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Keine Chance für Diplomatie

Da Nordkorea Athleten nicht zu Olympia nach Tokio schickt, stirbt eine Hoffnung

Keine Chance für Diplomatie

Olympische Spiele, so heißt es immer wieder, sind viel mehr als Sport. Durch das Aufeinandertreffen von Athlet*innen aus allen Ländern der Welt biete sich das beste Terrain für Völkerverständigung: Die Wettkampfregeln sind allgemein anerkannt, gegenseitiger Respekt ist geboten, unterschiedliche Weltanschauungen werden zumindest vordergründig hintangestellt. Dann beginnt der friedliche Wettbewerb. Aber in diesem Sommer hat dieses Ideal ein Problem: Nicht alle Länder werden diesen fruchtbaren Boden betreten. Mit Nordkorea hat sich ausgerechnet einer der international am stärksten isolierten Staaten zurückgezogen.

Die Meldung vom Dienstag, die dies verkündet, liest sich zunächst so nüchtern wie eine Gebrauchsanweisung. Schon Ende März seien alle für den Sport im Land »relevanten Personen« in einer Videokonferenz zusammengetroffen, erklärt Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Nachdem die Würdenträger namentlich erwähnt sind, kommt ganz zum Schluss die wichtige Notiz: »Im Treffen diskutierte das Olympische Komitee der Demokratischen Volksrepublik Korea die Vorschläge seiner Mitglieder und entschied, nicht an den 32. Olympischen Spielen teilzunehmen.«

Als erster Staat hat Nordkorea damit den Spielen von Tokio eine Absage erteilt, auch wenn diese beim Internationalen Olympischen Komitee noch nicht eingetroffen zu sein scheint. Es ist ein Beschluss, der zunächst überrascht. In jener KCNA-Meldung selbst wird zu Beginn noch aufs Gegenteil hingedeutet. So hätten die Verantwortlichen bei ihrem Treffen »die Notwendigkeit betont, kontinuierlich die Zahl der Medaillen bei internationalen Wettbewerben zu erhöhen«, damit auf diese Weise »über den Zeitraum des neuen Fünfjahresplans im ganzen Land die Begeisterung für Sport angetrieben wird«. Aber: In diesem Sommer gehe die Gesundheit vor. Man wolle die Sportler vor der Pandemie schützen.

Für die Organisatoren der Olympischen Spiele von Tokio ist das aus mehreren Gründen eine äußerst schlechte Nachricht. Schon vor einem guten Jahr war es der Verzicht Nationaler Olympischer Komitees gewesen, der die geplante Durchführung der Sommerspiele schließlich unmöglich machte. Nach laut geäußerten Zweifeln von Athlet*innen hatten die NOK aus Kanada und Australien beschlossen, im Sommer 2020 keine Sportler nach Japan zu schicken. Daraufhin mussten die Organisatoren in Tokio von ihrem Beharren auf dem Wettkampfplan abrücken. Immerhin sind Olympische Spiele das globale Event schlechthin - und ohne zwei Länder wäre Olympia nicht mehr global.

Grundsätzlich stellt sich diese Frage mit der Absage Nordkoreas nun erneut. Seitens des Organisationskomitees oder der japanischen Regierung gab es dazu zunächst noch keine klaren Stellungnahmen. Olympiaministerin Tamayo Marukawa sagte lediglich, man versuche noch, »die Details zu bestätigen«. Schließlich läuft die Kommunikation nach Nordkorea oft nur über indirekte Wege. Auch wenn eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA ausschließlich die Haltung der nordkoreanischen Regierung wiedergibt: In Tokio will man es offenbar noch nicht ganz wahrhaben.

Zudem ist es möglich, dass ein Fernbleiben von Nordkorea nicht dieselbe Wirkung entfalten wird wie jenes von Kanada und Australien. Das liegt einerseits am deutlich schwächeren sportlichen Stellenwert des armen ostasiatischen Landes. Bei den letzten Sommerspielen 2016 in Rio hat Nordkorea zwar sieben Medaillen gewonnen, im Gewichtheben und Turnen gar je einmal Gold. Australien und Kanada aber holten 29 respektive 22 Medaillen und gehören regelmäßig zu den stärksten Nationen.

Ein weiterer Grund, warum sich Tokios Organisatoren - die derzeit mit dem Fackellauf quer durchs Land auch daheim auf viel Olympiaskepsis stoßen - durch Nordkoreas Absage womöglich nicht von ihren Plänen abbringen lassen, ist die Politik. Das Regime um Kim Jong-un gilt als unberechenbar. Bei den letzten Olympischen Spielen, im südkoreanischen Pyoengchang 2018, war bis kurz vor Beginn noch unklar, ob überhaupt irgendwer aus Nordkorea dabei sein würde. Am Ende schickten die verfeindeten Bruderstaaten sogar ein gemeinsames Eishockeyteam ins Turnier der Frauen.

Sollten die Veranstalter in Tokio aber darauf kommen, dass die Meldung aus der Staatsnachrichtenagentur auch der Staatslinie entspricht, wären die Folgen für »Tokyo 2020« schwer. Denn dem Organisationskomitee gehen immer mehr Gründe verloren, mit denen sie einer skeptisch gewordenen Bevölkerung erklären können, warum die Spiele diesen Sommer unbedingt stattfinden müssen. Einer hatte schließlich die Diplomatie sein sollen: Japan und Nordkorea verbindet nicht nur eine schwierige Vergangenheit, weil Korea bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs für mehrere Jahrzehnte japanische Kolonie war. Japans Politiker versuchen zudem seit Langem, einen weiteren Konflikt zu lösen. In den vergangenen Jahrzehnten sind immer wieder Menschen aus Japan gekidnappt und nach Nordkorea gebracht worden. Bei fünf Personen ist eine Rücksiedlung nach Japan gelungen, bei zwölf weiteren bemüht sich die Diplomatie schon jahrelang vergeblich. Um dieses für die japanische Gesellschaft hochemotionale Thema endgültig zu lösen, hätten die Olympischen Sommerspiele einen seltenen, persönlichen Gesprächsrahmen bieten können. Nun wohl nicht mehr.

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