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Potenzial ist nicht alles

Borussia Dortmund verabschiedet sich fast kampflos aus der Champions League

  • Von Daniel Theweleit, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine »unglaubliche Qualität« bescheinigte ManCity-Coach Guardiola den Dortmundern nach deren Ausscheiden aus der Königsklasse.
Eine »unglaubliche Qualität« bescheinigte ManCity-Coach Guardiola den Dortmundern nach deren Ausscheiden aus der Königsklasse.

Es passt gut zu dieser Saison von Borussia Dortmund, dass der Klub am Ende doch relativ leise aus der Champions League ausgeschieden ist. Ohne ein großes Drama in der Schlussphase, wie es der FC Bayern München am Abend zuvor in Paris geboten hatte. Ohne wilde Schlacht. Am Ende des 1:2 (1:0) gegen Manchester City ist diese Europapokalsaison für die Dortmunder irgendwie ausgetrudelt. Drei Tore hätten sie noch gebraucht, an so ein Wunder glaubte niemand mehr. »Wir sind stolz darüber, dass wir alles auf dem Platz gegeben haben, was wir zu bieten hatten«, sagte Trainer Edin Terzic, der weder besonders traurig noch unzufrieden wirkte. Diese Attitüde erzählt viel über das Wesen seiner Mannschaft, die mehr gebraucht hätte als Talent, eine ganz ordentliche Leistung und Stolz auf das bereits Erreichte, um erstmals seit 2013 wieder ins Halbfinale der Königsklasse einzuziehen.

Vieles sah auch an diesem Abend ganz gut aus: »Die Spieler haben eine unglaubliche Qualität. Sie haben einen guten Mix aus erfahrenen Spielern wie Hummels und Reus und aus jungen wie Jude Bellingham«, sagte Manchesters Trainer Pep Guardiola über die Dortmunder. Aber der BVB hat diese »unglaubliche Qualität« auch in diesem Jahr nicht mit diesem schwer greifbaren Faktor verbunden, der unerlässlich ist, wenn Außenseiter etwas ganz Besonderes leisten wollen: Es fehlte eine innere Kraft, die Fußballmannschaften in großen Momenten über sich hinauswachsen lässt. Ein Glaube und dazu eine gewisse Widerstandskraft. Auch der womöglich von Transfergerüchten abgelenkte Erling Haaland konnte keine entscheidenden Impulse mehr geben.

Der erkennbare Spannungsabfall in der zweiten Halbzeit, als alles bereit war für einen großen Showdown ist typisch für den BVB des laufenden Spieljahres. Die Mannschaft kann hervorragend spielen und gelegentlich auch Rückschläge wegstecken. Allzu oft jedoch fehlte diese Fähigkeit, die an Wendepunkten einer Saison erforderlich ist.

Mehrfach wies Terzic nach der Partie darauf hin, dass die Dortmunder »nach drei von vier Halbzeiten weiter gewesen« wäre, für den Trainer war das ein Zeichen der Stärke. Man kann das so sehen. Zugleich verbirgt sich hinter diesem Befund jedoch das große Problem der Dortmunder. Bei allem Potenzial machen sie einfach zu viele Fehler.

Torhüter Marvin Hitz hätte Phil Fodens Schuss zum 2:1 halten müssen, und Emre Can hatte den Engländern bereits im Hinspiel mit einem gruseligen Fehlpass ein Tor geschenkt. Nun verursachte er einen Handelfmeter, der zum viel diskutierten Wendepunkt dieser vorerst letzten Partie des BVB auf diesem Niveau geworden war. Dem Nationalspieler war eine Flanke in den Strafraum zunächst an den Kopf und dann an den eigenen Oberarm gesprungen, »ganz klar Elfmeter«, sagte Guardiola, während sein Dortmunder Kollege Terzic erklärte: »Vor der Saison gab es Schiedsrichterschulungen, und es wurde ganz klar gesagt, dass es nicht als regelwidrig angesehen wird, wenn man sich an die eigene Hand köpft.« Zumindest in der Bundesliga wäre der Pfiff wohl nach Videostudium zurückgenommen worden, in der Champions League aber traf Manchesters Riyad Mahrez zum 1:1 (55.).

Das war die Schlüsselszene, die der Partie eine andere Richtung gab. Ein Moment, der von Pech beeinflusst war, aber auch von Cans Unvermögen. Eine Situation, die an einem Abend, der eine Sensation hervorbringen soll, nicht passieren darf. »Das Spiel hat sich nach dem 1:1 geändert«, sagte Can. Dabei war es den Dortmunder zuvor gelungen, die Akteure von Manchester City in jenen psychischen Zustand hinein zu führen, den sie angestrebt hatten. »Wir trauten uns nicht viel zu, hatten vielleicht Angst, etwas zu verlieren«, sagte Manchesters Ilkay Gündogan über den Beginn der Partie, als die Dortmunder großartig gespielt hatten: mutig, konzentriert und zielstrebig nach vorne. Jude Bellingham war das 1:0 gelungen (15.), das auch zur Pause noch Bestand hatte. »Nach drei von vier Halbzeiten waren wir weiter«, sagte Terzic noch einmal. Die knappe Führung nach 45 Minuten hätte den Dortmundern tatsächlich fürs Halbfinale gereicht.

Solche Gedanken sind jedoch Gift. Stolz auf wertlose Zwischenergebnisse stillt den Hunger. Und so wurde es am Ende nicht einmal mehr richtig spannend. Weniger aufgrund der fußballerischen Qualität des BVB als aufgrund der mentalen Verfassung dieser Mannschaft war für einfach nicht mehr möglich als die Teilnahme an diesem Viertelfinale.

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