Isoliert die Isolierten

Das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga sei sicher, heißt es. Unser Autor fragt sich aber, warum jetzt drei Spiele der Zweiten Liga ausgefallen sind.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Mittwoch war ich beim Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen Zwickau. In einem Stadion, in das 50 000 Menschen passen, saß ich defensiv geschätzt 50 Meter vom nächsten Menschen entfernt. Die Maske blieb trotzdem über 90 Minuten auf. So sehen es auch die Vorschriften vor, die DFB und DFL für Journalisten erlassen haben. Man gewöhnt sich daran.

Offensichtlich hat man sich längst auch daran gewöhnt, wie sich zu Coronabedingungen Fußballspiele auf dem Rasen abspielen. Denn es fiel mir erst zwei Tage später auf, wie grotesk es war, was sich nach genau dem Spiel ereignet hatte: Nach dem Schlusspfiff hatte es etwa zehn Minuten gedauert, bis sich ein Knäuel aus rund 30 wütenden Spielern einigermaßen entwirrt hatte. Die komplette Belegschaft aus Zwickauer und Lauterer Spielern hatte nämlich beschlossen, nach einem turbulenten Spiel noch mal ein paar Dinge zu diskutieren. Es gab jede Menge zu schubsen, zu brüllen und zu rempeln. Am Samstag war ich dann auch wieder im Stadion. Die fünf Tore, die beim Dortmunder Sieg in Stuttgart fielen, wurden so bejubelt wie alle anderen Tore in den Ligen eins bis vier. In großen Trauben aus sich herzenden und küssenden Menschen.

Kein Vorwurf an die Spieler, denen man kaum vorhalten kann, dass sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, wenn ihnen ihr Umfeld vermittelt, dass es keinen Grund gibt, sich anders zu verhalten. Die Spieler leben in einer Blase, in der ihnen vermittelt wird, dass Corona etwas Schlimmes ist, das überall auf der Welt tobt - allerdings dank eines wunderbaren »Hygienekonzeptes« nicht in deutschen Bundesligastadien. In dieser Blase herrscht darüber hinaus die Überzeugung, dass das, was in ihr passiert, keinerlei Bezug zum Rest der Gesellschaft hat. Kinder, die am Samstagabend die Jubelszenen der Stars sehen, sind sicher alt genug, um zu begreifen, dass sie selbst sich natürlich beim Bolzen ganz anders verhalten müssen. Ach so, die dürfen ja gar nicht spielen.

Zuletzt hat es nicht mehr ganz so gut geklappt mit dem Mantra von der coronafreien Fußballwelt. In der zweiten Liga mussten am Wochenende drei der neun Spiele abgesetzt werden. Sandhausen und Karlsruhe sind in Quarantäne, Regensburg und Hannover hat es auch schon erwischt. Kiel ist nun schon zum zweiten Mal dran. Auch in der ersten Liga hat jede Mannschaft schon mehrere Corona-Fälle gemeldet, am Samstag wurde ein Bielefelder Spieler positiv getestet, der tags zuvor noch gespielt hatte. Auch in der Bundesliga dürfte jede Mannschaft im Schnitt um die vier positiv getestete Spieler gehabt haben, in Hoffenheim waren es über ein Dutzend.

Man könnte sich eigentlich darüber wundern, dass die DFL mit ihrem eigenen Konzept ähnlich verfährt, wie es einst in den 90ern der Arbeits- und Sozialminister (»Die Rente ist sicher«) mit der Altersvorsorge tat. Noch erstaunlicher ist, dass so viele Journalisten das auch noch kolportieren. Selbst beim lächerlichen Versuch, dem Karlsruher SC eine Stellungnahme abzunötigen, um so zu tun, als habe der nur das Hygienekonzept nicht beherzigt, blieb es medial recht ruhig. Immerhin: Die Lokalpresse stellte die naheliegende Frage, ob nur KSC-Spieler derzeit Kontakt zu ihren Ehefrauen und Kindern haben. Und vielleicht auch mal ganz kurz montags einem Kollegen näher als eineinhalb Meter kommen, den sie tags zuvor noch beim Torjubel heftigst herzen durften.

Dass das Ganze aus den eigenen Reihen nicht thematisiert wird, ist klar. Die Vereine sind schließlich heilfroh, dass sie weiterspielen können. Ansonsten drohte der Wegfall der Fernsehgelder und damit für viele der finanzielle Ruin.

Das Allermindeste wäre es nun, ab sofort alle Spieler zu isolieren und die Mannschaften für den Rest der Saison in »Corona-Trainingslager« zu schicken. Dass dem Fußball genau das nicht längst auferlegt wurde, gehört zu den etwa 283 Versäumnissen der Politik.

Genau so wird es nun allerdings kommen. Natürlich nicht weil der Profifußball entdeckt hätte, dass er den Kontakt zum Leben im Rest der Gesellschaft endgültig verloren hat. Sondern weil er sonst die Saison aller Voraussicht nach schon sehr bald abbrechen müsste. Erst in der zweiten. Und dann in der ersten Liga.

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