Plötzliche Wutausbrüche

Auch in Italien leiden die Jüngsten ganz besonders unter den langen Schulschließungen wegen der Covid-19-Pandemie

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.
Magersucht hat bei den 12- bis 14-Jährigen in der Coronazeit in Italien um 28 Prozent zugenommen und betrifft auch immer mehr Jungen.
Magersucht hat bei den 12- bis 14-Jährigen in der Coronazeit in Italien um 28 Prozent zugenommen und betrifft auch immer mehr Jungen.

»Seit Wochen haben wir kein einziges Bett mehr frei, und auch die Therapiegruppen sind voll besetzt«, erklärt Stefano Vicari, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im »Bambino Gesú« in Rom, dem wohl renommiertesten Kinderkrankenhaus Italiens. »Dieser Anstieg kam mit der zweiten Welle der Pandemie und dauert bis heute. Wir schaffen es bald nicht mehr. Und wir sind beunruhigt.« Magersucht zum Beispiel, so der Arzt, habe vor allem bei den 12- bis 14-Jährigen um 28 Prozent zugenommen und betreffe auch immer mehr Jungen.

Auch bei Selbstmordversuchen und Selbstverletzungen läge der Zuwachs bei über 25 Prozent. »Uns ist klar, dass die Problematik nicht nur Rom, sondern ganz Italien betrifft«, so der Mediziner. »Mit der Regierung, den Kinderkrankenhäusern und anderen Organisationen arbeiten wir jetzt einen Aktionsplan aus.« Beunruhigend sei, dass es immer mehr Fälle werden und die Patienten immer junger. »Das wirkliche Problem ist, dass das Angebot im Bereich der Psychiatrie im Entwicklungsalter in unserem Land ohnehin sehr gering ist. Schon normalerweise betreffen die psychischen Störungen 20 Prozent der Kinder und Heranwachsenden. Jetzt ist dieser Prozentsatz enorm gestiegen, aber die Bettenzahl in den entsprechenden Einrichtungen ist die gleiche! Und die Regierungsverantwortlichen interessieren sich einfach nicht dafür.«

Der Optimismus ist weg

Die Heranwachsenden seien die wahren Verlierer der Pandemie. »Unsere Gesellschaft ist schizophren: Wir lieben die Kinder und die Jugendlichen und fassen sie mit Samthandschuhen an - aber wir helfen ihnen nicht beim Erwachsenwerden. Man müsste mehr Geld in die Neuropsychiatrie investieren, aber tatsächlich sind die öffentlichen Einrichtungen in den letzten 20 Jahren immer weiter zurückgefahren worden.«

Der Arzt beschreibt die Unterschiede zwischen der ersten Welle der Pandemie von vor einem Jahr und der Zeit danach: »Im Frühjahr 2020 hatten wir Psychiater nur wenig zu tun. Damals herrschte Optimismus vor, wir haben auf den Balkons gesungen und uns gegenseitig mit Durchhalteparolen Mut gemacht. Aber im Oktober war der Spuk immer noch nicht vorbei. Die Eltern sind wieder arbeiten gegangen, und die Kinder blieben allein zu Hause und mussten ihre Zeit selber einteilen. Aber die Heranwachsenden brauchen ihre Freunde, die Klassenkameraden! Darum hat sich niemand gekümmert.«

Ähnliches berichtet auch Arianna Terrinoni aus Perugia. »Mich beunruhigt vor allem, dass unsere Patienten in den letzten Monaten immer jünger geworden sind. Plötzlich sind es ganz viele elfjährige Jungen und Mädchen«, sagt die Psychiaterin. Die Symptome seinen immer die gleichen: Kopfschmerzen, Ess- und Schlafstörungen, plötzliche Wutausbrüche.

»Das sind alles ganz klare Anzeichen, die man ernst nehmen und angehen muss.« Es betreffe alle sozialen Schichten, meint sie. »Schon die Tatsache, dass sie nicht in die Schule gehen können, bedeutet für die Kleinen Einsamkeit. Und sie können sich noch nicht einmal mit Sport oder einfach nur durch Herumtollen an der frischen Luft ablenken«, so Terrinoni.

Die Universität in Pisa hat eine groß angelegte Studie durchgeführt und die Symptome analysiert, die sich während des Lockdowns in den verschiedenen Altersstufen manifestieren. Bei den Kindern von ein bis fünf Jahren sind Unruhe und Ängste zu bemerken, die sich häufig körperlich, durch Kopf- oder Bauchschmerzen, äußern. Bei den 6- bis 18-Jährigen hingegen kann man verschiedene Zwangsstörungen beobachten, posttraumatische Belastungsstörungen, wie sie etwa nach Kriegserlebnissen oder Erdbeben auftreten.

Kinder und Jugendliche spiegeln auf der einen Seite die Symptome ihrer Eltern wider, die häufiger als sonst zu Alkohol oder Psychopharmaka greifen, um ihre Ängste zu bekämpfen. Auf der der anderen Seite entwickeln vor allem Heranwachsende auch ganz eigene Symptome, die vor allem auf die langen Schulschließungen zurückzuführen sind.

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Laura Boccia aus dem zentralitalienischen Jesi beschreibt, wie ein Großteil der sozialen Integration gerade in der Schule stattfindet - und das auch über den direkten Kontakt mit Gleichartigen, der psychologische, zwischenmenschliche und kulturelle Prozesse in Gang setzt. »Durch die Pandemie sind viele soziale und individuelle Schwächen und Probleme sichtbar geworden, die vorher nur schwelten,« so Boccia.

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