Im Zeitraffer aus der Krise

Die Weltwirtschaft erholt sich schneller als gedacht - doch die armen Länder fallen weiter zurück

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Virtuell findet die mit diesem Plakat am Hauptquartier in Washington angekündigte Frühjahrstagung von IWF und Weltbank statt. Die weltwirtschaftlichen Probleme sind aber ganz real.
Virtuell findet die mit diesem Plakat am Hauptquartier in Washington angekündigte Frühjahrstagung von IWF und Weltbank statt. Die weltwirtschaftlichen Probleme sind aber ganz real.

»Die Pandemie wird so gut wie keine wirtschaftlichen Narben hinterlassen.« Mit dieser Feststellung überraschten der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank im Vorfeld ihrer virtuellen Frühjahrstagung, die bis Sonntag in Washington stattfindet. Schon in ein, zwei Jahren werden laut einer aktualisierten Prognose auch in Europa die wirtschaftlichen Wunden geheilt sein. Einen solchen Zeitraffer hatte es nach der Finanzkrise nicht gegeben: Die meisten Länder benötigten zehn Jahre, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. Ein großes »Aber« schickte die neue IWF-Chefin Kristalina Georgiewa dennoch hinterher: Rasch erholen werden sich lediglich die entwickelten Länder.

Noch nie ist die Weltwirtschaft so schnell und so drastisch eingebrochen wie infolge der Pandemie. Und doch endete das Jahr 2020 in Summe besser, als von IWF, Weltbank und vielen Ökonomen zuvor befürchtet. Nur um 3,3 Prozent sank die Wirtschaftsleistung weltweit, weil es in vielen Ländern zum Jahresende hin wieder deutlich besser lief. 2021 soll das Welt-BIP schon wieder um 6,0 Prozent zulegen, prognostizieren die Organisationen in ihrem am Mittwoch veröffentlichten »World Economic Outlook«.

Besonders hart traf Corona die Eurozone und Lateinamerika mit einem Minus von 6,6 und 7,0 Prozent. Die USA können nach einem Minus von 3,5 Prozent in diesem Jahr auf ein Plus von 6,4 Prozent hoffen. Damit dürfte die größte Volkswirtschaft der Welt bald schon wieder die Wirtschaftsleistung von vor der Pandemie erreichen. Dazu beitragen wird das von Präsident Joe Biden angeschobene Konjunkturprogramm über 1,9 Billionen Dollar. Zusammen mit früheren Anti-Corona-Programmen summieren sich die Rettungspakete auf etwa 25 Prozent des US-Bruttoinlandsproduktes (BIP). In der EU liegt die Quote zwischen rund 15 und 20 Prozent. Von der raschen Erholung der USA profitieren aber auch deren Handelspartner.

Das gilt erst recht für China. Die Volksrepublik kam ohne Konjunktureinbruch durch die Krise und darf für 2021 mit einem Zuwachs von 8,4 Prozent kalkulieren. Euroland wird mit plus 4,4 Prozent weiter zurückfallen. Das gilt auch für viele der sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländer. Zwar fiel das Corona-Tief in Asien und Afrika mit zwei bis drei Prozent prozentual weniger drastisch aus als etwa in der Eurozone, aber auch der Aufschwung verläuft langsamer. Für Sub-Sahara-Afrika erwartet der IWF ein Wachstum von 3,4 und für den Mittleren Osten/Zentralasien von 3,7 Prozent. Voraussetzung aller Wachstumsprognosen bleibt allerdings, dass die Impfkampagnen weiter vorankommen und auch erfolgreich wirken. Resistente Virus-Varianten könnten zu erneuten Konjunktureinbrüchen führen.

Ein Riss durchzieht auch die Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer. Während beispielsweise Südafrika und Nigeria, Pakistan und Vietnam einigermaßen optimistisch in die Zukunft schauen, können ärmere Länder dies nicht. IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath warnt daher vor einer wachsenden Kluft. Der erste Anstieg der globalen Armut seit dem Jahr 2000 drohe. Zudem hätten sich reiche Länder, auf die 16 Prozent der Weltbevölkerung entfallen, die Hälfte aller Impfstoffdosen gesichert.

IWF- und Weltbank-Spitze plädieren vor diesem Hintergrund für zusätzliche Hilfen für arme Länder, die beim Frühjahrstreffen von den Aufsichtsgremien bewilligt werden sollen. Durch den Regierungswechsel in den USA dürfte dem nichts im Wege stehen. IWF-Chefin Georgiewa möchte die finanzielle Schlagkraft ihrer Finanzinstitution um Sonderziehungsrechte im Umfang von über 650 Milliarden Dollar erhöhen. Staaten, die von diesen Rechten Gebrauch machen wollen, könnten Kredite entsprechend ihres prozentualen Anteils am Währungsfonds erhalten, auf die nur 0,05 Prozent fällig werden. Ebenfalls beschlossen werden dürfte eine verlängerte Pause bei den Schuldendienstzahlungen der ärmsten Länder, erwartet Mark Lowcock, UN-Sekretär für Humanitäre Angelegenheiten. Auch eine Zusage der wohlhabenden Länder, die Finanzierung der Covax-Initiative zur globalen Verteilung von Impfstoffen zu unterstützen, sei wahrscheinlich.

Alle diese Maßnahmen sind willkommen, sagt Rainer Falk vom »Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung« gegenüber »nd«. Sie blieben aber »weit hinter dem zurück, was erforderlich wäre«. So müssten IWF/Weltbank ihre in der Coronakrise gesteigerten Kreditzusagen für die nächsten fünf Jahre mindestens auf diesem Niveau halten. Viele arme Länder bräuchten zudem eine grundlegende Restrukturierung ihrer Schulden. IWF/Weltbank müssten dazu die privaten Gläubiger an den Verhandlungstisch zwingen. Die Anteilseigner des IWF, gemeint ist die Mehrzahl der 190 Mitgliedstaaten, sollten die IWF-Führung zu ehrgeizigeren Vorschlägen bewegen.

Auch Fondsdirektorin Georgiewa sieht trotz der optimistischen Konjunkturprognose Gefahren aufziehen. Sie warnt vor einer »gefährlichen Divergenz« zu den Ländern, die noch weit weg von einem Ende der Pandemie seien. Deren Volkswirtschaften würden neben dem Virus von einem Paradoxon bedroht: Eine rasche Erholung der Wirtschaft könnte die großen Notenbanken zwingen, ihre Leitzinsen zu erhöhen, um die Inflation zu begrenzen. Steigende Zinsen in Dollar und Euro würde verschuldete Firmen und Staaten im globalen Süden hart treffen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung