Kein Urlaub in Antalya

Russland beschränkt wegen der Corona-Epidemie den Flugverkehr mit der Türkei

  • Von Birger Schütz
  • Lesedauer: 4 Min.
Böse Überraschung: Viele russische Türkeiurlauber müssen sich innerhalb kürzester Zeit ein neues Reiseziel suchen.
Böse Überraschung: Viele russische Türkeiurlauber müssen sich innerhalb kürzester Zeit ein neues Reiseziel suchen.

Ein nicht abreißender Strom von Anrufen, erboste Kunden, Stress: Seit Beginn dieser Woche arbeiten russische Reisebüros am Anschlag: Mehr als eine halbe Million genervter Touristen storniert derzeit gebuchte Flüge, gibt Flugtickets zurück und sucht hektisch nach einem neuen Urlaubsziel. Der Grund für das Chaos: Russland setzt ab Donnerstag für anderthalb Monate die Passagierflüge in die Türkei aus. Dies teilte Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa am Montagabend mit. Nur auf der Route Istanbul-Moskau soll bis Juni zweimal pro Woche noch ein Flieger verkehren. Außerdem werden Rückholflüge für rund 30 000 russische Touristen organisiert, die derzeit in dem Land Urlaub machen.

Offiziell begründet wird der Schritt mit den steigenden Corona-Zahlen in der Türkei. Russischen Angaben zufolge soll die Sieben-Tages-Inzidenz in dem Land derzeit bei einem Wert von 445 liegen, in Russland stehe die Marke dagegen bei 45. Bereits in der vergangenen Woche hatte Rospotrebnadsor, die russische Behörde für Gesundheitsschutz, vor südamerikanischen und britischen Virusvarianten gewarnt, die russische Urlauber aus der Türkei einschleppen würden.

An dieser Begründung gibt es allerdings auch Zweifel. Denn die Moskauer Entscheidung erfolgte nur kurz nach einem Treffen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit seinem ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj. »Wird zwar mit Covid-19 begründet, hat aber wohl mit der engen Zusammenarbeit Ukraine-Türkei und der türkischen Unterstützung für den Nato-Beitritt der Ukraine zu tun«, vermutete der Russlandforscher Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck im Kurznachrichtendienst Twitter.

Dmitri Peskow wies Spekulationen über einen Zusammenhang mit dem Treffen indes zurück. »Nein«, erklärte der Kremlsprecher am Montag, »das hängt mit der besorgniserregenden epidemiologischen Situation zusammen.«

Selenskyj und Erdoğan waren vor dem Hintergrund des sich wieder verschärfenden Ukrainekonflikts am vergangenen Sonnabend in Ankara zusammengekommen. Nach dem dreistündigen Gespräch bezeichnete Präsident Erdoğan die Lage an der Grenze zur Ostukraine, wo Russland seit Mitte März rund 4000 Soldaten, Panzer und Kriegsmaterial zusammenzieht, als besorgniserregend und sicherte Kiew volle Unterstützung bei der Suche nach einer friedlichen Lösung zu.

Beide Länder unterhalten enge Beziehungen. Die Türkei gilt als traditionelle Schutzmacht der auf der Krim lebenden turksprachigen Minderheit der Krimtataren.

»Wir glauben daran, dass die aktuelle Krise auf Basis der Integrität der Ukraine und internationalen Rechts mit friedlichen und diplomatischen Methoden gelöst werden muss«, so der türkische Präsident. Erdoğan mahnte eine Lösung auf Grundlage des Minsker Abkommens an, machte sich für einen Nato-Beitritt der Ukraine stark und kündigte an, Ankara werde auch weiterhin die russische Annexion der Krim nicht anerkennen.

In dem Gespräch ging es außerdem um eine Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Insbesondere im Bereich des Flugzeugbaus solle demnach die Kooperation vertieft werden, erläuterte der ukrainische Präsident Selenskyj. Einen Tag vor dem Treffen war bekannt geworden, dass die Ukraine Kampfdrohnen des Typs Bayraktar von der Türkei erworben hatte.

In Moskau reagierte man verschnupft auf den türkischen Vorstoß. Vor allem der Drohnendeal mit Kiew sorgte für Ablehnung. Man empfehle »allen verantwortungsbewussten Ländern, darunter auch die Türkei, nachdrücklich, die ständigen kriegerischen Äußerungen des Kiewer Regimes zu analysieren«, erklärte Außenminister Sergej Lawrow am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Tass. »Wir warnen davor, diese militaristischen Stimmungen zu schüren« Im Föderationsrat forderte die Senatorin Olga Kowitidi, man müsse Erdoğan nachdrücklich daran erinnern, dass der russische Präsident die Krim unter keinen Umständen an die Ukraine zurückgeben werde.

Moskaus Entscheidung ist ein harter Schlag für den ohnehin angeschlagenen türkischen Tourismussektor. Laut Wirtschaftszeitung »RBK« stellen Russen die größte Urlaubergruppe in der Türkei dar. Allein 2019 besuchten mehr als sieben Millionen russischer Touristen das Land und spülten Geld in die Kassen. Einnahmen, die nun fehlen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung