In Nordirland knallt es

Militante Protestanten schüren Krawalle in Belfast und in weiteren Orten im britischen Teil der Insel

  • Von Dieter Reinisch
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Nacht auf Donnerstag kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen in der nordirischen Hauptstadt Belfast. Am späten Nachmittag versammelten sich Hunderte Jugendliche entlang der Mauer im Westen der Stadt, die die irisch-katholischen von den loyalistisch-protestantischen Wohnvierteln trennt. Molotowcocktails, Brandsätze und andere Wurfgeschosse wurden von der loyalistischen Seite der Shankill Road über die meterhohe Betonmauer auf die katholische Seite geworfen.

Der Lanark Way führt von der loyalistischen Shankill Road durch die »Friedensmauer« in die Springfield Road nahe der katholischen Falls Road. Die paramilitärische Ulster Defence Association (UDA) besitzt hier großen Einfluss. Sie stachelte die Jugendlichen an, Mülltonen in Brand zu setzen und Katholiken auf der anderen Seite der Mauer und die nordirische Polizei PSNI mit Brandsätzen anzugreifen. An der Kreuzung Shankill Road/Lanark Way wurde ein Doppeldeckerbus der Verkehrsbetriebe angezündet. Die Passagiere und der Fahrer konnten sich retten und blieben unverletzt. Die nordirische Regierungschefin Arlene Foster von der protestantischen und pro-britischen DUP bezeichnete den Angriff als »versuchten Mord«.

In den Nachtstunden rammten Loyalisten zudem das Eisentor am Lanark Way mit einem Fahrzeug und konnten es so durchbrechen. Auf der anderen Seite hatten sich Hunderte zumeist jugendliche Katholiken versammelt, die, ebenfalls mit Brandsätzen und Wurfgeschossen, das Eindringen der Loyalisten in ihren Stadtteil verhinderten. Die Polizei hatte sich bereits früh zurückgezogen und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung.

Am Rande der Ausschreitungen wurde der Fotograf des »Belfast Telegraph« Kevin Scott tätlich angegriffen und seine Kamera beschädigt. Er berichtete, dass er von zwei Vermummten am Cupar Way überfallen wurde, die ihn als »Fenian cunt« - ein sektiererisches Schimpfwort für irische Katholiken - bezeichneten, der sich »in seine Gegend verabschieden« solle.

Auch im Norden Belfasts kam es zu Unruhen. In der North Queen Street wurde die Polizei von Loyalisten angegriffen, am Henry Place wurden mit brennenden Reifen Straßensperren errichtet.

In den vergangenen Tagen hatte es bereits in mehreren Gegenden ähnliche Straßenschlachten gegeben, so in Derry, in der loyalistischen Sandy Row in Südbelfast, in Ballymena und Newtownabbey. Etwa 50 Polizisten wurden verletzt.

Anfang März hatte das Loyalist Community Council (LCC), das die loyalistischen Paramilitärs vertritt, einen Brief an den britischen Premier Boris Johnson gesandt. Darin wurde die loyalistische Unterstützung für das Karfreitagsabkommen von 1998 aufgekündigt und vor Ausschreitungen gewarnt, falls nicht das Nordirland-Protokoll aus dem Brexit-Vertrag gestrichen werde, wonach aus Großbritannien nach Nordirland eingeführte Waren kontrolliert werden müssen.

Der Brexit ist aber nur ein Katalysator für die jetzigen Proteste. Die Proteste sind ein Ausdruck allgemeinen Unmuts unter den protestantischen Arbeitern und Jugendlichen über die Wirtschaftskrise und den Verlust ihrer dominierenden Stellung durch den Friedensprozess. Die loyalistischen Paramilitärs versuchen, mit den Aktionen ihre Kontrolle über die Arbeitergebiete zu festigen.

In den letzten Jahren kommt es in Nordirland regelmäßig zu Gewaltausbrüchen. Als der Belfaster Stadtsenat im Dezember 2012 beschloss, den britischen Union Jack nicht mehr täglich zu hissen, gab es wochenlange Unruhen, da Loyalisten den Verlust der britischen Identität Nordirlands befürchteten. Die heißeste Phase ist traditionell im Sommer, wenn Loyalisten am 12. Juli in Aufmärschen der Schlacht an der Boyne im Jahr 1690 gedenken. Dieses Jahr gab es bereits über Ostern illegale Aufmärsche loyalistischer Musikkapellen, die den Paramilitärs nahestehen.

Die aktuellen Krawalle werden von allen nordirischen Politikern verurteilt. Am Donnerstag tagte das Lokalparlament in Stormont in einer Sondersitzung. Das LCC schweigt bisher zu den Ereignissen.

Für das Wochenende sind weitere Proteste und illegale Paraden angekündigt. Es wird mit erneuten Ausschreitungen gerechnet. Während in Deutschland mancherorts noch Schnee fällt, hat im verregneten Nordirland politisch bereits im April ein langer, heißer Sommer begonnen.

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