Supermacs Lust an der »Dragon Lady«

Ein Kapitel Kalten Krieges: Wie der Westen mit U-2-Maschinen die Sowjetunion ausspionieren wollte

Sie spielt die Hauptrolle in der aktuellen Staffel von »Tough as Nails«: Merryl Tengesdals (40) aus Nordkalifornien. In dieser knallharten CBS-Reality-Show geht es um »alltägliche Amerikaner«, die jede nur denkbare Herausforderungen meistern. Ja und? Was ist besonders an Merryl Tengesdals? Sie war Colonel der U.S. Air Force und die erste und bislang einzige schwarze Frau, die das Aufklärungsflugzeug U-2 »Dragon Lady« geflogen hat. Abseits der Show spricht sie ganz offen über ihren einstigen Job im Cockpit des wohl bekanntesten Spionagejets. Ihr erster U-2-Einsatz fand 2005 über Afghanistan statt. Dahin sei sie frisch aus Korea versetzt worden. Tengesdals hat, so sagt sie, niemals »beängstigende Mission« absolvieren müssen, obgleich sie sich schon »unwohl« fühlte, wenn das Flugzeug in Turbulenzen geriet und sich die Tragflächen verbogen.

Dieses Gefühl teilt sie mit inzwischen knapp 1000 Piloten, die die U-2 geflogen haben. So wie Gary Powers. Dessen Name steht in den Geschichtsbüchern, weil der damals 31-Jährige am 1. Mai 1960 in der Region Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) vom Himmel geschossen wurde. Bis dahin schien die U-2 ob ihrer enormen Einsatzhöhe von über 20 000 Meter für die Luftabwehr aller Staaten unerreichbar. In Russland wird die Ruhmestat der sowjetischen Luftabwehr noch immer retuschiert erzählt. So ist auch der Name eines jungen MiG-Piloten, den seine eigenen Kameraden in der Anti-Powers-Hatz versehentlich mit abgeschossen hatten, weiterhin unbekannt.

Für U-2-Piloten hatte es dagegen lebenserhaltende Vorteile, wenn ihre Namen geheim blieben. Obwohl seine U-2 sogar im National Air and Space Museum in Washington ausgestellt ist, war beispielsweise Hervey Stockman so ein »Nobody«. Der Colonel, abgeschossen bei seinem 310. Einsatz über Nordvietnam, war 2093 Tage in Gefangenschaft. Die wäre ihm gewiss noch übler »bekommen«, hätten seine Wächter und deren Moskauer Berater gewusst, dass er der erste U-2-Pilot war, der über der Sowjetunion spionierte. Acht Stunden und 45 Minuten hatte sein CIA-Einsatz gewährt. Gestartet war die U-2 von der Lindsey Air Force Base bei Wiesbaden. Dorthin war das »Detachment A« der U.S. Air Force im Juni 1956 von einer Basis in Großbritannien umgezogen, weil die Regierung in London ihre Zustimmung zu solchen Spionageeinsätzen zurückgezogen hatte.

Dass nun die Bundesrepublik Ausgangspunkt solcher Provokationen zu Zeiten des Kalten Krieges war, teilte Washington der Bonner Regierung freilich nicht mit. Am 4. Juli vor 65 Jahren überquerte Stockman die DDR und Polen und flog dann über die Hauptstadt der belorussischen Sowjetrepublik, Minsk, um dann nach Norden abzudrehen. Nachdem er das Gebiet von Leningrad aufgeklärt hatte, kehrte er über die baltischen Sowjetrepubliken, Estland, Lettland und Litauen, nach Wiesbaden zurück. Die von ihm aufgenommenen Fotos waren von spektakulärer Qualität und übertrafen alles, was Aufklärungsspezialisten bisher gesehen hatten.

Die U-2 trugen keine Nationalitätskennzeichen. Für den damals als unwahrscheinlich erachteten Fall, dass so eine Maschine vom Himmel geholt wird, hatte man einen Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut. Man gab den Piloten Gift mit. Weder Mensch noch Maschine sollten identifizierbar sein. Das Weiße Haus wollte vermeiden, dass die Vereinigen Staaten von Amerika als Auftraggeber dieser dreisten Völkerrechtsverletzungen benannt werden können. Auch weil sie das atomare Potenzial der Sowjetunion nur schätzen konnte, fürchtete die US-Administration Gegenmaßnahmen der Regierung in Moskau.

So kam auch auf die Idee auf, die U-2 mit ausländischen Piloten zu bemannen. Exil-Polen, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite britischer Piloten gegen die Nazis gekämpft und dann im Kalten Krieg mit herkömmlichen Spionage-Maschinen Einsätze über der Ostsee absolvierten, gerieten in den Blick der CIA. Doch der Geheimdienst verfolgte das Projekt - anders als den Einsatz taiwanesischer Piloten gegen China in den 60er Jahren - nicht weiter.

Wie jedoch unlängst vom britischen Verteidigungsministerium freigegebene Akten belegen, wurde die Royal Air Force (RAF) bereits Ende 1957 eingeladen, am U-2-Programm der USA teilzuhaben. Die Briten waren gern bereit, sich an diesem streng geheimen, hochtechnologischen Unternehmen zu beteiligen. Im Februar 1958 stimmte der damalige britische Premierminister Harold Macmillan (Spitzname: »Supermac«) für die Kommandierung von zunächst vier Piloten auf die Laughlin Air Force Base. Dort in Texas wurden sie für den britischen Anteil am US-Spionageprogramm fit gemacht. Codewort: »Oldster«. Schon im November 1958 stationierte man drei dieser vier RAF-Piloten und einen Fliegerarzt als »Detachment B« im türkischen Adana. Der vierte, Squadron-Leader Chris Walker, der als Chef der Gruppe vorgesehen war, kam beim Training in Laughlin ums Leben. Man ersetzte ihn im Januar 1959 durch den gleichrangigen Robbie Robinson. Mit ihm stieß ein Missionsplaner zu dem Team. Sie alle trugen Zivilkleidung.

Die RAF ging anfangs von sechs Überflüge über der Sowjetunion in den ersten drei Monaten des Jahres 1959 aus. Zudem wollte man monatlich bis zu zwei Flüge über den Nahen Osten absolvieren. Die endgültige Genehmigung für jeden Einsatz sollte 24 Stunden vor dem geplanten Start beim Premierminister eingeholt werden. Bei allem britischen Hoheitsgehabe - klar ist, dass die detaillierte Planung für jeden Einsatz im U-2-Hauptquartier der CIA erfolgte. Ein RAF-Wing Commander, Norman Mackie, war dort als Verbindungsoffizier stationiert.

Wie aber tarnte man die Kumpanei mit den US-Spionen? Es ginge, so sagte die Regierung in London, um »meteorologische Forschung« und gründete eigens dafür ein kommerzielles Meteorological Office. Am 7. Dezember 1958 holte man sogar eine U-2 für zwei Wochen auf die RAF-Basis Watton und lancierte dazu im »Meteorological Magazine« eine Meldung, laut der die USA zwei High-Tech-Flugzeuge zur Klimaforschung an Großbritannien ausgeliehen hätten. Im selben Monat hatte Macmillan - der britische Premier war der Sohn eines schottischen Verlegers und einer US-amerikanischen Mutter - mit dem damaligen US-Präsidenten und Vier-Sterne-Weltkriegshelden Dwight D. Eisenhower bereits vereinbart, dass jeweils das Land die Verantwortung für etwaige »Pannen« übernehmen sollte, dessen Pilot am Steuer saß.

Ende 1958 kam es zur ersten operativen U-2-Mission des Vereinigten Königreichs. Die Maschine überflog Ägypten, Syrien und Jordanien. Der britische Premier sei »sehr beeindruckt« gewesen, als man ihm am 4. Februar 1959 die gewonnen Spionagebilder vorlegte. In den nächsten 15 Monaten folgten daher weitere 18 Nahost-Missionen. Die einzige Einschränkung, die Macmillan verfügte: Israel durfte nicht überflogen werden.

Anfang 1959 begannen dann die Planungen für die Operation »Marshland«. Dabei ging man davon aus, dass die Sowjetarmee an der Grenze zu Pakistan noch kein Frühwarnradar installiert hatte. So holte der britische Hochkommissar bei Ayub Khan die Erlaubnis ein, eine U-2 in Peshawar starten zu lassen. Dem pakistanischen Präsidenten war allerdings gesagt worden, dass es sich um eine elektronische Geheimdienstmission entlang der sowjetischen Grenze handelt. Ein mögliches politische Tauwetter dämpfte jedoch vorerst Whitehalls Lust auf riskante U-2-Missionen. »Sumpfland« fiel aus, wohl aber nutzte im Juli 1959 ein US-Pilot die britischen Planungen. Um die Briten neu zu motivieren, flogen die beiden ranghöchsten US-Geheimdienstmitarbeiter des U-2-Projekts Ende Oktober nach London und informierten die Bundesgenossen über den Erfolg von »Touchdown«.

Das Kalkül ging auf. Im November lagen Pläne für eine britische Operation namens »High Wire« und damit für acht Spionageeinsätze über der Sowjetunion in der Downing Street 10 vor. Am Morgen des 6. Dezember 1959 hob dann Sqn Ldr Robinson ab. Er überflog Flugzeugwerke in Kuibyschew (heute Samara), drehte nach Südwesten, um eine Bomberbasis in Saratow und das Raketentestgelände Kapustin Jar zu fotografieren. Flugdauer: acht Stunden. Flugstrecke: 3600 Meilen. Washington gratulierte der RAF »zu der guten, professionellen Leistung«.

Der Erfolg machte offenbar süchtig. Macmillan nickte die Operation »Knife Edge« ab, die ebenfalls in Peshawar starten und in Adana endete. Lieutenant John MacArthur flog über neue sowjetische Radar- und Boden-Luft-Raketenstandorte, Raketentest- und Abschusseinrichtungen, eine Militärwerft, Waffenfabriken und fast 100 Flugplätze. In Kasan erfasste die Kamera seiner U-2 ein bisher unbekanntes Überschallbomberflugzeug, das später als Tu-22 »Blinder« identifiziert wurde. Es folgten Planungen für die Operation »Square Deal«, die unter anderem das sowjetische Atomtestgelände in Semipalatinsk zum Ziel hatte. Geflogen ist allerdings wieder ein US-Pilot. Als Landeplatz war die Luftwaffenbasis Zahedan im Norden des Iran ausgesucht worden. Der inzwischen misstrauisch gewordene pakistanische Machthaber Ayub Khan wurde mit der Lieferung von »Starfighter«-Kampfjets bei Laune gehalten.

Langsam bekam die britische Regierung doch »kalte Füße«. Zu Recht, denn die Sowjetunion hatte inzwischen ihre Radarlücke geschlossen. Die Operation »Grand Slam«, zu der US-Pilot Gary Powers am 1. Mai 1960 in Pakistan gestartet war, wurde für die Himmelsspione zum Desaster und für die Politiker zu einem neuen Tiefpunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West. London zog seine »Klimaforscher« zwar rasch aus der Türkei ab. Sicher jedoch ist: Bis in die frühen 70er Jahre blieb die RAF mit zwei Piloten, einem Planer und einem Fliegerarzt am U-2-Programm beteiligt.

Das ist - trotz neuer High-Tech-Satelliten - noch immer nicht am Ende. TV-Star und Ex-Colonel Merryl Tengesdals findet es nämlich »verdammt cool«, dass dieses alte Flugzeug so viel Potenzial hat, um mit künstlicher Intelligenz nachgerüstet zu werden. Erste Erfahrungen dabei sammelte die U.S. Air Force bereits im vergangenen Jahr. Über welchem fremden Territorium? Das bleibt geheim.

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