Die Hohenzollern auf dem Podest

Wie eine Ausstellung in Saarbrücken alten Nationalismus neu restauriert.

  • Von Erich Später
  • Lesedauer: 9 Min.

Das Historische Museum des Saarlandes ist stolz: auf den Erwerb von sieben Bildern des Hofmalers der Hohenzollern Anton von Werner (1853-1915). Der wie ein Wunder gefeierte Kauf der Gemälde, die der Günstling von Kaiser Wilhelm I. und II. zur Feier des Sieges über Frankreich und der Gründung des Deutschen Kaiserreiches in den Jahren zwischen 1871 und 1880 angefertigt hat, versetzte die Leitung des Museums und die regionale Presse in Verzückung. Es sei ein 55 Quadratmeter großes Denkmal auf Leinwand, ein monumentaler regionalhistorischer Schatz, ein nationales preußisches Denkmal - ein Highlight. Die Restaurierung des in echtem Gold gerahmten Bismarcks wurde sogar live aus dem Museum übertragen. Die großformatige Werbung hierfür übernahm unter anderem der »Saarbrücker Wochenspiegel«, ein an Haushalte verteiltes Anzeigenblatt. Die Bilder waren ursprünglich in einem eigens für sie eingerichteten Anbau des Alt-Saarbrücker Rathauses zu sehen. Dieser ist nun als 3-D-Simulation in einer Ausstellung nachgebildet.

Der Zyklus beginnt mit der Anfang August 1870 ausgefochtenen Schlacht auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, es folgen Porträtbilder von Helmuth von Moltke, des Chefs des Preußischen Generalstabs, von Reichskanzler Bismarck, der Hohenzollernprinzen Friedrich und Friedrich Karl, von Victoria als Sinnbild der Vereinigung von Nord- und Süddeutschland und als Höhepunkt: »Der Einzug seiner Majestät vom 9. August 1870«. Auf fünf mal dreieinhalb Meter wird der Einzug des preußischen Königs und späteren deutschen Kaisers Wilhelm I. in Saarbrücken gezeigt. Die Besucher erfahren jedoch nichts über die blutige Vergangenheit des preußischen Königs, der als oberster Konterrevolutionär von 1848/49, als »Kartäschenprinz«, politisch und moralisch verantwortlich war für den Tod Hunderter Menschen, die in Berlin und Südwestdeutschland für eine demokratische Verfassung eingetreten sind.

Nach Bismarck soll nun auch die Restaurierung dieses gigantischen Bildes öffentlich vollzogen und live übertragen werden. Über den Maler Anton von Werner erfährt der Besucher jedoch nur wenig. Er sei konservativ in seinem Frauenbild gewesen und habe die Moderne in der Malerei abgelehnt. Eine schöne Umschreibung für die Tätigkeit Werners als einer der mächtigsten Kulturpolitiker des Deutschen Kaiserreichs. Besonderen Wert legte er darauf, Frauen von der zentralen Berliner Hochschule für bildende Künste fernzuhalten, deren Direktor er über 40 Jahre war. Frauen konnten seiner Ansicht nach nicht kreativ sein, der Zugang zu Ausstellungen und die Möglichkeit, mit Kunst Geld zu verdienen, wurden von ihm systematisch verhindert. Ein Gesuch von 92 Künstlerinnen aus dem Jahr 1904 - darunter Käthe Kollwitz -, in dem Werner gebeten wurde, die Hochschule auch für Frauen zu öffnen, blieb erfolglos. Werner und sein Mentor Kaiser Wilhelm II. titulierten den sozialkritischen Expressionismus von Käthe Kollwitz als »Rinnsteinkunst«. Diese produzierte in den Augen Werners auch Edvard Munch, dessen Ausstellung in Berlin 1892 nach der Intervention von Wilhelm II. abgebrochen wurde.

Ein enger Mitarbeiter und Schüler von Werners, den die Ausstellung ebenfalls unterschlägt, war der Kriegsmaler Carl Röchling aus Saarbrücken. Dieser unterstützte ihn bei der Produktion seiner Kriegspanoramen und Monumentalbilder. Röchling war zudem Teilnehmer der deutschen »Strafexpedition« nach China zur Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstandes im Jahr 1900. Wilhelm II. hatte in seiner berüchtigten »Hunnenrede« in Bremerhaven dazu aufgerufen, keine Gefangenen zu machen. Röchlings Gemälde einer vorwärtsstürmenden Truppe trägt den Titel »The Germans to the Front« und ist bis heute das berühmteste Bild zur Verherrlichung des deutschen Imperialismus.

Saarabien

Nach der blutigen Schlacht auf den Spicherer Höhen und dem deutschen Sieg über Frankreich wurde im Schloss von Versailles am 18. Januar 1871 das Deutsche Reich gegründet. Fortan wurden die rund um Saarbrücken liegenden Schlachtfelder und zahllosen Kriegsdenkmäler zu Pilgerorten der deutschen Nationalisten und Militaristen. Unumgänglich war die Besichtigung des sogenannten Saarbrücker Rathauszyklus von Werners als Symbol des Triumphs über Frankreich. Saarbrücken wurde von der nationalistischen Propaganda als Preußens Bollwerk im Westen gerühmt, und die Spichern-Feiern, die in Saarbrücken bereits 1871 begannen, wurden zum zentralen Bezugspunkt. »Die Züge«, schreibt der Historiker Fabian Trinkaus, »liefen nach streng militärischem Ritus ab, waren geschmückt mit Fahnen und wurden begleitet von nicht enden wollender Militärmusik. Während der Feierlichkeiten war die gesamte Stadt mit nationaler und militärischer Symbolik ausstaffiert.« Noch 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, feierte man dort den Sieg über Frankreich.

Die militaristische und nationalistische Propaganda diente der ideologischen Absicherung einer zutiefst ungerechten politischen und gesellschaftlichen Ordnung. Die Jahrzehnte zwischen Reichsgründung 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 transformierten die Saarregion zu einem industriellen Ballungsgebiet. In diesem waren Arbeiterparteien und Gewerkschaften bis 1918 unerwünscht, der preußische Militärstaat und die Eigentümer der großen Hüttenwerke, die Familienclans der Stumm- Halbergs und Röchlings, bekämpften die »Reichsfeinde« mit allen Mitteln der sozialen und politischen Repression. Das Land wurde als »Saarabien« bezeichnet, um den Despotismus und die staatliche Unterdrückung der Arbeiterbevölkerung zu kennzeichnen. Die Einübung von Gehorsam und Unterordnung, eine Kultur der Angst und des Konformismus durchzogen die gesellschaftliche Struktur des Saargebiets über Generationen hinweg. Die mächtige katholische Kirche leistete Schützenhilfe, sollte der Bevölkerung ein bescheidenes und gehorsames Leben predigen.

»Deutsch ist die Saar«

Zwischen dem 1. August 1914 und dem 11. November 1918 wurde auf französischem Territorium auf einer Länge von fast 500 Kilometern die blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs ausgetragen, mit immensen materiellen Verheerungen und menschlichen Verlusten. Die Französische Republik, die 1914 knapp 40 Millionen Einwohner zählte, hatte fast 1,4 Millionen tote Soldaten zu beklagen. Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 glaubten die meisten französischen Experten, dass ein mehrere hundert Kilometer langer, zehn bis 25 Kilometer breiter Teil des Landes für immer unbewohnt bleiben würde.

Im Friedensvertrag von Versailles 1919 wurden Frankreich als ökonomische Kompensation seiner Kriegsschäden die dem preußischen Staat gehörenden Saargruben mit etwa 70 000 Beschäftigten zugesprochen. Das am 10. Januar 1920 in Kraft tretende Saarstatut schuf ein neues politisches Gebilde. Das Industriegebiet und die Siedlungsräume der Arbeiterschaft wurden vom preußischen und bayerischen Teil des Deutschen Reiches abgetrennt und der Verwaltung des neu gegründeten Völkerbundes unterstellt. 1935 sollte dann in einer Volksabstimmung über die territoriale Zugehörigkeit des Gebietes entschieden werden.

Das Gebiet umfasste fast 2000 Quadratkilometer mit 800 000 Einwohnern und ist territorial nahezu identisch mit dem heutigen Bundesland Saarland. Die Bevölkerung erhielt damals zum ersten Mal das Recht, Gewerkschaften und Parteien zu bilden. Bis 1935 blieb die katholische Zentrumspartei mit fast 50 Prozent der Wählerstimmen die führende politische Kraft, die Kommunisten und Sozialdemokraten repräsentierten nie mehr als 30 Prozent der Bevölkerung. Politisch und kulturell entwickelte sich hier ein deutscher Nationalismus, der zur hegemonialen Massenbewegung mutierte. Die »geistige Mobilmachung« gegen die französische Kultur und Sprache, gegen die Traditionen der Französischen Revolution waren integraler Bestandteil der Indoktrination, die sich materiell in dem Bau von Kriegerdenkmälern, Hindenburgtürmen und einer nationalistischen Vereins- und Feierkultur niederschlug.

Widerständige Saarländer

Der deutsche Nationalismus an der Saar war anschlussfähig an die extreme Rechte der Weimarer Republik und konnte sich mit allen seinen Ausprägungen nach dem 30. Januar 1933 mit der NS-Massenbewegung zur »Deutschen Front« (DF) vereinigen. Es war der Führer der kleinen militanten saarländischen Sozialdemokratie, Max Braun, der sich von Anfang an der Barbarei und dem Massenterror entgegenstellte, das Saargebiet als letzte Bastion der Demokratie und Menschenwürde in Deutschland zu verteidigen versuchte. Nach schweren innerparteilichen Auseinandersetzungen beschlossen KPD und SPD im Juni 1934 die erste Einheitsfront gegen die drohende Rückgliederung des Landes. Auch ein kleiner Teil des politischen Katholizismus verweigerte sich der Einverleibung ins Hitlerreich und kämpfte unter der Führung des Journalisten Johannes Hoffmann einen mutigen, aber aussichtslosen Kampf gegen die sich formierende NS-»Volksgemeinschaft«. Am 13. Januar 1935 stimmten mehr als 90 Prozent der Saarländer für den Anschluss an Nazideutschland. Der freiwillig und freudig vollzogene Anschluss hat in der Folge Zehntausenden Saarländern das Leben gekostet und deren Heimat gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in eine Trümmerwüste verwandelt. »Deutsch bis zum Grab«, verhieß die gern gesungene Strophe aus der Hymne der Nazis; »Deutsch ist die Saar« hat sich bewahrheitet.

Die am 15. Dezember 1947 verabschiedete saarländische Verfassung war die politische Antwort der katholischen und sozialistischen Widerstandskämpfer auf Deutschlands politischen und moralischen Bankrott. Ein Programm staatlicher Autonomie und die enge Anbindung an die Französische Republik spiegelten einen Geist radikalen politischen Neubeginns. Ausdruck dieser republikanischen Modernität war auch eine fortschrittliche Sozialpolitik und eine Bildungsoffensive, die 1948 in der Gründung der Universität des Saarlandes gipfelte. Das saarländische Staatsbürgergesetz aus dem gleichen Jahr brach radikal mit der deutschen Abstammungsgemeinschaft. Für ihren politischen Bruch mit Deutschland wurden jedoch Hoffmann und seine politischen Verbündeten von den deutschen Nationalisten aller Couleur gehasst. Die Abstimmung über das europäische Saarstatut, das dem Land die endgültige Unabhängigkeit von Deutschland gebracht hätte, wurde von den Nationalisten zu einer Abstimmung gegen das verhasste »Emigrantenregime« stilisiert. Im Oktober 1955 votierten knapp 68 Prozent der Saarländer gegen die Unabhängigkeit des Landes und für den erneuten Anschluss an Deutschland, exakter: an die Bundesrepublik Deutschland. Die folgende Machtübernahme der Nationalisten und ehemaligen Nazis war begleitet von einem Amoklauf gegen die antifaschistische Erinnerungskultur der ehemaligen saarländischen Republik

In der Ankündigung für die Ausstellung im Historischen Museum und in Artikeln der »Saarbrücker Zeitung« wird suggeriert, dass die Bilder von Werners Ende 1944 aus dem Museum verschwunden seien und erst nach einer langen Irrfahrt nun nach Saarbrücken heimkehren. Das ist schlicht falsch. Die französische Besatzungsmacht und die saarländischen Antifaschisten haben 1945, wie überall in Deutschland, Monumente und Überlieferungen des Militarismus aus dem öffentlichen Raum entfernt. Nach dem erneuten Anschluss an Deutschland witterten die radikalen Rechten im Saarland Morgenluft, von Werners Bilder wurden zu ihrem Objekt der Begierde.

Die Rückkehr eines Militaristen

In der Stadtratssitzung vom 25. September 1956 wurde die Topographie von Saarbrücken im Sinne der alten und neuen Nationalisten und Faschisten radikal verändert. Seitdem ist Saarbrücken die einzige Landeshauptstadt, in der Nazis, preußische Generäle, die Hohenzollern und ihr Reich, Kolonialschlächter und lokale Feudalherren für würdig gehalten werden, in der Öffentlichkeit geehrt zu werden. In jener Stadtratssitzung war beschlossen worden, die Bilder Anton von Werners zu restaurieren und öffentlich zu präsentieren. Für die Restaurierung wurden umgerechnet rund 10 000 DM bereitgestellt. Begleitet wurde dieser Beschluss von einer Kampagne gegen moderne, »entartete« Kunst von Emigranten, die das Saarlandmuseum zu Zeiten des autonomen Saarlandes in den frühen 1950er Jahren erworben hatte, darunter »Das blaue Pferdchen« von Franz Marc. Diese Kunst sollte entfernt werden, um Platz für die von Werner-Bilder zu schaffen. Es ist unklar, warum dessen Gemälde schließlich doch nicht wieder aufgestellt wurden. In der Ausstellung des Historischen Museums ist darüber auch nichts zu erfahren. Man kann nur vermuten, dass die Französische Republik, deren Kultur und Sprache einer widerwärtigen Kampagne im Saarland ausgesetzt war, Einspruch erhoben und man hier die Notbremse gezogen hat.

Nach fast 60 Jahren hat Anton von Werner nun doch auf fragwürdige Weise »heimgefunden«. Nach Ende der Ausstellung sollen die Gemälde des Rathauszyklus für den »Leihverkehr und eine kontroverse Ausein-andersetzung auch in anderen Museen« zur Verfügung stehen.

»Monumente des Krieges. Der Rathauszyklus Anton von Werners und unser Bild vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71«, bis zum 31. Oktober im Historischen Museum Saar.

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