Bedrohlicher als braune Radautypen

Ulrich Herbert stellt Nazis in Nadelstreifen vor - ein nach wie vor aktuelles Problem

  • Von Manfred Weißbecker
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Knopf verdeckt nur das Hakenkreuz.
Der Knopf verdeckt nur das Hakenkreuz.

Gern greift, wer an zeitgeschichtlichen Problemen und insbesondere an der Geschichte des deutschen Faschismus interessiert ist, zu Büchern aus der Feder des 1951 in Düsseldorf geborenen und bis 2019 an der Universität in Freiburg/Breisgau lehrenden Historikers Ulrich Herbert. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Arbeiten über den »Ausländereinsatz« in der Kriegswirtschaft des »Dritten Reiches« sowie mit seiner wegweisenden, generationengeschichtlich orientierten Biografie über Werner Best, dessen Weg als völkisch-radikaler Student begann und bis in die Spitze des Reichssicherheitshauptamtes führte, der als SS-Intellektueller die deutsche Großmacht- und Vernichtungspolitik rechtfertigte und dennoch nach 1945 weiter Karriere in der Bundesrepublik machen konnte.

Jetzt legt Herbert eine interessante Sammlung von elf thematisch sehr unterschiedlichen Aufsätzen und Vorträgen vor. Im Vordergrund stehen die sogenannten Funktionseliten des »Dritten Reiches«. Der fragende Titel bezieht sich insbesondere auf sie als »Personal der Diktatur«, zugleich aber auch auf jene, die er als traditionelle Eliten bezeichnet, womit vor allem bürgerliche Kreise nationalkonservativer Gesinnung gemeint sind. Erstere hätten vor allem den Charakter der Diktatur geprägt und nicht jene, die als braune Radautypen zu ihrer Entstehung beigetragen hätten. Nach 1933 habe sich ein Prozess der Amalgamierung von drei gesellschaftlichen Gruppen vollzogen - der »traditionellen Nationalsozialisten mit den Vertretern anderer radikalnationalistischer Richtungen und den traditionellen Eliten«. Eine der Schlussfolgerungen des Autors lautet: Die Verbrechen des Regimes wurden »in den Ministerien, den Universitäten und der Wehrmachtsführung nicht nur hingenommen, sondern aktiv vorgedacht, konzipiert und mitgetragen«.

Deutlicher kann man sich kaum vom nach wie vor oft anzutreffenden Entlastungsargument distanzieren, der deutsche Faschismus sei letztlich nichts anderes als ein Hitlerismus gewesen. Auch wenn hier die Wirtschaftseliten und deren Expansionsprogramme für eine »Neuordnung Europas« unerwähnt bleiben. Herbert geht es hauptsächlich um Führungskräfte der NSDAP, um deren Motive und historische Verantwortung. Man könnte darin den roten Faden sehen, der den Band bei aller möglichen Detailkritik lesenswert macht.

Abgesehen von zwei Texten sind die hier versammelten Beiträge bereits zuvor in diversen Sammelbänden zu übergreifenden Themen oder an schwer zugänglicher Stelle erschienen. Sie entstanden zwischen 1995 und 2020, überwiegend nach der Jahrtausendwende. Viele sind unmittelbar konkreten Aspekten der Geschichte des deutschen Faschismus gewidmet, wobei stets nur vom »Nationalsozialismus« geredet wird; lediglich gelegentlich taucht der andere Begriff, Faschismus auf, der da jedoch dem orthodoxen Marxismus zugeordnet wird. Eingehend befasst sich Herbert mit der geschichtswirksamen Rolle von Erfahrungen und Lehren aus dem Ersten Weltkrieg sowie mit den Ursachen des Antisemitismus in Deutschland von 1900 bis 1938. In vier biografischen Skizzen wird der »deutsche Professor« charakterisiert - am Beispiel des Juristen Carl Schmitt, des Historikers Gerhard Ritter, des Ethnologen Wilhelm Mühlmann und des Physikers Walther Gerlach, wobei letzterer für jene Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure und Techniker steht, deren Triebkraft ein moralisch entleerter Radikalpatriotismus gewesen sei. Unter dem Titel »Deutsches Europa und Großgermanisches Reich« analysiert Herbert divergierende »supranationale Perspektiven« führender Nazis für eine deutsche Vorherrschaft in Europa, die keinen Platz ließen für föderale Europa-Modelle oder einen faschistischen Universalismus. Einer der insgesamt recht lesenswerten Beiträge gilt den strategischen Planungen und politischen Vorentscheidungen des Überfalls auf die UdSSR. In zwei weiteren Beiträgen sucht Herbert nach Möglichkeiten und Grenzen eines totalitarismustheoretischen Vergleiches der Regime in Deutschland und der UdSSR sowie nach einer Typologie der hier und da massenhaft eingerichteten terroristischen Lager.

Der Text eines Vortrages, den Herbert im Januar 2020 an der Universität in Glasgow mit dem Titel »New answers to old questions« (Neue Antworten auf alte Fragen) hielt, skizziert den Weg zur Ermordung der europäischen Juden. Dieser habe, so der Autor, eine eigene Dynamik entwickelt und schließlich in zehn Schritten »eskalierender Aktionen« bis zur sogenannten Endlösung der Judenfrage geführt. Jeden dieser Schritte stellt der Verfasser in den Kontext mit dem konkreten Kriegsverlauf sowie mit militärwirtschaftlichen und politischen Problemen. Es sei das Vorgehen gegen die Juden von den deutschen Verantwortlichen »mit einer jeweils gerade vordringlichen allgemeinen Problematik verbunden [worden] - zunächst mit dem Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus, dann mit der Nahrungsmittelknappheit, dann mit dem Arbeitseinsatz, auch mit dem Kampf gegen Seuchen, gegen Schwarzhandel, gegen Partisanen oder, besonders bei den Reichsbehörden, mit der Wohnungsnot. In jedem Fall wurde daraus ein Argument, wonach das Überleben der Juden geringer zu bewerten sei als das jeweilige Ziel.«

Nebenbei bemerkt: Mein Kollege und Freund Kurt Pätzold sprach in einem 2012 bei PapyRossa veröffentlichten Band von »Wahn und Kalkül«. Der Leser von Herberts Band wird, trotz der Vielzahl an Belegen, jedoch vergeblich nach dem Namen dieses wie auch eines anderen DDR-Autors suchen, was umso befremdlicher auffällt, wenn man sich an Literaturverzeichnisse in dessen Publikationen vor 1989/90 erinnert, in dem der westdeutsche Historiker sehr wohl ostdeutsche Kollegen namentlich zitierte. Ebenso fehlen hier Hinweise darauf, wie andere bundesdeutsche Historiker - liberale, sozialdemokratische und marxistische - vormals den Weg der deutschen Eliten in den Zweiten Weltkrieg analysierten. Zudem: So lesenswert und anregend viele der elf Beiträge geraten sind, so wenig vermögen manche der historiographiegeschichtlichen Aussagen zu überzeugen.

Ulrich Herbert: Wer waren die Nationalsozialisten? Verlag C.H.Beck, 303 S., geb., 24 €.

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