»Genehmigt zu Zeiten des Commodore 64«

Die Anti-Atom-Bewegung will in Salzgitter mit Schacht Konrad eine weiteres nukleares Langzeitprojekt kippen

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 3 Min.
Mitarbeiter und Besucher stehen im Atomendlager Schacht Konrad.
Mitarbeiter und Besucher stehen im Atomendlager Schacht Konrad.

Jahrzehntelang wurde der Salzstock Gorleben auf seine Tauglichkeit als Endlager für die hochradioaktiven Abfälle erkundet. Der Standort war geologisch umstritten und politisch umkämpft. Im September schied er aus dem Suchverfahren aus. Nun will die Anti-Atom-Bewegung mit Schacht Konrad eine weiteres nukleares Langzeitprojekt kippen.

Das ehemalige Eisenerzbergwerk Konrad in Salzgitter wird von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) zum Bundesendlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle ausgebaut. Es soll bis zu 303 000 Kubikmeter Atommüll aufnehmen, die Inbetriebnahme ist nach immer neuen Verzögerungen für 2027 geplant. Aktuell werden die Baukosten mit 4,2 Milliarden Euro beziffert - ursprünglich waren 900 Millionen Euro kalkuliert worden.

Insgesamt 77 Anti-Atom-Initiativen sowie mehrere Umweltverbände fordern das Aus für Schacht Konrad. Die Pläne dafür stammten aus den 70er Jahren, so die am Montag verbreitete Erklärung. Es habe kein vergleichendes Auswahlverfahren gegeben. Nach heutigem Stand von Wissenschaft und Technik wäre das Endlager nicht genehmigungsfähig.

Bereits Anfang April hatte das aus Kommunalpolitik, Gewerkschaften, Landvolk und Umweltschützern bestehende Bündnis »Salzgitter gegen Konrad« einen sofortigen Baustopp verlangt. »Solange nicht bewiesen ist, dass Schacht Konrad den heutigen Anforderungen an ein tiefengeologisches Lager für radioaktive Abfälle entspricht, dürfen keine weiteren Fakten geschaffen und keine weiteren Gelder in der Tiefe versenkt werden«, sagt Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU). Matthias Wilhelm, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Salzgitter-Peine, beklagt, dass die Auswirkungen einer atomaren Lagerstätte auf Großbetriebe wie die Salzgitter AG und die Batteriezellenfertigung bei VW überhaupt noch nicht untersucht wurden. »Es ist absurd und verantwortungslos, ein Atommülllager mitten in einem Industriegebiet neben Störfallbetrieben errichten zu wollen.«

Dass sich Gewerkschafter so deutlich gegen eine Atomanlage positionieren, ist nicht selbstverständlich. Oft standen sich Gewerkschaften und Anti-Atom-Bewegte unversöhnlich gegenüber. Bei Grünen-Parteitagen setzten sich aufgebrachte Beschäftigte, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten, für längeren Betrieb der Reaktoren ein. In der Industrieregion Salzgitter aber halten besonders viele Metaller eine Inbetriebnahme von Schacht Konrad für unverantwortlich. Ein Endlager habe verheerende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Zudem warnt die IG Metall vor Gesundheitsgefährdung und der Gefahr schwerer Unfälle bei Atommülltransporten.

Auch die Bauernlobby hat sich bislang nicht als Atomkraftkritiker hervorgetan. Bei Schacht Konrad ist auch das anders. »Demnächst müssen acht Milliarden Menschen auf dem Erdball ernährt werden«, sagt Uli Löhr vom Landvolk. »Deswegen können wir es uns nicht leisten, in der Kornkammer Mitteleuropas die Erzeugung von Lebensmitteln durch ein Endlager zu gefährden, das genehmigt wurde, als der Commodore 64 eine technische Revolution darstellte.«

BGE und Atommüllbundesamt BASE teilen die Bedenken nicht. Sie betonen, dass die rechtskräftige Genehmigung für die Errichtung und den Betrieb des Endlagers seit 2002 vorliegt. Dabei zeichnet sich längst ab, dass Deutschland viel mehr schwach und mittelradioaktiven Atommüll vergraben muss als für Konrad kalkuliert wurde. Statt der ursprünglich veranschlagten 300 000 Kubikmeter könnte sich die Menge verdoppeln. Zum Atommüll zählt die Bundesregierung inzwischen auch Abfälle aus der Urananreicherungsanlage in Gronau (NRW), der aktuelle Entsorgungsplan gibt das Volumen der Gronauer Abfälle mit rund 100 000 Kubikmetern an. Weitere 200 000 Kubikmeter kämen hinzu, wenn das marode Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel geräumt wird.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung