Unter Freunden

In der irren Dokumentation »Der Maulwurf« schleusen sich zwei Draufgänger undercover in Nordkorea ein und zeigen, wie das Land mit willigen Komplizen internationale Sanktionen umgeht

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine der ungeklärten Fragen der Menschheit: Wie haben es zwei Hochstapler geschafft, zehn Jahre unentdeckt zu schnüffeln?
Eine der ungeklärten Fragen der Menschheit: Wie haben es zwei Hochstapler geschafft, zehn Jahre unentdeckt zu schnüffeln?

Das Kino, die große Illusionsmaschine, hat unser Bild von Geheimagenten fiktional nachhaltig getrübt, besser noch: geblendet. Spätestens seit 007 gelten Spione schließlich als smarte Womanizer mit Sportwagen, Smoking und Lizenz zum Töten von Superschurken wie Ernst Stavro Blofeld. Da ist es mindestens eigenartig, dass ein Spion namens Ulrich Larsen ausgerechnet jenem Bösewicht ähnelt, den James Bond gleich achtmal erledigen durfte, aber selten gewöhnlicher aussah als in »Man lebt nur zweimal«.

Haarausfall, Kommissjacke, Schlafzimmerblick, das ist Ulrich Larsen. Er ist ein dänischer Koch, der einerseits das unglamouröseste Land des Planeten ausspioniert und andererseits nicht vom britischen MI6 nach Nordkorea entsendet wird, sondern von seinem Landsmann Mads Brügger - dem vielleicht originellsten Dokumentarfilmer unserer Zeit. Kein Wunder, dass er die originellste Dokumentation des Jahres verantwortet.

Sie heißt »The Mole« (»Der Maulwurf«) und ist ähnlich unfassbar wie ihr Regisseur. Weil die skandinavische Version von Michael Moore, auch als »intellektueller Borat« bekannt, seit der Politcomedy »The Red Chapel« Einreiseverbot hat, schleust Brügger einen Maulwurf ins steinzeitstalinistische Terrorregime ein. Grabungsziel: aufzuzeigen, dass Nordkorea nicht nur internationales Recht bricht, sondern dafür - schlimmer noch - willfährige Komplizen in aller Welt findet. Einige davon sind Teil der »Korean Friendship Association« (KFA), eine Sammlung altlinker Betonköpfe, die Brüggers Lockvogel unterwandert.

Getarnt als Verehrer des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un gewinnt Larsen zunächst das Vertrauen des spanischen KFA-Vorsitzenden Alejandro Cao de Benós de Les y Pérez un damit auch das der nordkoreanischen Führung. Beiden jubeln Larsen sodann »Mr. James« unter - angeblich ein norwegischer Milliardär auf der Suche nach lukrativen Deals mit Pjöngjang. Tatsächlich ist das aber der frühere Fremdenlegionär Jim Latrache-Qvortrup. Für »Mr. James« soll das abgeschottete Land nach mehreren Hinterzimmer-Treffen und Staatsakten eine Waffenfabrik in Afrika bauen. Mal mit versteckter, oft aber auch verblüffend offener Kamera belegen die zwei Hasardeure, wie leicht Diktaturen dank westlicher Hilfe jedes Handelsembargo umgehen.

Überraschend ist das - schon angesichts der kapitalistischen Skrupellosigkeit, die etwa in den Panama-Papers zum Vorschein kam - nicht. Dennoch fragt man sich von der ersten bis zur 120. Minute dieser Frontaldokumentation: warum machen die das? Weshalb riskieren hier zwei Freizeitspione, bei Enttarnung mit Lötkolben totgefoltert zu werden, wie Brügger einmal warnt? Wieso übergibt sich Larsen vor Angst, nachdem der Tyrannenfreund de Benós ihn mit einem Wanzensuchgerät fast enttarnt hätte, und macht doch einfach weiter? Die Antwort ist so simpel wie filigran: weil das Böse ohne die Selbstlosigkeit der Guten unbesiegbar wäre.

Anders als bei Reportagen offiziell eingereister Journalisten, liegt der Fokus hier also nicht auf dem üblichen Dictatorship-Porn Nordkoreas, dessen Unterdrückungsmechanismen gelegentlich auf bizarre Art fesselnd sind.

Alle Aufmerksamkeit gilt zwei Draufgängern im lebensgefährlichen Feindeinsatz, der nicht durch allzu üppiges Honorar gedeckt sein dürfte. Es geht also um Idealismus an der Grenze zur Selbstaufgabe, die Mads Brügger ohne Effekthascherei durch Schnitte, Musik, Dramaturgie begleitet.

Am eindringlichsten wird dieses Aufgehen zweier Individuen im humanistischen Bedürfnis, die Welt über eines der aktuell brutalsten Herrschaftssysteme und seine Komplizen aufzuklären, ganz am Schluss. Da beichtet der Maulwurf seiner Frau, sie unfassbare zehn Jahre lang hinters Licht geführt zu haben. An dieser Stelle des Films könnte James Bond nicht weiter von Ulrich Larsen entfernt sein - und das Fernsehen nicht näher am eigenen Ethos, die Wirklichkeit zu zeigen, wie sie ist. Nach dem Skandal um falsche Sexarbeiterinnen in der NDR-Doku »Lovemobil« ist das ein gutes Signal.

»Der Maulwurf« in der Mediathek von ZDF und 3Sat

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