»Die Revolution ist nicht zu Ende«

Moslem Gazdallah hinderte einen Neffen von Tunesiens Diktator Ben Ali an der Flucht. Der Preis dafür ist hoch

  • Von Hannah Jagemast, Tunis
  • Lesedauer: 9 Min.
Tunesien: »Die Revolution ist nicht zu Ende«

Moslem steht auf dem Treppenabsatz vor dem siebenstöckigen Gebäude und starrt in die Leere. Den Stummel, der von seinem Bein übrig geblieben ist, hat er auf dem Griff seiner Krücke abgelegt. Der Rest musste amputiert werden. Zehn Jahre ist es her, dass Polizisten ihm beinahe das Leben nahmen. Heute steht er hier, vor einem Regierungsgebäude, das er mit anderen Verwundeten der Revolution 2011 seit Mitte Dezember besetzt hält, und kämpft für seine Rechte.

»Sie haben alles versucht, um uns mundtot zu machen, aber schaffen werden sie es nie«, erklärt Moslem ungeührt. Erst wenige Jahre ist es her, dass er mit sechs weiteren Verwundeten in die Psychiatrie geschickt wurde. Der zuständige Arzt überwies ihn mit der Begründung, dass psychische Gesundheit die Voraussetzung für medizinische Heilung sei. In der Hoffnung auf die benötigte Bein-OP hatte Moslem zu jenem Zeitpunkt noch Vertrauen in die Worte des Arztes und begab sich in die geschlossene Anstalt. Ihm wurden dort unter anderem Temester-Schmerztabletten verabreicht, die zur Behandlung von Angst- und Spannungszuständen dienen sollen und zur Beruhigung vor operativen Eingriffen genutzt werden. Bereits nach zwei Wochen habe er bemerkt, dass er von den verabreichten Medikamenten abhängig wurde - er verlor jegliches Bedürfnis, sein Bett zu verlassen, und wartete ausschließlich auf »den Trip«.

Nach anfänglicher Verwunderung, was er hier zwischen all den psychisch kranken Menschen zu suchen habe, begann er schlussendlich sich selbst zu verletzten. Ohne eine Miene zu verziehen, erzählt Moslem davon, wie er eines Tages eine Rasierklinge stahl und sich so tief ritzte, dass er sein Bewusstsein verlor. Er zeigt auf seinen Unterarm, der mit schwarzen Flecken übersät ist. »Ich habe hier meine Zigaretten ausgedrückt, ohne den Schmerz zu spüren.« Nach zweimonatigem Aufenthalt wurden er und seine Leidensgenossen aus der Psychiatrie entlassen.

Nun halten sie seit dem 21. Dezember 2020 das Gebäude des obersten Gremiums für Menschen- und Grundrechte besetzt. Sie fordern die Ratifizierung einer Liste ihrer Namen, mit der sie offiziell als »Opfer der Revolution« anerkannt werden sollen. Diese Liste befindet sich bereits in Händen der Regierung. Das Gremium wurde gegründet, um die Verbrechen der Revolution aufzuarbeiten und die Bevölkerung zu entschädigen. Dennoch soll der Präsident dieser Instanz, Abderrazak Kilani, laut Moslem den Erhalt jener Liste in persönlichen Gesprächen mit den Verwundeten stets verneint haben. Die Betroffenen erfuhren so erst durch die Medien, dass das Gremium an dieser Liste zu arbeiten scheint. Doch bevor er das Ergebnis nicht mit eigenen Augen sehen kann, werde er kämpfen und das Gebäude nicht verlassen, bekräftigt Moslem. Er ist wütend. »Die Regierung schmückt sich nach außen mit den Lorbeeren der Revolution, verleugnet sie aber im Inneren.«

Ein Neffe auf der Flucht

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass das tunesische Volk auf die Straße ging und den Diktator Ben Ali am 14. Januar 2011 zum Rücktritt zwang. Es war derselbe Tag, an dem Moslem die verheerenden Schüsse trafen, die später zur Amputation seines Beines führten.

Kampf um Anerkennung: Mit weiteren Opfern der Revolution hat Moslem Gazdallah das Gebäude des obersten Gremiums für Menschen- und Grundrechte besetzt und geht protestieren.
Kampf um Anerkennung: Mit weiteren Opfern der Revolution hat Moslem Gazdallah das Gebäude des obersten Gremiums für Menschen- und Grundrechte besetzt und geht protestieren.

Moslem war Teil einer Gruppe, die an jenem Tag die Kleinstadt Ouardanine, Moslems Heimatort, vor Plünderungen und sonstigen Gefahren zu schützen versuchte. Sie übernahmen die Aufgaben der Polizei, die keine Befugnisse mehr hatte, nachdem Präsident und Regierung abgedankt hatten. Doch es war die geografische Lage von Moslems Heimatstadt - nahe der Ostküste und der beliebten Stadt Sousse gelegen -, die ihm zum Verhängnis werden sollte. Während sich Ben Ali und seine Frau nach Saudi-Arabien absetzten, versuchten auch alle weiteren Mitglieder der Familie, das Land zu verlassen.

Kais Ben Ali, der Sohn von Ben Alis Bruder, nutzte am 14. Januar einen Polizeikonvoi, um von Sousse aus nach Algerien zu fliehen. Kurz nach Abfahrt passierten sie den Kreisel in Ouardanine, an dem sich Moslem und seine Gruppe postiert hatten. Diese entdeckten den Flüchtenden schnell und informierten das Militär, woraufhin die Polizisten des alten Regimes zu schießen begannen. Den ersten Treffer habe er kaum bemerkt, schildert Moslem, doch der zweite ließ ihn zu Boden sinken: »Ich war von Blut überströmt - von meinem eigenen sowie dem der Menschen um mich herum.« Moslem erinnert sich an viele Details - bevor er in Ohnmacht fiel und erst erwachte, als eine Gruppe von Menschen ihn in einen Wagen hob und zum Krankenhaus fuhr. Mit einer lebensbedrohlichen Blutarmut erreichte er das Krankenhaus in Sousse. Als das Militär schließlich eintraf, war es für manche bereits zu spät. Die Verantwortlichen konnten aber zur Rechenschaft gezogen werden und landeten zusammen mit Kais Ben Ali im Gefängnis. Moslems Bein musste schlussendlich amputiert werden.

Ein vermeidbarer Verlust

Seit der Revolution kämpfen viele Verwundete für ihre Rechte. Nach 2011 hat es zwar gewisse Abfindungen gegeben. Da viele von Moslems Leidensgenossen ihren Job verloren und kaum Aussicht auf einen neuen hatten, erhielten einige von ihnen von den Behörden Jobangebote. Auch Moslem ist seitdem Security-Mitarbeiter an einer Schule in Monastir, eine Küstenstadt circa 15 Kilometer von Ouardanine entfernt. Dass der Weg zu seinem Arbeitsplatz eine Herausforderung für Moslem darstellt, der ohne sein Bein weder Auto fahren noch problemlos in den Bus einsteigen kann, wurde dabei anscheinend kaum beachtet.

Einst hatte Moslem eine Prothese. Von einer Wohltätigkeitsorganisation wurde ihm eine Behandlung in Frankreich finanziert, doch diese medizinische Hilfe ist nicht nachhaltig. Nach zwei Jahren infizierte sich sein Bein und ein weiterer Teil musste amputiert werden - seitdem passt die Prothese nicht mehr. Unterstützung durch die Zivilgesellschaft kann keine dauerhafte Lösung für die Verwundeten sein, beklagt Moslem. »Jedes Mal, wenn einer von uns medizinische Hilfe braucht, müssen wir streiken und auf uns aufmerksam machen.« Er verweist auf die Fotos hinter ihm an der Wand. Sie zeigen Menschen, die bereits ihren Verletzungen erlagen und in den vergangenen Jahren wegen fehlender medizinischer Betreuung verstorben sind. Genau aus diesem Grund sei diese Liste so wichtig: damit die Opfer der Revolution endlich kostenlose Behandlungen bekommen, und zwar dann, wenn sie diese brauchen. Dennoch betont er, dass es nicht nur um die kostenlose medizinische Versorgung gehe - es geht um einen allgemeinen sozialen Status, der ihnen den verdienten Respekt verschaffen würde.

Anfangs hätte Moslems Bein sogar noch gerettet werden können, wenn die notwendigen Operationen rechtzeitig eingeleitet worden wären. Da Tunesien die medizinische Ausstattung für jenen Eingriff fehlte, hätte er dafür außer Landes gebracht werden müssen. Tatsächlich wurde Moslem noch vor seinem Psychiatriebesuch nach Katar geflogen. Statt einer Operation erhielt er dort allerdings bloß eine Kur. Als er nach einigen Massagen nach Tunesien zurückkehrte, hatte er zu akzeptieren, dass sein Bein nun amputiert werden muss.

Mittagessen für alle

Es ist Mittagessenszeit für die Protestierenden. Trotz zweimaligem »Ja, gleich« lassen seine Freunde erst locker, als Moslem sich in Bewegung setzt. Im ersten Stock wurde ein Versammlungsraum mit großer Fensterfront zum Speisesaal umfunktioniert. Täglich bringen verschiedene Menschen, die sich mit den Verwundeten solidarisch erklären, große Portionen von Essen. Heute gibt es Nudeln, Hähnchen, Frühlingsrollen und eine große Schale Reis mit Spinat - alle Besucher sind zum Essen eingeladen, und was übrigbleibt, gibt es zum Abendessen.

Tunesien: »Die Revolution ist nicht zu Ende«

Wieder im Foyer angekommen, schreit Moslem eine kleine Gruppe von Menschen an. Er scheint außer sich vor Wut und wiederholt mehrmals das Gleiche: »Wir müssen eine Lösung finden, dieser Staat tut gar nichts. Wir müssen für unsere Rechte kämpfen!« Die gedrückte Stimmung hält nicht lange an. Nur wenige Minuten später versammeln sich einige Menschen auf dem Treppenabsatz vor dem Gebäude und stimmen Parolen an. Sie singen »Aufia, aufia, li-Dima al-Shuhada«, zu Deutsch: »Wir sind loyal, wir sind loyal mit dem Blut der Märtyrer.« Dazu schlagen sie rhythmisch gegen die Jalousie, sodass es scheppert.

»Manchmal habe ich Aussetzer und meine Stimmung verändert sich schlagartig, aber das geht meist schnell wieder vorbei«, erklärt Moslem. Auch wenn diese Proteste Hoffnung geben, begleiten der Schmerz und die Enttäuschung die Menschen stets. Über den physischen Schmerz hingegen kann Moslem inzwischen fast lachen: »Ich hatte inzwischen 33 Operationen - ich habe einen riesigen Ordner mit Papieren.« Er berät einen seiner Freunde, der Probleme mit einer Entzündung am rechten Oberschenkel hat. Nachdem er sich so viel mit dem Ganzen auseinandergesetzt hat, fühle er sich inzwischen selbst wie ein Arzt - nur ohne Zeugnis.

Strategiewechsel

Vor einigen Wochen verlagerten sie ihren Protest auf die Straße, wurden aber nach kurzer Zeit von der Polizei gestoppt. Es war der Geburtstag der Revolution, in Tunesien ein offizieller Feiertag, an dem üblicherweise Feste gefeiert werden. Dieses Jahr aber war die Stadt leer und das Stadtzentrum von Polizisten bewacht. Ein viertägiger Lockdown zur Eindämmung der stark ansteigenden Corona-Infektionen startete genau an jenem Tag. Für Moslem war dies eindeutig politische Taktik: »Die Regierung hat Angst vor uns, denn die Menschen unterstützen unsere Proteste, und wir sind viele.«

Die trotz des Lockdowns entflammten Proteste unterstreichen Moslems Aussagen. An den Protesten in der Hauptstadt, zu denen hauptsächlich die antifaschistische Gruppe »Die falsche Generation« aufgerufen hatte, beteiligten sich ab und zu auch Moslem und die anderen Verwundeten. Für ihn steht fest, dass ihr Kampf weitergeht, auch wenn ihre Liste endlich ratifiziert ist. »Die Revolution ist nicht zu Ende, sie ist ein andauernder Prozess«, beteuert er entschlossen und unterstreicht damit auch den Spruch auf dem Banner, das vor dem besetzten Gebäude gehisst wurde: »Wir werden nicht feiern … die Revolution geht weiter.«

Neben fehlenden Arbeitsplätzen, schlechten ökonomischen Bedingungen und Polizeigewalt wird auf diversen Plakaten der diesjährigen Demonstrationen ein anderes Thema angesprochen. So ist auf einem zu lesen: »Sie werfen die Menschen in hölzerne Boote und führen sie in die Migration.« Die Abwanderung ausgebildeter Fachkräfte wie auch die illegale Migration über das Mittelmeer stellen das Land vor enorme Herausforderungen. Während oft Europa das Ziel ist, emigrierten in Folge der Revolution viele Verwundete nach Kanada - unter ihnen auch die Familie des Straßenverkäufers Mohammed Bouazizi, der sich vor zehn Jahren selbst angezündet und damit die Revolution losgetreten hatte. Für Moslem hingegen ist das keine Lösung, denn damit würde er der Regierung vermutlich sogar einen Gefallen tun, glaubt er. »Wofür haben wir denn damals demonstriert?«, fragt er. »Wenn ich jetzt gehe, wäre das doch alles umsonst gewesen.«

Nachklapp

Am Abend des 19. März veröffentlichte die Regierung schließlich eine Liste. Die Protestierenden verließen daraufhin vor einigen Tagen das Gebäude - sie sind froh, dass ihr Kampf erfolgreich war. Gleichzeitig wiesen sie aber darauf hin, dass diese Liste noch nicht vollständig ist. Sie werden weiterhin dafür demonstrieren, dass alle, die bisher auf der Liste fehlen, ihre Rechte erhalten. Aus diesem Grund sind Moslem und seine Freunde derzeit in Zaghouan, einer Kleinstadt etwas südlich der Hauptstadt, und unterstützen einen Bekannten, den die Regierung beim Erstellen der Liste nicht berücksichtigt hat.

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