfreundliches Kochen, das auch der Umwelt nutzt. Die heutige Lieferung von Kochherden wurde von der deutschen Stiftung Aktion Weltkinderhilfe finanziert. Herber Santos erklärt, dass sich jede der begünstigten Familien mit etwa einem Fünftel an den Kosten von rund 120 Euro beteiligt. Auch die neuen Herde werden mit Holz befeuert, aber im Vergleich zu offenen Feuerstellen verbrauchen sie nur ein Drittel des Brennstoffs. Sie sind mit einem Schornstein ausgestattet, der den Rauch nach draußen führt.

Im Vorfeld der Lieferung hat der Sozialarbeiter Cesar Puac die Installation der fünf neuen Kochherde koordiniert. Seit Beginn der Pandemie kümmert er sich vorwiegend darum, die Verteilung von Kleiderspenden und Grundnahrungsmitteln zu organisieren. »Zurzeit werde ich oft angerufen, weil jemand etwas zu essen braucht. Die Frauen erzählen mir, dass sie kein Geld mehr haben, weil ihre Ehemänner entlassen wurden. Das kann dazu führen, dass die Kinder krank werden, weil sie nicht genug zu essen bekommen.«

Feuergefahr

Doña Delfinas Enkelin Marlyn räumt die alte Feuerstelle weg, um Platz für den neuen Kochherd zu schaffen. Sie hat drei große verrußte Steine aus der Küche getragen und fegt jetzt die Asche zusammen. »Wir Mädchen müssen früh kochen lernen und Tortillas formen. So ist das eben, auch wenn wir uns oft an der Feuerstelle verbrennen. Der Rauch im Hals fühlt sich an, als würdest du keine Luft mehr bekommen.«

Als Nächstes schwingt Marlyn eine Axt, um ein paar Holzscheite zu zerschlagen. Ihre Mutter Araceli weiß, wie gefährlich das Kochen auf einer Feuerstelle ist. Trotzdem hat sie nie etwas an der Situation geändert. »Letztens war ich beim Doktor, weil ich Schmerzen in der Lunge hatte. Er hat mich gefragt: ›Rauchen Sie?‹ - ›Nein‹, habe ich geantwortet. ›Ja und? Wieso sind Ihre Lungen so schwarz?‹ - ›Weil ich auf einer Feuerstelle koche.‹ Und wenn es kein Holz gibt, dann verbrennen wir Müll, Plastik, alles, was brennt.«

Die Organisation Helps International koordiniert auch Einsätze von Ärzteteams. Verbrennungen zählen zu den häufigsten Verletzungen, sagt Herber Santos: »Das passiert, weil die Leute auf offenen Feuerstellen kochen. Sie haben keine Ahnung, dass es andere, weniger gefährliche Methoden gibt, bei denen zudem viel weniger Holz verbraucht wird. Aber die meisten Familien hätten gar nicht die finanziellen Möglichkeiten, sich einen sparsamen Kochherd anzuschaffen.«

Oft aber ist es nicht möglich, dass Personen von außerhalb der Siedlung den Familien helfen. Herber Santos zum Beispiel könnte bestimmte Gassen nicht einmal betreten, obwohl dort Menschen leben, die besonders bedürftig sind. »Diese Orte werden vom organisierten Verbrechen kontrolliert, von den Jugendbanden«, erzählt er. »Wenn du da reinfährst, um zu helfen, dann sehen sie in dir jemanden, der Geld hat, der reich ist oder zumindest für jemanden arbeitet, der sehr viel Geld hat.«

Eskalation der Gewalt

Seit Beginn der Pandemie beobachtet Doña Delfina, wie die Gewalt immer schlimmer wird: »Wir können überhaupt nicht mehr raus. Selbst bei der Arbeit wirst du ermordet. So ist mein Sohn umgekommen. Er wurde nur zwei Straßenblocks von hier entfernt erschossen. Sein Chef wurde von den Banden erpresst. Aber er wollte die Schutzsteuer nicht zahlen. Deshalb musste mein Sohn sterben. Ich habe ihn nicht mal mehr sprechen können. Ich bin zum Krankenhaus, aber wegen des Virus werden die Angehörigen der Patienten nicht mehr reingelassen. Er war auch schon tot. Ich konnte mich nicht mehr verabschieden.«

Zurzeit gibt es selbst in den Jugendgruppen der Kirche einige Jungen, die keine andere Lebensperspektive haben, als sich den kriminellen Banden anzuschließen, berichtet Cesar Puac: »Sie drohen und erpressen Geschäftsleute. Wenn jemand anderes in ihrem Gebiet aktiv wird, töten sie, egal ob Junge oder Mädchen. Für sie ist das eine normale Arbeit, aber es ist gefährlich. Viele von ihnen sterben.«

Guatemala: Doña Delfina kochte auf offenem Feuer

Einen Monat später. Herber Santos kommt zurück in die Siedlung, um bei Doña Delfina und ihren Nachbarinnen vorbeizuschauen. Er will überprüfen, ob alle Kochherde ordentlich funktionieren. Doña Delfina ist zufrieden: »Das Kochen geht jetzt viel schneller und verbraucht weniger Holz. Wenn ich früher drei, vier Scheite brauchte, dann brauche ich heute nur noch anderthalb. Und wenn das Feuer aus ist, hält der Herd die Hitze der Asche noch lange, sodass man noch was heiß machen kann, ohne Holz nachzuschieben.«

Seit die Küche nicht mehr voller Rauch ist, hat sich auch das soziale Leben in den Hütten verändert: »Ich stelle den Topf auf die Platte, ziehe mir einen Stuhl heran und warte, bis das Essen fertig ist. An dem Herd ist dieser Tisch angebracht. Jetzt kann sich mein Sohn zu mir setzen«, sagt Doña Delfina. »Früher habe ich ihm seinen Teller ins Zimmer gebracht, und wir mussten im Stehen essen, weil wir keinen Tisch hatten. Hier können wir alle gemeinsam essen. Mein Schwiegersohn setzt sich dorthin, meine Tochter hier und ich setze mich auf einen Eimer. Das macht mich glücklich. Ich bin so froh, wenn wir alle zusammen sind.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung