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Sorge vor stadtbekanntem Verdränger

Kreuzberger Mieter hoffen auf Vorkaufsrecht für Haus an der Hasenheide

Blick auf die Fassade eines Wohnhauses.
Blick auf die Fassade eines Wohnhauses.

Am Samstag wollen sie auf die Straße gehen. Von 11 bis 13 Uhr wollen die Bewohner des Kreuzberger Hauses Hasenheide 52-53 am Südstern demonstrieren. Denn ihr Haus ist verkauft worden, nach nd-Informationen an die Java Liegenschaften GmbH & Co. KG. Auf den ersten Blick eine der vielen anonymen Firmen im Gewerbesteuerparadies Zossen vor den Toren Berlins. Die Hausgemeinschaft fordert die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die Frist dafür läuft am kommenden Donnerstag aus.

»Wir haben große Sorge«, sagt eine der Mieterinnen der 24 Wohnungen des Hauses. Aus Sorge vor Repressalien will sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Seit beinahe 40 Jahren lebt sie dort. Nicht wenige wohnen ebenfalls so lange in dem »eher armen Haus«, wie die Mieterin es formuliert. Viele Geringverdiener und Studierende bilden die Bewohnerschaft. »Wir blicken in eine recht ungewisse Zukunft«, so die Frau.

Denn Geschäftsführer der Java Liegenschaften GmbH & Co. KG ist Peyvand Jafari. An der gleichen Briefkastenadresse sitzt auch die Plutos Group und von deren Tochter Fortis Group. »Als geschäftsführender Gesellschafter verantwortet Peyvand Jafari die strategische Ausrichtung der gesamten Gruppe«, heißt es in der Selbstdarstellung. Zugleich ist er Aufsichtsratsmitglied und Aktionär der von ihm mitgegründeten Fortis Real Estate Investment AG.

Eine Anfrage des »nd« an die Plutos Group blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Die Fortis Group hat sich mit der Verdrängung von Mietern schon einen Namen gemacht. 2019 zum Beispiel beim Wohnhaus Lenbachstraße 7 in Friedrichshain. Den Bewohnern wurden Luxussanierungen angekündigt, teilweise sollten sich die Mieten beinahe verdreifachen – von knapp 460 auf über 1400 Euro kalt. Die Mieter protestierten und die Linke-Abgeordnete Gaby Gottwald deckte auf, dass das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein Teilhaber der Fortis Group ist. Ein Viertel der Anteile gehörten ihr 2019. »Wir handeln im Interesse der Zahnärzte. Nicht alle entsprechen dem Klischee des Porschefahrers«, erklärte das Versorgungswerk damals auf nd-Anfrage.

Doch die Kraft reichte nicht. »Inzwischen ist der letzte Altmieter in der Lenbachstraße ausgezogen«, sagt Gottwald zu »nd«. Bis auf eine Wohnung sind inzwischen alle verkauft, zu Preisen »ab 4556 Euro pro Quadratmeter«, wie es auf der Fortis-Homepage heißt. Ähnlich läuft es im Eckhaus Samariterstraße 8/Rigaer Straße 35 in Friedrichshain.

Die »behutsame Entwicklung der vorwiegend historischen und wertvollen Altbauten, um die Wohnqualität nachhaltig zu erhöhen«, wie die Fortis Group ihr Vorgehen beschreibt, wollte sie auch in der Holteistraße 19 in Friedrichshain durchexerzieren.
Nachvollziehbarerweise übte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2019 das Vorkaufsrecht zugunsten der Genossenschaft »Diese eG« aus. Die Opposition versucht derzeit, die Umstände um die hektische Gründung der Genossenschaft in einem Untersuchungsausschuss zu skandalisieren.

Öffentlich bisher praktisch nicht bekannt ist, dass die Fortis Group auch die Kündigung und Räumung der Kreuzberger Kiezkneipe »Meuterei« mitzuverantworten hat. Denn die immobilienwirtschaftliche Verwertung des Hauses Reichenberger Straße 58 war ein Joint Venture der Fortis Group mit der Zelos Properties, die im Fokus der Aufmerksamkeit stand.

Die Sorgen der Mieter an der Hasenheide 52-53 sind also vor diesem Hintergrund durchaus begründet. Zumal die Java Liegenschaften sich dem Vernehmen nach weigern soll, eine Abwendungserklärung zu unterzeichnen, mit der für 20 Jahre die Aufteilung in Eigentumswohnungen und Luxusmodernisierungen ausgeschlossen wären.

Erst vor einigen Tagen vermeldete der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Ausübung des Vorkaufsrechts für das Haus Mehringdamm 17. Es ist einer von bisher drei ausgeübten Vorkäufen in Berlin dieses Jahr. Gekauft hatte das Haus die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag. Doch insgesamt zieren sich die Wohnungsbaugesellschaften bei der Wahrnehmung der Vorkaufsrechte. Geprüft werden Vorkaufsrechte für weitere Häuser im Bezirk, unter anderem für die Hasenheide 50. Hier soll der Käufer bereits eine Abwendungsvereinbarung akzeptiert haben, ebenso wie in der Friedrichshainer Auerstraße 4 plus 43.

Berlinweit prüften die Bezirke Anfang März rund 40 Vorkaufsrechtsfälle. Tatsächlich ausgeübt wurde das Recht im Jahr 2020 in nur 18 Fällen. Abwendungsvereinbarungen gab es deutlich mehr. Dennoch können Investoren sich gute Chancen ausrechnen, mit ihrem Renditewunsch auf Kosten der Mieter durchzukommen.

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