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Negative Energien

Bayern München spielt 1:1 gegen Union Berlin - und hat nicht nur Paris im Kopf

  • Von Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Sonntag ging es um Schadensbegrenzung - und Herbert Hainer hatte sich ganz offensichtlich vorgenommen, die Dynamik auszubremsen und die Debatten einzudämmen. Gewiss seien Trainer Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic »zwei meinungsstarke Typen«, sagte der Präsident des FC Bayern, doch es werde »eine Menge hineininterpretiert«. Vielmehr sei es so: »Wir haben intern ein intaktes Verhältnis«, trotz zuweilen unterschiedlicher Ansichten. »Die müssen auch kein Liebespaar sein«, befand Hainer weiter, und was die Zukunft angehe von Flick und Salihamidzic, die beide über einen Vertrag bis 2023 verfügen, sei man »ganz klar der Überzeugung: Wir wollen mit beiden arbeiten.« Ob Flick also auch in der kommenden Saison Trainer des FC Bayern sein werde? »Davon gehe ich fest aus«, sagte Hainer. Und die Debatte um Flick als möglicher Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw? »Das ehrt uns, wenn unser Trainer so hoch gehandelt wird, aber wir sind ja eher Opfer«, antwortete Hainer. Schließlich sei diese freiwerdende Stelle ein DFB-Thema, »und wir sollen uns permanent darüber äußern«.

Es war ein Auftritt, der zumindest in der Presseabteilung des Vereins für Begeisterung gesorgt haben dürfte. Denn Hainer hatte in der Sendung des Bezahlsenders Sky seine ganze Routine im Umgang mit delikaten Themen aus seiner Zeit als Vorstandschef des adidas-Konzerns ausgespielt. Hätte die Mannschaft des FC Bayern eine solch stabile Defensive, müsste ihr vorm Rückspiel im Viertelfinale der Champions League an diesem Dienstag bei Paris Saint-Germain trotz der 2:3-Niederlage aus dem Hinspiel kaum bange sein. Doch nicht nur sportlich blieb vom 1:1 in der Liga mit vielen Ergänzungsspielern gegen Union Berlin am Samstag und von Hainers Auftritt tags darauf der Eindruck zurück, dass der 66-Jährige gerade die stabilste Figur abgibt im Verein. Die Debatten so ruhig kleinzureden, das muss man erst einmal hinbekommen. Es war zuvor keinem anderen Münchner gelungen, im Gegenteil.

Die Szenen und Aussagen des Samstags widersprachen Hainers Darstellungen ja oft deutlich. Wie nach Jamal Musialas geschmeidigem Solo durch Unions Strafraum samt Abschluss zum 1:0 (68.). Flick und Salihamidzic gingen sich beim Torjubel sogar mit ihren Blicken aus dem Weg, und als sie sich beide wieder auf ihren Bankplätzen niedergelassen hatten, trennten sie mehrere Plexiglasscheiben und dazwischen auch noch Co-Trainer Hermann Gerland, der wie ein Sicherheitspuffer wirkte - und wegen seines Grinsens wie ein Schelm.

Die Eindrücke von der Tribüne sprachen ebenfalls nicht für Friede, Freude, Eierkuchen beim FC Bayern. Ehrenpräsident Uli Hoeneß ließ den Kopf sinken und fasste sich mit den Händen an den selbigen nach Marcus Ingvartsens 1:1 (86.). Zudem sah man ihn im angeregten Gespräch mit Hainer. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sah man mit Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen. Nur Oliver Kahn, Rummenigges Nachfolger ab Jahresende, war allein zu sehen - er hält sich noch zurück. Und wenn es um den Zwist mit Salihamidzic und seine Zukunft ging, sagte Flick an diesem Nachmittag ständig entnervt: »Nächste Frage.« Später fragte er rhetorisch: »Meinen Sie, mir macht das Ganze Spaß?«

Nur noch mal kurz zur Erinnerung: Das Spiel in Paris ist in dieser Saison das bisher wichtigste für den FC Bayern, der gegen Union auf neun Spieler verzichten musste und vor der Reise zu PSG sehr darum bangt, ob Leon Goretzkas muskuläre Blessur vielleicht doch einen Einsatz erlaubt. Die nach dem Union-Spiel leicht angeschlagenen Kingsley Coman und Jérôme Boateng sollen mitwirken können. Bei Lucas Hernández hat Flick zumindest mehr Hoffnung als bei Goretzka. Weltfußballer Robert Lewandowski, Serge Gnabry und Niklas Süle fallen dagegen ebenso sicher aus wie Corentin Tolisso, Douglas Costa und Marc Roca. Ein Sieg mit zwei Toren Unterschied oder einer mit mindestens vier eigenen Toren muss her, damit der Titelverteidiger ins Halbfinale einzieht. Falls nicht, wäre die Saison so gut wie gelaufen: Raus in Europa im Viertelfinale, raus im DFB-Pokal schon in der zweiten Runde beim Zweitligisten Kiel. Bliebe bei noch fünf Punkten Vorsprung auf Verfolger Leipzig der voraussichtlich neunte Meistertitel in Serie. Auch um dieses für Münchner Verhältnisse vergleichsweise enttäuschende Szenario zu vermeiden, appellieren nun schon die Spieler an ihre Vorgesetzten, den Hauskrach beim FC Bayern zumindest ruhen zu lassen.

»Was da auf uns einprasselt, das müssen wir weglassen, weil wir einfach positive Stimmung brauchen«, sagte Torwart Manuel Neuer, »wir brauchen positive Energie, und die wollen wir auf dem Platz auch umsetzen.« Ob das Team genervt sei von den Debatten um Flick und Salihamidzic? »Ein bisschen mehr Ruhe drum herum wäre auf jeden Fall gut für uns«, antwortete der Kapitän und ergänzte: »Die Nebengeräusche sind nicht schön.« Auch Thomas Müller sieht das wohl so, er sagte: »Wir alle tun gut daran, ein bisschen die Glut zu löschen.« Genau deshalb hielt er sich aber lieber raus und seine Meinung zurück. Und wie es seine Art ist, versuchte er es mit Situationskomik, indem er Flick nachahmte. »Nächste Frage«, sagte Müller und lachte.

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